April 26th, 2005

Zwischen allen Stühlen - Zur Rolle des Zentralrats der Juden in Deutschland im Geflecht der deutsch-israelischen Beziehungen

Vortrag von Dr. Salomon Korn anlässlich einer Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema: 40 Jahre Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel

In den vergangenen fünf Jahrzehnten wurde der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland häufig eine Brückenfunktion innerhalb der deutsch-jüdisch-israelischen Beziehungen zugeschrieben - allerdings nur von deutscher Seite. Aus offizieller israelischer Sicht waren die in Deutschland lebenden Juden einer solchen Rolle nicht würdig. Seit wenigen Jahren wandelt sich diese Einstellung. Die jüdischen Gemeinden in Deutschland seien für ihn, so der israelische Botschafter in Berlin, Shimon Stein, im Dezember 2004 "natürliche Partner, die mit mir in einer Schicksalsgemeinschaft verbunden sind." Israel benötige die Hilfe der jüdischen Gemeinden, um das negative Bild Israels in der deutschen Öffentlichkeit zu revidieren. In diesem Zusammenhang bezeichnet Stein die jüdischen Gemeinden "als Brücke zwischen den beiden Staaten". Die von ihm verwendete Metapher der "Brücke" lässt breiten Raum für Deutungen. Ob reale oder imaginäre Brücke: im Mittelpunkt steht vor allem die Frage nach deren Haltbarkeit und Belastbarkeit. Schließlich dient sie dazu, Abgründe zu überspannen und auseinanderliegende Seiten zu verbinden.

Was nun die Rolle der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland anbelangt, so ist festzustellen, dass sie - gewollt oder ungewollt – immer eine "Brückenfunktion" inne hatte. Von Interesse ist dabei, in welchem Zustand sich diese metaphorische Brücke über Jahrzehnte hinweg befand, denn lange Zeit war der Brückenschlag nur auf einer Seite gewollt. Erst die im Zuge der zweiten Intifada verschärfte Israelkritik und das Anwachsen des Antisemitismus in Deutschland und Europa erzeugten in Israel einen Handlungsdruck, der in Shimon Steins zitierter Bemerkung gipfelte. Die von Israel ausgesandten Appelle und Forderungen nach stärkerer Einbindung jüdischer Diasporagemeinden mögen aus israelischer Sicht folgerichtig gewesen sein. Für Juden außerhalb Israels ergab sich daraus jedoch das Problem, in ihren jeweiligen Ländern Stellung dazu beziehen zu müssen. Abgesehen davon bildeten auch in diesem aktuellen Fall nicht etwa das Bemühen um die Zukunft des Judentums 60 Jahre nach der Shoah und gemeinsame Anstrengungen zur Wiederbelebung und Erneuerung jüdischer Tradition und Kultur weltweit den Impuls zur Überbrückung innerjüdischer Gegensätze, sondern wachsende Israelfeindlichkeit und wachsender Antisemitismus.

Im Rückblick wird deutlich, dass die zu verbindenden Seiten, die nichtjüdische deutsche Öffentlichkeit einerseits und Israels Regierung und Bevölkerung andererseits, den in Deutschland lebenden Juden über Jahrzehnte hinweg wenig Aufmerksamkeit schenkten. Diese Tatsache spiegelt nicht nur die Komplexität der deutsch-jüdisch-israelischen Verflechtungen wider, sondern wirft vor allem die Frage nach dem Ursprung dieser Entwicklung auf. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die israelische Regierung und die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft in Deutschland in ihren Haltungen gegenüber den in Deutschland lebenden Juden in einem Punkt Gemeinsamkeit aufwiesen: Auf beiden Seiten stellte kaum jemand die Frage, wer diese rund 15.000 übriggebliebenen Juden eigentlich waren, die nach der Befreiung der Konzentrationslager und Auflösung der Displaced Persons-Lager Deutschland nicht verlassen hatten. Die Tragik dieser Menschen war, dass sie sich selbst zum Teil lebenslang als Durchreisende verstanden, aus persönlichen Gründen und Schwierigkeiten heraus jedoch in Deutschland blieben. Sie richteten sich ein, ohne Wurzeln zu schlagen; zum großen Teil stammten sie aus Osteuropa. Nur eine Minderheit war deutsch-jüdischer Herkunft. Religiös mehrheitlich orthodox und zionistisch geprägt, pflegten sie in den DP-Lagern intensiv ihre Kultur, ohne viel von deutscher Kultur und Tradition zu wissen. Die imaginäre Heimat dieser Juden war und blieb Israel. Übersetzt in das Bild von der "Brücke" wurden diese Menschen durch ihre bloße Anwesenheit und entgegen ihrer persönlichen inneren Einstellung von nichtjüdischer deutscher Seite als Pfeiler einer imaginären Brücke zwischen Deutschland und Israel gesehen. Für sie aber stand alles Deutsche unter Verdacht und versinnbildlichte die unauslöschliche Schuld an der erlittenen Katastrophe.

