February 11th, 2004

Verleihung der Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Danksagung des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel

Eines steht fest: mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde wurden mir einige Mühen erspart! Denn wer kennt nicht die Erzählungen, ja Klagelieder geplagter Doktorandinnen und Doktoranden, die voller Begeisterung von ihrem Forschungsthema berichten und es zugleich verwünschen? Über Jahre hinweg kreist ihr Denken um das gewählte Forschungsgebiet, um schlüssige Begründungen für Stipendienanträge und das nächste Colloquium unter den kritischen Augen des Doktorvaters. All das ist mit Sicherheit eine wertvolle Erfahrung, ganz zu schweigen von dem Gewinn an Wissen und Erkenntnis – eine Titanentat bleibt es dennoch. So ziehe ich denn meinen ehrenhalber verliehenen Doktorhut vor allen regulär in den Doktorstand erhobenen Akademikern, versichere sie aber meines Verständnisses für ihr Zähneknirschen und freue mich umso mehr über die mir zuteil gewordene Ehrung!

Sehr verehrter Herr Bundespräsident,

unsere Wege haben sich in den vergangenen Jahrzehnten unzählige Male gekreuzt. Häufig waren Anlass und Inhalt unserer Gespräche und Zusammentreffen ernster Natur. Heute führt uns nun ein besonders für mich ausgesprochen schöner Anlass zusammen. Denn es erfüllt mich mit außerordentlicher Freude und – ich gebe es zu

– auch mit Stolz, dass Sie die Laudatio zu dieser Feierstunde gesprochen haben. Einmal mehr wurde Ihr Verständnis für die in Deutschland lebenden Juden deutlich. Menschen wie Sie sind es, die uns Juden die Zuversicht und das Vertrauen geben, willkommener, unverzichtbarer Teil der deutschen Gesellschaft zu sein.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Steinbrück,

auch Ihnen sei ausdrücklich dafür gedankt, dass Sie heute anwesend sind. Ihre Gratulation ehrt und freut mich, weil sich darin widerspiegelt, wie gut und partnerschaftlich die Zusammenarbeit zwischen der Landeregierung und der jüdischen Gemeinschaft funktioniert. Die Gewissheit, in Ihnen immer einen verständnisvollen Ansprechpartner zu haben, ist beruhigend und ermutigend zugleich.

Meine Damen und Herren,

die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität meiner Heimatstadt Düsseldorf verliehen zu bekommen, ist für mich eine außerordentlich große Ehre. Diese hohe Auszeichnung erfüllt mich jedoch auch deshalb mit Dankbarkeit, weil ich weiß, dass sie zugleich eine Ehrung der Arbeit des Zentralrats der Juden in Deutschland darstellt. Mein Dank gilt deshalb allen beteiligten Hochschulgremien für die Anerkennung, die damit nicht nur meine Amtsführung erfährt, sondern auch das Wirken des Zentralrats. In diesem Sinne möchte ich ganz besonders Herrn Prof. Witte, dem Dekan der Philosophischen Fakultät, aufrichtig danken sowie Herrn Prof. Labisch, dem Rektor der Heinrich Heine-Universität. Last but not least gilt mein Dank dem ehemaligen Rektor und – wie ich aus zuverlässiger Quelle erfahren konnte – dem Spiritus Rektor meiner Ehrenpromotion, Herrn Professor Gert Kaiser. Auf Ihre Schlussworte freue ich mich jetzt schon.

Die Verleihung dieser Ehrendoktorwürde ist sowohl Professor Witte wie auch dem Rektor Professor Labisch ein persönliches Anliegen, wie es in ihren Reden sehr deutlich zum Ausdruck kam. Abgesehen von der Wertschätzung, die Sie meiner Person damit entgegenbringen, beziehen Sie mit dieser Entscheidung unmissverständlich Stellung. Eine Haltung, die, wie ich finde, einer nach Heinrich Heine benannten Universität außerordentlich gut zu Gesicht steht.

Kein in Deutschland lebender Jude, der sich jemals mit dem Leben und Werk von Heinrich Heine beschäftigt hat, kann davon unberührt bleiben. Heine erzwingt die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. Seine Liebe und Bewunderung für Deutschland und besonders auch für seine Heimat Düsseldorf war immer gepaart mit seinem Leiden an Deutschland. Deutscher zu sein und Jude zu sein, das rang in ihm und war zugleich eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Aus eigener leidvoller wie glücklicher Erfahrung weiß ich, was dieses Ringen der sprichwörtlichen zwei Herzen in der Brust bedeutet - wie es sich anfühlt.

