April 17th, 2005

60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen

Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland Dr. h.c. Paul Spiegel anlässlich der Gedenkfeier

in der Gedenkstätte Bergen-Belsen am 17. April 2005

- Es gilt das gesprochene Wort -


Die nationalsozialistischen Konzentrationslager, Zwangsghettos und Todesstätten waren in sich abgeschlossene Welten. Welten, die sich zusammensetzten aus all dem, was jeder Mensch fürchtet und verabscheut: Schmerz, Dreck, Verrat, Brutalität, Einsamkeit, Hunger, Durst, Angst, Kälte, Krankheit, Gier – und Tod. Dieser Mikrokosmos des Grauens schien irgendwo außerhalb der zivilisierten Welt angesiedelt und lag in Wirklichkeit – auch geographisch - inmitten der Gesellschaft. Qual, Terror und Vernichtungswut hatten an diesen Orten ein Ausmaß, das bis heute jedes Vorstellungsvermögen übersteigt. Was dort geschah, was die Inhaftierten ertragen mussten, kann niemand, dem es erspart blieb, vollständig nachempfinden.

In Bergen-Belsen war nicht nur das Leben sondern auch das Sterben qualvoll. Die Häftlinge, die seit dem Spätsommer 1944 von Auschwitz und später aus anderen Lagern nach Bergen-Belsen deportiert wurden, glaubten, den schlimmsten Teil ihres Leidensweges hinter sich zu haben und dem Tod entkommen zu sein. Als sie bei ihrer Ankunft in Bergen-Belsen die katastrophale Situation im Lager wahrnahmen, mussten sie jedoch erkennen, dass sie lediglich von einer Hölle in die nächste überstellt worden waren. Wenn Auschwitz der Inbegriff des bürokratisch organisierten Massenmordes war, dann war Bergen-Belsen der Inbegriff eines durch geduldetes Chaos verursachten Massensterbens. Die sich angesichts der extremen Überfüllung des Lagers und der grassierenden Seuchen abzeichnende menschliche Katastrophe wurde von der Lagerleitung billigend in Kauf genommen. Von der eigenen Grausamkeit überfordert, hoffte man, die hohe Sterberate trage dazu bei, die katastrophale Situation im Lager unter Kontrolle zu bringen.

"Bei dem Wort BELSEN", so beschreibtRenate Lasker-Harpprecht die Eindrücke, die sie ein Leben lang verfolgten, "hat man sofort Bilder von Haufen unbegrabener nackter Leichen und halbtoter menschlicher Skelette zwischen den Leichenhaufen vor Augen". Der Anblick von Leichen gehörte in dem nur 60 km nordöstlich von Hannover errichteten Lager zum Alltag. Seit Mitte März 1945 ließ die Lagerleitung die unzähligen Toten einfach dort liegen, wo sie gestorben waren. In den Baracken, Zelten, Laubhütten oder Strohlagern im Freien kauerten gerade noch lebende Menschen neben sterbenden Mithäftlingen oder jämmerlich zugrunde gegangenen Toten. Versuche, die Toten in riesigen Scheiterhaufen aus Eisenbahnschwellen zu verbrennen, scheiterten an den Beschwerden der Zivilbevölkerung in der Nachbarschaft des Lagers, die sich durch den abscheulichen Gestank gestört fühlte.

Der Tag der Befreiung beendete nicht das Sterben. Etwa 50.000 Häftlinge und 20.000 sowjetische Kriegsgefangene waren während der Gefangenschaft ums Leben gekommen. Rund 14.000 Männer, Frauen und Kinder starben noch nach der Befreiung bis Ende Juni 1945 an den Folgen der Haftbedingungen. Egal wie alt die Überlebenden bei ihrer Befreiung tatsächlich waren, das Lager verließen sie um Jahrzehnte gealtert. Körperlich und seelisch vernichtet, mittellos, vielfach ihres Besitzes enteignet, ohne Ausweispapiere und zumeist mit der Gewissheit, dass auch Familienangehörige ermordet worden waren, standen diese Menschen vor dem Nichts.

Es zählt zu den großen Verdiensten der Gedenkstätte Bergen-Belsen, dass dem Schicksal der Überlebenden des Lagers ein Schwerpunkt in der zukünftigen Dauerausstellung gewidmet werden soll. In dem neuen Ausstellungsgebäude wird - erstmalig in einer deutschen Gedenkstätte – eine Ausstellung über die von den alliierten Befreiern so genannten "Displaced Persons" eingerichtet. Tatsächlich ist das Schicksal dieser Menschen weitgehend unbekannt. Ob aus Scham oder Gleichgültigkeit fanden die jüdischen Überlebenden der Vernichtungslager im befreiten Deutschland der Nachkriegszeit nur wenig Beachtung. Gemessen an der Zahl von insgesamt rund 7 Millionen DPs, die infolge des Krieges aus ihrer Heimat vertrieben, verschleppt oder geflohen waren, stellten die den Konzentrationslagern entkommenen Juden nach dem millionenfachen Morden nur noch eine kleine Gruppe dar. "Sche`erit Haplejta", der "Rest der Geretteten" nannten sich diese Menschen, die bei Kriegsende zwar befreit waren, für die sich das Lagerleben jedoch in den DP-Camps fortsetzte. Abstand von dem Erlebten ließ sich auf diese Weise nicht entwickeln. Besonders schwer fielen die ersten Schritte in der neu gewonnenen Freiheit in dem von den Briten eingerichteten "Camp Hohne", das in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Konzentrationslagers lag. Die traumatischen Erinnerungen an die Haftzeit im KZ und die Unterbringung im DP-Lager verschmolzen im Falle der Geretteten von Bergen-Belsen zu einem fließend ineinander übergehenden, grauenvollen Lebensabschnitt.