Mit der Gründung des Zentralrates 1950 in Frankfurt am Main wurden die Träume und Sehnsüchte der in Deutschland gestrandeten Juden von einem Leben fern von Deutschland, im neu gegründeten Staat Israel oder im Ausland keineswegs begraben. Lange Zeit blieb die Haltung des Zentralrates, der ersten jüdischen Dachorganisation in einem demokratischen deutschen Staat, in der heiklen Frage "Bleiben oder Gehen?" ambivalent. Auch die das schlechte Gewissen besänftigende Vorstellung von so genannten "Liquidationsgemeinden" als Übergangslösung hielt sich trotz der fortschreitenden Etablierung eines geregelten Gemeindelebens über viele Jahrzehnte hinweg. Die Nachgeborenen der Männer und Frauen aus den DP-Lagern bauten in kleinen, aber zunehmend entschlossenen Schritten auf dem vorhandenen, fragilen Fundament auf. Nach wie vor fehlte die Bereitschaft, sich mit Deutschland zu identifizieren. Und doch festigte dieser Zustand des Verweilens unmerklich die zaghaft wachsende jüdische Gemeinschaft. Offen zugegeben hätte dies damals niemand. Zu groß war bei den meisten Juden das schlechte Gewissen und die Scham, Deutschland nicht hinter sich gelassen zu haben. So sahen sie ihre Zukunft weiterhin im Ausland, vor allem in Israel, und wollten dort ihre Beiträge und Spenden investiert sehen.

Die nichtjüdische deutsche Öffentlichkeit nahm von dem innerjüdischen Ringen um Identität, Religion und Heimat kaum Notiz. Ob aus Scham, Unsicherheit oder Antisemitismus: die Existenz jüdischer Gemeinden wurde bis in die siebziger Jahre allenfalls bei Gedenktagen wahrgenommen. Für die nichtjüdische Öffentlichkeit repräsentierten die jeweiligen Vorsitzenden des Zentralrats die in Deutschland lebenden Juden. Wie viele, oder besser wie wenige Juden tatsächlich in Deutschland lebten, wusste auf nichtjüdischer Seite so gut wie niemand zu sagen. Die Schätzungen übertrafen die wirkliche Zahl meist um ein Vielfaches - eine verzerrte Wahrnehmung, die im Wesentlichen auf eine im Verhältnis zum bescheidenen Umfang der jüdischen Gemeinschaft starke öffentliche Präsenz jüdischer Repräsentanten im politischen und gesellschaftlichen Leben der Bundesrepublik zurückzuführen ist.

Nur zu gern instrumentalisierten die jeweiligen Bundesregierungen jüdische Funktionsträger für außenpolitische Zwecke. Im Zentrum stand dabei von offizieller Seite das Bemühen um sichtbare Gesten der Normalisierung des deutsch-jüdischen Verhältnisses, so, als sei dieses eine Art verselbständigte innerstaatliche diplomatische Beziehung. Die Vertreter der Juden in Deutschland wandelten dabei auf schmalem Grat. Groß war die Gefahr, durch zu viel Versöhnungsbereitschaft "Verrat" an den Opfern des Holocaust zu begehen. Ebenso wenig wollten die Repräsentanten des Zentralrats als rückwärtsgewandte, unversöhnliche Mahner missverstanden oder als Lordsiegelbewahrer des begehrten Koscher-Stempels für öffentlichkeitswirksames Gedenken dienen. Und dann waren da noch Israel und die verschiedenen internationalen jüdischen Organisationen, deren Vertreter in Bonn und später in Berlin die Aktivitäten des Zentralrats mit kritischem, ablehnenden Blick zur Kenntnis nahmen.