Als Zeitzeuge, der im Kindesalter den Holocaust in einem Versteck in Belgien überlebte, dessen ältere Schwester in Auschwitz ermordet wurde und dessen Eltern sich nach Kriegsende dennoch wie selbstverständlich für die Rückkehr nach Deutschland ins heimatliche Warendorf entschieden, hat mich das deutsch-jüdische Verhältnis zeitlebens begleitet. Genau genommen ist das Ehrenamt des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland vielleicht nichts anderes als eine Art folgerichtige Konsequenz dieser lebenslangen Auseinandersetzung. Entsprechend dankbar bin ich, dass mir vor inzwischen vier Jahren dieses ehrenvolle Amt angetragen wurde.

Vor 1933 lebten in Deutschland 600 000 Juden. Als der Zentralrat im Juli 1950, fünf Jahre nach der Befreiung, seine Arbeit aufnahm, belief sich die Zahl der in Deutschland aus den Vernichtungslagern im Osten gestrandeten Juden auf ganze 18 000. Niemand wollte damals etwas von einem Neuanfang oder einer Wiederbelebung jüdischen Lebens in Deutschland wissen. Die Aufgabe des Zentralrats war zunächst die eines "Liquidationsverbandes". Die Anfänge der Arbeit waren von Trauer, Verzweiflung und natürlich auch von Hass geprägt. Die meisten von uns Überlebenden saßen damals – wie hätte es auch anders sein können – auf gepackten Koffern. Aber nicht allen war es möglich, eine neue Heimat in Amerika, Palästina (ab Mai 1948 Israel), Afrika oder Australien zu finden. Erst Ende der fünfziger Jahre wuchs bei den wenigen Juden in Deutschland das Bewusstsein, dass es hier wieder jüdische Gemeinden geben würde, für deren Mitglieder es galt, eine entsprechende Infrastruktur aufzubauen. Es herrschte große Unsicherheit, wie sich das gesellschaftliche Klima in Deutschland entwickeln würde. Diese Unsicherheit wich bald der pragmatischen Entschlossenheit und Hoffnung, wieder ein neues jüdisches Leben in Deutschland aufzubauen. Dies geschah maßgeblich mit Hilfe des Zentralrats, der – so gut es ging – den damals wenigen jüdischen Gemeinden mit Rat und Tat zur Seite stand. Grund genug also, an einem solchen Tag meinen Vorgängern im Amt sel. Angedenkens voller Respekt für ihre mutige Aufbauleistung zu danken.

Seit den sechziger Jahren war ich in verschiedenen Funktionen für den Zentralrat tätig. Ich weiß also nur zu gut um seine Stärken und Verdienste und kenne zugleich sämtliche Kritikpunkte. Was dem einen zu liberal erscheint, ist anderen zu konservativ und etabliert. Wieder andere sähen uns gerne als Sprachrohr des orthodoxen Standpunktes. Diese Form von Kritik verschiedener Strömungen findet sich in allen vergleichbaren religiösen oder weltlichen Vereinigungen. Sie darf keinesfalls übergangen, ebenso wenig aber überbewertet werden. Bedenkenswert und weiterführender sind jedoch Überlegungen, die sich jenseits aller Richtungsstreitigkeiten mit der zukünftigen gesellschaftlichen Rolle des Zentralrats beschäftigen: Wir sind eine Interessenvertretung, wir agieren als Sprachrohr, wir unterstützen eine Vielzahl jüdischer Einrichtungen und schaffen Rahmenbedingungen für die Ausübung unserer Religion. Jüdisches Leben, wie es sich im Zuge der russischen Zuwanderung wieder entfaltet und entwickelt, umfasst jedoch mehr und spielt sich vor allem auch außerhalb der Gemeinden ab. Diese neue Vielfalt gilt es zu berücksichtigen und einzubinden.