Die Mehrheit dieser Juden versuchte der belastenden Situation im DP-Camp und dem Leben in Deutschland möglichst schnell durch Auswanderung zu entkommen. Von den rund 15 000 Menschen, die nach der Auflösung der Camps aus unterschiedlichen persönlichen Gründen blieben, fühlten sich fast alle zeitlebens als Durchreisende und saßen auf den sprichwörtlichen "gepackten Koffern". Besonders den vielen osteuropäischen Juden war es unmöglich, ein Heimatgefühl im Land der ehemaligen Mörder zu entwickeln. Deutschland stand in ihrer Wahrnehmung für unendliche Qual, für Entwurzelung und die Vernichtung der eigenen Welt. Ausgerechnet in Deutschland gestrandet zu sein, war für diese Menschen nur schwer zu akzeptieren. Entsprechend waren auch die von ihnen gegründeten jüdischen Gemeinden nur als vorübergehende Provisorien gedacht. Den mehrheitlich religiös orthodox geprägten Mitgliedern dienten die Gemeinden als Ort des Rückzugs und der so lange schmerzlich entbehrten Pflege überlieferter jüdischer Traditionen und Bräuche. Und doch: Was ursprünglich nur als Übergangslösung bis zur Auswanderung gedacht war, bildete die Grundlage für die Wiederbelebung jüdischen Lebens in Deutschland. 1952 schließlich wurde der Zentralrat der Juden in Deutschland gegründet. Dieser Schritt war all den Frauen und Männern zu verdanken, die trotz innerer Zweifel und harscher Kritik von Juden im Ausland einen Neuanfang in Deutschland wagten. Ihnen allen gilt es an diesem 60. Jahrestag der Befreiung mit großem Dank und Respekt zu gedenken.

Zu den Überlebenden, die nach der Befreiung der Lager nach Deutschland zurückkehrten, gehörte auch mein Vater. Mit einer für mich bis heute beeindruckenden Souveränität verwarf er alle Auswanderungspläne und bekannte sich zu seiner Heimatstadt Warendorf. Er war überzeugt, nach Kriegsende ein anderes, geläutertes Deutschland vorzufinden. Antisemitismus, so glaubte er, habe in einem demokratisch verfassten Deutschland keine Chance. Noch zu Lebzeiten wurde er leider eines besseren belehrt. Jahrzehnte später stellen wir mit Besorgnis fest, dass Antisemitismus, Rassismus und die Diskriminierung von Minderheiten nicht nur in Deutschland sondern auch in vielen anderen Staaten nach wie vor eine ernstzunehmende Gefahr darstellen. Auf der im vergangenen Jahr in Berlin veranstalteten Konferenz der OSZE zum Thema Antisemitismus in Europa wurde diese Einschätzung bestätigt. Ich appelliere deshalb ganz bewusst von diesem Ort aus einmal mehr an alle damaligen Konferenzteilnehmer, ihren Worten sichtbare Taten folgen zu lassen. Im Namen der europäischen Juden und anderen verfolgten Minderheiten bitte ich sie, sich in ihren Ländern nachdrücklich für die Umsetzung ihrer in Berlin formulierten Forderungen einzusetzen.

Wir alle - und dabei spreche ich nicht nur die Politik und die nichtjüdische Öffentlichkeit an sondern gerade auch die Angehörigen von Minderheiten hier im Lande – wir alle sind gefordert, noch stärker als bisher in die Offensive zu gehen. Wer sich durch rechtsextreme Umtriebe bedroht fühlt, muss sich noch lauter und selbstbewusster als bislang zu Wort melden. Um Rechtsradikalismus und jede Form menschenverachtender Gesinnung nachhaltig zu bekämpfen, bedarf es mehr als sporadischer Gesten der Anteilnahme und Verurteilung. Wir brauchen noch mehr Verbündete aus allen Teilen der Gesellschaft, um steten öffentlichen Druck auszuüben und eindeutige Gesten der Solidarisierung seitens der Mehrheitsgesellschaft einzufordern. Wem das übertrieben erscheint, sollte sich klar machen, dass das Eintreten für Toleranz und friedliches gesellschaftliches Miteinander nicht nur potentiellen Opfern hilft, sondern überlebenswichtig ist für den Fortbestand unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung.

Die Tatsache, dass der Antisemitismus 60 Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager nicht überwunden ist, darf nicht Anlass zur Resignation sein. Im Gegenteil! Das unverfrorene Treiben von Rechtsradikalen und die weite Verbreitung antisemitischer, rassistischer Vorurteile sollen uns zu einem entschlossenen "Jetzt erst recht!" herausfordern. Eine Haltung, die wir allen ermordeten wie überlebenden Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft schuldig sind. Von diesem Jahrestag soll das Signal ausgehen, dass wir nicht zurückweichen! Wie schon bei der Gedenkveranstaltung in Buchenwald, rufe ich deshalb auch heute alle aufgeschlossenen Menschen dazu auf, weiterzugeben, was Sie über Verfolgung, Krieg und den staatlich angeordneten, millionenfachen Mord an unschuldigen Menschen gelernt und von Zeitzeugen erfahren haben! Übernehmen Sie Verantwortung, indem Sie die Erinnerung der Überlebenden aus Demut vor den Ermordeten an die nächste Generation weitergeben!