Insgesamt ergab sich für den Zentralrat aus dem Bemühen um Ausgleich zwischen der historisch, religiös, familiär geprägten emotionalen Beziehung zu Israel und den rationalen politischen Notwendigkeiten als Spitzenorganisation der Juden hinsichtlich deutscher Interessen ein nahezu unüberwindlicher Spagat. Aktuell lässt sich das am Ringen zwischen der Bundesrepublik und Israel um eine Lösung in der heiklen Frage der Zuwanderung aus den ehemaligen GUS-Staaten aufzeigen. So nachvollziehbar das Ansinnen der israelischen Regierung einerseits auch ist, die Zuwanderung von Juden in Richtung Israel lenken zu wollen, so verständlich ist andererseits die Haltung der Bundesregierung, aus historischer Verantwortung und Verpflichtung heraus, den einwanderungswilligen Juden nicht den Zuzug nach Deutschland zu verweigern. Für den Zentralrat wiederum steht der humanitäre Aspekt im Vordergrund. Menschen, die sich verfolgt fühlen und diskriminiert werden, seien es Juden oder Nichtjuden, dürfen nicht abgewiesen werden, wenn sie nach Deutschland kommen wollen. Dass diese Position im Falle der jüdischen Zuwanderer aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion den israelischen Interessen zuwiderläuft, ist bedauerlich, aber unter den gegebenen Umständen unvermeidbar.

Überlegungen hinsichtlich der Rolle der jüdischen Gemeinden und des Zentralrats im deutsch-jüdisch-israelischen Verhältnis waren nach dem Zweiten Weltkrieg und in den darauf folgenden rund 50 Jahren von eher theoretischer Natur, da von israelischer Seite keinerlei Interesse an einer solchen Mittlerrolle bestand. Zwischen 1950, dem Gründungsjahr des Zentralrates der Juden in Deutschland, und dem Beginn der neunziger Jahre, als sich durch die politische Wende in Osteuropa und den Zuzug von Juden aus den ehemaligen GUS-Staaten die Situation der jüdischen Gemeinden in Deutschland grundlegend wandelte, hätten die Beziehungen zwischen den Juden in Israel und weiten Teilen der Diaspora einerseits und den in Deutschland lebenden Juden andererseits kaum schwieriger sein können. In seiner Grußbotschaft zum 50jährigen Jubiläum des Zentralrats im Jahr 2000 erinnerte Avi Primor, der frühere Botschafter Israels in der Bundesrepublik, mit bemerkenswerter Offenheit an die Distanz, ja Verachtung, mit der den in Deutschland lebenden Juden über Jahrzehnte hinweg von israelischer Seite begegnet worden war. Die Argumente für diese nahezu feindselige Haltung sind bekannt: Mit der Gründung des Staates Israel gab es aus zionistischer Sicht für Juden keinen vernünftigen Grund mehr, im "Exil" und damit in einem als erniedrigend geltenden Zustand zu verharren. Als unerträglich und inakzeptabel erachteten es nicht nur die Ideologen unter den Zionisten, dass einige Tausend Juden nach der Befreiung der Konzentrationslager in Deutschland geblieben waren und im "Land der Henker" schrittweise eine jüdische Infrastruktur aufgebaut hatten. Dies widersprach der zionistischen Forderung, nach der es nie wieder jüdisches Leben in Deutschland geben durfte. Die völlige Abwesenheit von Juden galt als eindrücklichstes Mahnmal der nationalsozialistischen Judenvernichtung.