Jüdisches Leben war bis 1933 integrativer Teil des kulturellen, wissenschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Lebens in Deutschland. Aus jüdischer wie nichtjüdischer Sicht spielte das Gemeindeleben der Juden damals eine ebenso wichtige oder unwichtige Rolle wie auf christlicher Seite die Aktivitäten in den Kirchengemeinden. Das Besondere war nicht dieser institutionalisierte Teil des jüdischen Lebens, sondern das Ausmaß der Verwurzelung der Juden in der deutschen Gesellschaft und Kultur. Charakteristisch für die deutsch-jüdische Erfahrung vor der Machtergreifung war – ungeachtet eines immer mehr oder weniger latent fortbestehenden Antisemitismus - das hohe Maß an Austausch, wechselseitiger Anregung und Befruchtung. Wie intensiv diese Verflechtung war, belegen die ideologischen und juristischen Anstrengungen, die von den Nazis unternommen wurden, um die zwischen Deutschtum und Judentum durch die Jahrhunderte entstandenen Bande zu durchtrennen. Die Herstellung des vermeintlich reindeutschen Erbes machte übrigens auch vor Heinrich Heine nicht halt. Sein berühmtes, aus dem deutschen Liedgut nicht wegzudenkendes Lied von der "Lorelei" konnte zwar nicht aus den Liedersammlungen entfernt werden, aber nach 1933 galt jedoch der Verfasser als unbekannt.

Über Absurditäten dieser Art ließ sich damals zunächst noch schmunzeln. Kaum jemand erkannte darin Vorboten der nahenden Katastrophe. Was folgte, kam einer Selbstamputation des deutschen Volkes gleich: Millionen von Nachbarn, Freunde, Schulkameraden, Lehrer, Angehörige, Landsleute jeden Alters und unterschiedlicher sozialer Herkunft wurden wegen ihrer Religion verraten, vertrieben, gequält und ermordet.

Die Zeit lässt sich nicht zurück drehen. Das Geschehene lässt sich nicht wieder gutmachen. Die Opfer mahnen zur Erinnerung, und niemand sollte den Schatten der Vergangenheit vertreiben wollen. Geschichte muss vielmehr als Herausforderung und nicht als Belastung empfunden werden, der Sieg über den Nationalsozialismus nicht als Niederlage sondern als Befreiung von der Diktatur. Die Shoah, der nationalsozialistische Holocaust, markiert zwar das Ende der vermeintlichen deutsch-jüdischen Symbiose vor 1933, nicht aber das Ende der deutsch-jüdischen Geschichte. Behutsam aber zielstrebig sollten wir daran gehen, das reiche gemeinsame Erbe stärker als bisher hervor zu heben und uns auf die historische Nähe jüdischer und deutscher Kultur zu besinnen. Besonders für die junge Generation müssen noch weitaus mehr Möglichkeiten zum Austausch und zur zwanglosen Begegnung ermöglicht werden als die bereits bestehenden.

Diesen Weg noch entschlossener als bisher zu beschreiten, zählt zu den Hauptanliegen des Zentralrats der Juden in Deutschland. Die Voraussetzungen dafür könnten kaum besser sein. Mit der Zuwanderung aus den ehemaligen GUS-Staaten ist das jüdische Leben in Deutschland langfristig gesichert. Ob politisch, religiös oder kulturell, in jeder Hinsicht wirkt sich dieser Zustrom an Menschen als Bereicherung aus. Daran ändern auch die zweifellos großen Probleme nichts, die mit der Zuwanderung verbunden sind. Die nicht nur von älteren jüdischen Gemeindemitglieder immer wieder geäußerte Sorge, dass die jüdisch-deutsche Kultur zunehmend russisch dominiert wird, mag von heute aus betrachtet nachvollziehbar sein. Ein so gewaltiger Prozess wie die Eingliederung zehntausender Menschen lässt sich jedoch nicht in wenigen Jahren bewältigen. Die Früchte der jetzigen Anstrengungen, werden wahrscheinlich erst unsere Enkel ernten können. Und doch, darauf beharre ich, ist schon jetzt an vielen Stellen spürbar, dass die Zuwanderung eine regelrechte Sauerstoffzufuhr für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland darstellt.

In diesem Zusammenhang möchte ich nicht versäumen, Bund, Ländern und Kommunen für ihre finanzielle und personelle Mithilfe bei der Bewältigung dieser Einwanderung zu danken. Gedankt sei insbesondere auch den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die bemüht sind, den zu uns kommenden Menschen den Neuanfang in der fremden Umgebung zu erleichtern.

Die Zuwanderer aus Osteuropa sind schon allein von ihrer Zahl her eine tragende Säule des hiesigen Judentums. Der Bewältigung der Zuwanderung kommt es heute zugute, dass der Zentralrat in den vergangenen Jahrzehnten eine Reihe weiterer, gleichsam institutioneller Säulen mit aufgebaut hat, die großartige Arbeit leisten und damit zur Stabilisierung und Weiterentwicklung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland entscheidend beigetragen haben.