Die sich Ende der 40er Jahre abzeichnende Institutionalisierung des jüdischen Gemeindelebens in Deutschland rief deshalb bei zahlreichen jüdischen Organisationen im Ausland sowie in der israelischen Öffentlichkeit lautstarke Empörung und Verständnislosigkeit hervor. Der in Deutschland geborene, linksliberale Verleger und Journalist Gershom Schocken verstieg sich in seiner Zeitung "Haaretz" zu der Forderung: "Israels Regierung und die jüdische Weltorganisation sind aufgefordert, Maßnahmen zu treffen, um die restlichen Juden aus Deutschland heraus zu schaffen, so dass es dort bald keine Juden mehr geben wird." Schockens radikaler Vorschlag war an höherer Stelle längst in konkrete Maßnahmen umgesetzt worden. Bereits vier Wochen nach der Gründung des Zentralrates stellte der Sochnuth (Jewish Agency for Israel) den in Deutschland lebenden Juden ein Ultimatum von sechs Wochen, um das Land zu verlassen. Wer sich nach dieser Frist in Deutschland aufhielte, so die Vertreter der Jewish Agency, sollte alle Rechte, die Juden bei der Einwanderung nach Israel zustehen, verlieren. Flankiert war diese Drohung, die die Schließung der Büros der Sochnuth in Deutschland zur Folge hatte, durch unterschiedliche Gängelungen. So wurde, um nur zwei Beispiele zu nennen, den Juden in Deutschland das Recht abgesprochen, Vertreter zum nächsten Zionistischen Kongreß zu entsenden und die Zahl der deutschen Teilnehmer an der Maccabiade in Israel im Unterschied zu allen anderen Ländern offiziell begrenzt.

Schmähungen, Feindseligkeiten und Beleidigungen verstummten auch in den darauf folgenden Jahrzehnten nie ganz. Noch Mitte der 60er Jahre fühlte sich der damalige Vorsitzende des Zentralrats, Heinz Galinski, im Anschluss an den Jüdischen Weltkongress in Brüssel zu einer entsprechenden Reaktion herausgefordert: "Sind wir," so richtete sich Galinski aufgebracht an die Juden in aller Welt, "die wir seit der Stunde des Zusammenbruchs des Nationalsozialismus wieder in Deutschland ansässig sind, nicht auch Überlebende der hitlerschen Konzentrationslager? Sind unter uns nicht auch zahlreiche, die aus ihrer früheren Heimat vertrieben wurden und doch den Weg wieder zurück fanden? Leben in unserer Gemeinschaft denn nicht auch die zwangsweise Untergetauchten; wir alle, die Gehetzten, Verfemten, die täglich den Tod vor den Augen hatten?" Galinski scheute sich nicht, im gleichen Artikel auch diejenigen Vertreter jüdischer Organisationen oder israelischer Regierungsstellen an den Pranger zu stellen, die auf diplomatischer Ebene längst in engem Kontakt mit gleichrangigen bundesrepublikanischen Gesprächspartnern standen, gleichzeitig aber die in Deutschland lebenden Juden mit Nichtachtung straften.

Was Galinski scharf als "Doppelzüngigkeit" kritisierte, war über viele Jahre hinweg die offizielle Haltung Israels. Yohanan Meroz, der sich große Verdienste um die deutsch-israelischen Beziehungen erworben hat und von 1974-1981 israelischer Botschafter in Bonn war, brachte die damalige israelische Sichtweise in seinen Erinnerungen auf den Punkt: Er wolle nicht über die in Deutschland lebenden Juden richten, so Meroz; die Bildung einer institutionalisierten Diaspora auf deutschem Boden sei jedoch ebenso abzulehnen wie "die Anmaßung dieser Diaspora, eine Aufgabe als Vermittler zwischen Deutschland und Israel zu haben". Der von Meroz abfällig als "der Apparat" bezeichnete "Zentralrat" galt ihm als überflüssiges, ineffektives Verwaltungsmonstrum ohne Daseinsberechtigung. Kern der Kritik des einstmals deutschen Juden Meroz war der Vorwurf, die Juden in Deutschland versuchten hilflos etwas aufleben zu lassen, was unwiderruflich vorbei sei. Weitaus schwerer wog aus seiner Sicht jedoch, dass der so genannte "Apparat" durch seine Einmischung in die bilateralen Kontakte beider Staaten die Entwicklung eines gleichberechtigten, an praktischen Erfordernissen orientierten Miteinanders behindere:

" Aus dieser Realität", so die Schlussfolgerung des Diplomaten, " und nur aus ihr allein, ergeben sich völlig neue Zukunftsperspektiven, die nicht durch alte Fehlvorstellungen – oder persönliche Ambitionen – belastet werden dürfen. In diesem "Prinzip Hoffnung" hat eine jüdische Gemeinschaft in Deutschland keine Zwischenrolle auszufüllen".

Dass es diese "Zwischenrolle" oder Brückenfunktion dennoch gab, steht außer Frage, ebenso die Tatsache, dass Israel wie die Judenheit insgesamt von der Arbeit des Zentralrats und dem Eintreten der Juden in Deutschland für Israel profitiert haben. In allen wichtigen Fragen, die in den vergangenen 55 Jahren für die Überlebenden des Holocaust, die Hinterbliebenen der Opfer, die ehemaligen Zwangsarbeiter und insbesondere auch für die Juden in Israel von Belang waren, wirkten die Vertreter des Zentralrats und der Gemeinden als aufrichtige Mittler. Vorherrschend war und ist das Bestreben, sich weder einseitig für deutsche, noch für israelische Interessen einspannen zu lassen oder gar eigene außenpolitische Ziele zu verfolgen. Die von Medienvertretern oder Politikern gern gestellte Frage, inwieweit der Zentralrat im Zusammenhang mit der jeweils aktuellen israelischen Politik nicht mit doppelten moralischen Standards messe, entlarvt sich deshalb ganz von selbst als latent antisemitisch. Das alte Vorurteil von den Juden als den illoyalen, ausschließlich dem jüdischen Volk verpflichteten Untertanen und Staatsbürgern tritt in dieser Unterstellung unverholen zutage. Denn verständlicherweise fällt es vielen Juden, auch den jüngeren, bis heute schwer, Israel öffentlich zu kritisieren, von Nichtjuden kritisiert zu sehen oder sich in bestimmten kritischen Situationen nicht mit Israel zu solidarisieren. Das wird so bleiben, bis die Judenheit keine verfolgte Minderheit mehr sein wird und auf die beruhigende Gewissheit eines im Notfall sicheren Fluchtortes verzichten kann. Dieses Empfinden ist jedoch nicht Ausdruck eines Loyalitätskonflikts, wie von nichtjüdischer Seite gelegentlich der Eindruck erweckt wird, sondern Folge von Unsicherheit, anhaltender Ungewissheit und leidvoller historischer Erfahrung.

Die skizzierten innerjüdischen Spannungen zählen zu den traurigen, belastenden Langzeitfolgen des nationalsozialistischen Menschheitsverbrechens. Sie trugen im Beziehungsgeflecht zwischen Israel, der Bundesrepublik Deutschland und der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland dazu bei, konfliktbehaftete Entwicklungen auszulösen. Ein anschauliches Beispiel dafür bot in der jüngeren Vergangenheit die Deutschland-Visite des israelischen Staatspräsidenten Ezer Weizmann im Jahr 1996. Aufsehen erregte der Besuch des ranghöchsten Repräsentanten Israels unter anderem, weil Weizmann vor den Abgeordneten des Deutschen Bundestages eine inhaltlich wie auch durch ihre literarische Sprache bewegende Rede hielt. Schon im Vorfeld seiner Reise aber hatte Weizmann auf unverblümte Weise die Existenz jüdischen Lebens und jüdischer Gemeinden auf deutschem Boden kritisiert. Er könne nicht verstehen, so Weizmann, dass Juden nach den Verbrechen der Nazis weiterhin in deren Land lebten. Selbst heute würden die Deutschen die Juden in ihrer Mitte verachten. Vertreter des Zentralrats, allen voran Ignatz Bubis sel.A, verwahrten sich in aller Form gegen diesen abschätzigen Kommentar. Einmal mehr war durch diesen Vorfall die für die vorausgegangenen vierzig Jahre bezeichnende Situation entstanden, dass sich die Beziehungen zwischen den Regierungen Israels und der Bundesrepublik stetig verbesserten, der jüdische Teil der deutschen Bevölkerung jedoch von Seiten Israels mit Nichtachtung für ihr vermeintliches Fehlverhalten gestraft wurde.