Eine Säule der besonderen Art ist die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Dank der Unterstützung durch Bundes- und Landesmittel hat sich die 1979 gegründete Einrichtung zu einem weit über die Grenzen Deutschlands hinaus anerkannten Zentrum für Geschichte, Kultur und Religion des Judentums entwickelt. Aus jüdischer Sicht mindestens ebenso wichtig ist die Funktion der Jüdischen Hochschule als Ausbildungsstätte des geistlichen Nachwuchses. Juden und Nichtjuden studieren gemeinsam in Heidelberg, erlernen die Sprachen des Judentums wie Hebräisch, Aramäisch und Jiddisch, erkunden die reiche Welt des jüdischen Brauchtums und fügen auf diese Weise Semester für Semester der deutsch-jüdischen Geschichte ein ermutigendes Kapitel hinzu.

Ein weiteres hoffnungsvolles Kapitel dieser Art, das mich sehr bewegt hat und aus meiner Sicht in enger Beziehung zu dem heutigen Anlass steht, darf ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Gemeint ist die Parlamentsdebatte des nordrhein-westfälischen Landtags am 2. Juli 2003 und die anschließende Verabschiedung eines Entschließungsantrages aller vier im Landtag vertretenen Fraktionen. "Jüdisches Leben in Nordrhein-Westfalen – Mehr Wissen voneinander schafft mehr Vertrauen", so der Titel der einstimmig verabschiedeten Deklaration. Die damit verbundene Debatte darf ohne Übertreibung zu den Sternstunden des deutschen Nachkriegsparlamentarismus gezählt werden. Über die Partei-und Fraktionsgrenzen hinweg unterstrichen die Rednerinnen und Redner ihre Freude über das stetige Wachsen der jüdischen Gemeinschaft und ihren festen Willen, das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden in Deutschland über den Tag hinaus fördern und unterstützen zu wollen.

Die freundschaftliche Atmosphäre, die Welle von Sympathie und das Verständnis für die Sorgen und Anliegen der Juden in Deutschland – all das war ein Erlebnis, das bis heute in mir nachwirkt. Meine tiefe Verbundenheit zu meiner Heimat Nordrhein-Westfalen wurde an diesem Tag einmal mehr bestärkt. Dies umso mehr, als diese Debatte kein singuläres Ereignis war. Solidarität gegenüber der jüdischen Gemeinschaft hat in Nordrhein-Westfalen eine gute Tradition. Unser sehr verehrter Herr Bundespräsident hat in den Jahren seiner Tätigkeit als Ministerpräsident dieses Landes in vielfacher Hinsicht dafür gesorgt, dass die so oft beschworene historische Verantwortung in landespolitisches Handeln umgesetzt wurde. Wie seine Nachfolger im Amt – Wolfgang Clement und Peer Steinbrück – war er zugleich darauf bedacht, andere Religionsgemeinschaften dabei nicht zu benachteiligen. Diese Haltung der Landesregierung wie der Abgeordneten aller Fraktionen ist vorbildlich. Sie ermöglicht ein gesellschaftliches Klima des Vertrauens, der Offenheit und Toleranz, sie ist ein unverzichtbares Signal gegen Rechts, und nicht zuletzt hinterlässt sie bei den hier lebenden Angehörigen von Minderheiten das Gefühl, willkommen zu sein.

Die Plenardebatte über das jüdische Leben in Nordrhein-Westfalen führt uns zurück zu Heinrich Heine. Hätte ihn diese besondere Geste des Landtags gegenüber den hier lebenden Juden ebenso beeindruckt wie mich und in seiner Zuneigung für seine Heimat bestärkt? Und wäre Heinrich Heine heute unter uns, sagen wir als Korrespondent einer Zeitung, was würde er wohl schreiben anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde an den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland? Er, der zeitlebens darunter litt, als Jude nicht wirklich akzeptiert zu sein. Der sich taufen ließ und dennoch spürte, nicht dazu zu gehören. Wie Heine reagiert hätte, darüber lässt sich leider nur spekulieren. Und vielleicht nicht einmal das, denn zu unterschiedlich sind die historischen Voraussetzungen.

Was jedoch bleibt ist sein Vermächtnis, seine Aufforderung an uns alle, Position zu beziehen und sich nicht dem Zeitgeist zu beugen, Missstände anzuprangern, für die eigenen Ideale einzutreten und das wertvolle Gut der Freiheit zu verteidigen.