Die Juden in Deutschland saßen zwischen allen Stühlen. Eine Tatsache, die sich auch am Verhalten der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft in Deutschland ablesen ließ. Dem lange Zeit alles andere als einvernehmlichen Verhältnis zwischen den in Deutschland lebenden Juden und Israel wurde keine weitere Beachtung geschenkt - im Gegenteil: aus Sicht vieler deutscher Nichtjuden war und ist ein Jude, gleichgültig welcher Nationalität, immer auch irgendwie ein Israeli. Jeder in der Diaspora lebende Jude kennt die absurden Situationen, die überall auf der Welt aus dieser unterstellten Zweistaatlichkeit erwachsen. Zu den zahlreichen Beispielen, die Ignatz Bubis erlebt hatte, zählt auch folgende Begebenheit: Im Anschluss an die erwähnte Rede Ezer Weizmanns erhielt Bubis von einem Gesprächspartner das zweifelhafte Kompliment: " Ihr Präsident hat heute eine wunderbare Rede vor dem Bundestag gehalten". Schlagfertig erwiderte Bubis: "Ist das so? Ich wusste gar nicht, dass Roman Herzog heute vor dem Bundestag eine Rede gehalten hat". Dass Bubis in seiner Funktion als höchster Vertreter der Juden in Deutschland kurz zuvor von Weizmann eine schroffe Abfuhr für seine Loyalität Deutschland gegenüber erhalten hatte und nun zum Israeli erklärt wurde, entbehrt nicht bitterer Ironie.

Auch in anderer Hinsicht ist dieses Erlebnis von Ignatz Bubis allenfalls auf den ersten Blick eine amüsante Anekdote. Sie wirft ein bezeichnendes Licht auf die bei Nichtjuden nach wie vor verbreiteten Wissenslücken, auf tief verankerte Vorurteile und verletzende Ignoranz in Sachen Judentum und Israel. Die hohe Qualität der deutsch-israelischen Beziehungen, die Städtepartnerschaften und Jugendaustausch-Programme haben daran bislang nur wenig ändern können. Die offensichtliche Diskrepanz zwischen Substanz und Güte offizieller Kontakte einerseits und gegenwärtigem Ausmaß antisemitischer und antiisraelischer Einstellungen andererseits ist besorgniserregend: dies umso mehr angesichts des Wiedererstarkens rechtsradikaler, verfassungsfeindlicher Parteien, insbesondere der NPD und deren jüngsten Auftritten.

Blickt man zurück, verwundert diese Entwicklung kaum. Bis weit in die sechziger Jahre war die deutsche Mehrheitsgesellschaft fast zwanghaft bemüht, die Existenz der wieder unter ihnen lebenden Juden zu ignorieren. Ihr Interesse richtete sich vor allem auf ein nostalgisch verklärtes Vorkriegsjudentum. Im Mittelpunkt standen und stehen die immer gleichen Namen deutsch-jüdischer Künstler, Wissenschaftler und Geistesgrößen, Ikonen einer vermeintlichen, nachträglich konstruierten deutsch-jüdischen Symbiose. Kollektiv beweint wurde nahezu ausschließlich die geistig-künstlerische "Selbstamputation des deutschen Volkes", selten die menschlich-emotionale – eine Selbstamputation ohne Phantomschmerz. Der Umstand, dass Juden und Nichtjuden viel zu selten ins Gespräch kommen und es angesichts der geringen Anzahl von Juden in Deutschland kaum nachbarschaftliche Kontakte gibt, konservierte ein hohes Maß an Verkrampfung, Künstlichkeit und Empfindlichkeit im deutsch-jüdischen Miteinander

Es war vor allem Ignatz Bubis, dem es in seiner Amtszeit gelang, diese Starre partiell aufzubrechen, die Zurückgezogenheit der Juden teilweise zu beenden und Nichtjuden auch zu Belangen der jüdischen Gemeinschaft Stellung beziehen zu lassen. Bubis trieb an und war selbst getrieben vom Wunsch, die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen voran zu bringen und die deutsch-israelischen Beziehungen zu festigen. Er war überzeugt davon, dass die Rückbesinnung auf die Vergangenheit als Grundlage der zukünftigen deutsch-jüdisch-israelischen Beziehungen allein nicht ausreichen werde. Ganz im Sinne von Ignatz Bubis müssen die Kontakte unter Israelis, in Deutschland lebenden Juden und Nichtjuden der jüngeren Generation keineswegs nur ausgebaut, sondern in vielen Fällen überhaupt erst einmal geknüpft werden.

In engem Zusammenhang damit steht ein aktuelles Phänomen, das in der Vergangenheit zeitweise immer mehr abzunehmen schien. Gemeint ist der im Zuge des Nahostkonflikts stetig deutlicher zu Tage tretende Antisemitismus in Deutschland und Europa. Die jüngsten Entwicklungen und Friedensbemühungen lassen zwar langfristig auf einen Wandel hoffen, dennoch schürt die fortgesetzte Diskriminierung von Juden nicht nur bei den in Deutschland lebenden Juden Ängste. Es ist schlimm genug, dass sich Juden für das militärische Vorgehen Israels weltweit in Kollektivhaftung genommen sehen und Juden in Deutschland von einem Bundstagsabgeordneten – vorsichtshalber im Konjunktiv - zu Angehörigen eines "Tätervolks" erklärt werden. Besorgniserregend aber ist vor allem die durch Umfragen belegte Tatsache, dass es sich hierbei nicht um einen "neuen" Antisemitismus handelt, sondern der vorhandene sich in seinem wahren Ausmaß zunehmend entlarvt.

Der denkwürdige Deutschland-Besuch Ezer Weizmanns liegt inzwischen neun Jahre zurück. Seitdem hat sich in den Beziehungen zwischen Israel und den Juden in Deutschland – erfreulicherweise - viel getan. Zu danken ist diese Entwicklung nicht zuletzt auch dem israelischen Staatspräsidenten Moshe Katsav. Mehrfach hat Präsident Katsav bei seinen zurückliegenden Deutschland-Besuchen deutliche Zeichen der Verbundenheit, ja Freundschaft mit den in Deutschland lebenden Juden gesetzt. Von hoher symbolischer Bedeutung war seine Anwesenheit bei der Einweihung der Bergischen Synagoge in Wuppertal im Jahr 2002. Ein Ereignis, das über Jahrzehnte hinweg unvorstellbar schien, wurde damals Wirklichkeit. Anlässe wie diese bestärken all jene in Deutschland lebenden Juden, die an eine aussichtsreiche Weiterentwicklung des deutsch-jüdischen und jüdisch-israelischen Miteinandersglauben. Dieses Engagement kann dazu beitragen, folgende, vom Frankfurter Rabbiner Weinberg sel.A. geäußerte Hoffnung, ein Stück weit Wirklichkeit werden zu lassen: "Mögen sich (…) immer zahlreiche deutsche Menschen finden, die den Mut haben, sich in den Riss, der nicht nur zwischen Juden und Deutschen, sondern durch die ganze Welt geht, zu stellen und neue Brücken zu bauen."

Es ist nicht überliefert, wie sich Rabbiner Weinberg diese universell verstandene Brücke der Menschlichkeit und Verständigung vorstellte, ebenso wenig, ob er bei der Verwendung der Metapher vielleicht ein dauerhaftes Material wie Stein oder Stahl vor Augen hatte. Wohl kaum, denn dafür hatte der Holocaust seinen Glauben an die Haltbarkeit und Belastbarkeit menschlicher Beziehungen zu tief erschüttert. Treffender erscheint die Vorstellung einer fragilen, aber tragfähigen Brücke aus einem lebenden Material: aus Holz. Einem Material, das nicht vorschnell verspricht, jeder Belastung für alle Zeiten stand zu halten - eines, das steter Aufmerksamkeit und Wachsamkeit bedarf, wenn seine Tragfähigkeit dauerhaft gesichert sein soll.