April 29th, 2004

Dinner zu Ehren S. E., des Präsidenten des Staates Israel, Herrn Moshe Katzav im Hotel ADLON Berlin

Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. h.c. Paul Spiegel

Herr Staatspräsident, Herr Bundespräsident, Herr Altbundespräsident, Herr Altbundeskanzler, meine Herren Botschafter, Excellenzen, Herr Minister Sharansky, meine Damen und Herren Bundesminister und Länderminister, meine Damen und Herren Abgeordnete des Bundes und der Länder, Herr Regierender Bürgermeister, meine Damen und Herren aus den Bereichen der Parteien, des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens sowie der Medien, liebe Kolleginnen und Kollegen des Präsidiums und des Direktoriums des Zentralrats, herzlich willkommene Freunde und Gäste.

Sie alle begrüße ich auf das herzlichste und danke Ihnen, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind, dieses wichtige Ereignis mit uns zu erleben. Die Gästeliste enthält ausnahmslos prominente Namen, deshalb werden Sie gewiss Verständnis haben, wenn ich es bei dieser globalen Begrüßung belasse und darauf verzichte, Sie alle einzeln namentlich zu erwähnen.

Allerdings erlauben Sie mir, eine Ausnahme zu machen, denn es ist mir eine große Freude und ganz besondere Ehre Sie, verehrter Herr Präsident Katzav, zu diesem Dinner begrüßen zu dürfen. Wir begrüßen Sie nicht nur als Staatsoberhaupt von Israel, sondern auch als Freund und Brückenbauer, der in den vergangenen Jahren viel getan hat für die guten Beziehungen zwischen Israel und den in Deutschland lebenden Juden und darüber hinaus auch ganz besonders zwischen beiden Staaten insgesamt.

Ich hebe dies gleich zu Anfang hervor, weil es Zeiten gab, in denen die hiesigen Juden auf wenig Verständnis und Akzeptanz in Israel hoffen konnten. Es ist maßgeblich Ihr Verdienst, dass sich in den vergangenen Jahren in Israel in dieser Hinsicht eine veränderte Sicht der Dinge durchzusetzen begonnen hat. Gerade auch vor diesem Hintergrund freut es uns sehr, dass Sie unsere Einladung angenommen haben und uns mit Ihrer Anwesenheit beehren.

Seit Ihrem Amtsantritt als Präsident des Staates Israel waren Sie mehrfach in Deutschland. Ein ganz besonderer Anlass war Ende des Jahres 2002 die Einweihung der Bergischen Synagoge in Wuppertal. Für mich und für viele andere Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland hatte dieses Ereignis große symbolische Kraft. Was über Jahrzehnte hinweg unvorstellbar schien, war an diesem Tag Realität geworden: Gemeinsam mit dem deutschen Bundespräsidenten Johannes Rau, der sich seit Jahrzehnten in so vieler Hinsicht um die in Deutschland lebenden Juden und um den Staat Israel in beachtenswerter Weise verdient gemacht hat, waren Sie in dieser für Juden in Deutschland wichtigen Stunde unser Gast. Von der Wuppertaler Synagoge ging nicht zuletzt durch Ihre Teilnahme an der Einweihung ein Signal der Hoffnung und des Vertrauens aus. Hoffnung auf eine positive Weiterentwicklung des deutsch-jüdischen Miteinanders wie auch der deutsch-israelischen Beziehungen.

Was das Vertrauen anbelangt, so genießt Deutschland in Israel bei Regierung und Bevölkerung hohes Ansehen. In den vergangenen 50 Jahren hat sich Deutschland als verlässlicher Partner und ehrlicher Makler israelischer Interessen erwiesen. Deutschland bleibt jedoch für uns Juden auch das Land der ehemaligen Täter und entsprechend bereitet uns der erneute Anstieg antisemitischer Straftaten Sorge.

Auch Sie, verehrter Herr Präsident Katzav, haben in der Vergangenheit zu diesen uns alle bedrückenden Thema schon mehrmals warnend Ihre Stimme erhoben. Die heute zu Ende gegangene OSZE-Konferenz, an der Sie teilgenommen haben, hat nochmals verdeutlicht, dass latenter und offener Antisemitismus nicht nur ein deutsches Problem ist. Überall in Europa kommt es immer wieder zu Gewalttaten gegen Juden, Friedhofsschändungen und Diskriminierungen.

Zugleich sind wir nicht nur in Europa mit dem Problem konfrontiert, dass wir einerseits Anschläge radikaler Islamisten fürchten müssen, andererseits aber die schon jetzt feststellbare Ausbreitung des Anti-Islamismus keinesfalls im Interesse der jüdischen Gemeinschaft sein kann. Jede Form von Diskriminierung und Radikalisierung schadet unseren Anstrengungen, zu einem gesellschaftlichen Klima der Toleranz beizutragen. Wie alle Juden verbinde ich deshalb mit der Berliner Konferenz die Hoffnung, dass es die Vertreter der europäischen Staatengemeinschaft nicht bei wohl formulierten Deklarationen bewenden lassen, sondern in ihren Heimatländern die Zurückdrängung des Rechtsradikalismus konsequent vorantreiben. Der Zentralrat der Juden in Deutschland ist fest entschlossen, nötigenfalls die Umsetzung der in Berlin vereinbarten Maßnahmen anzumahnen.

Mit Blick auf die Situation in Deutschland fühlt sich der Zentralrat in mehrfacher Hinsicht gefordert. Die Ergebnisse der jüngst erschienenen Studien zur Ausbreitung des Antisemitismus in Europa sind auch für Deutschland alles andere als erfreulich. Die hiesige jüdische Gemeinschaft wird deshalb noch entschiedener als bisher darauf dringen, die Rassismusbekämpfung zu intensivieren. Ob im Rahmen der Lehrer- und Polizistenausbildung oder der Aktualisierung der Schulbücher, um nur zwei Beispiele zu nennen. Auf breiter Front müssen noch viele Schritte unternommen werden, um besonders die nachwachsende Generation für die Gefahren rechtsradikaler Parolen zu sensibilisieren.

Eine ebenfalls große Herausforderung für die jüdischen Gemeinden in Deutschland ist die Zuwanderung russisch-sprachiger Juden. Ihnen ist das Wiederaufblühen und eine vielfältige Bereicherung jüdischen Lebens in Deutschland zu verdanken. Zahlreiche neue Gemeinden sind entstanden, und die alteingesessenen Gemeinden sehen sich nicht mehr länger mit dem Problem der Überalterung konfrontiert. Diesen überaus positiven Seiten stehen Schwierigkeiten bei der Integration gegenüber, die sich nur schrittweise und über einen längeren Zeitraum hinweg werden beheben lassen. Geduld auf allen Seiten ist deshalb das Gebot der Stunde.

Umso beeindruckender ist der Umgang Israels mit der großen Zuwanderung. Trotz angespannter wirtschaftlicher Situation und zunehmender sozialer Spannungen im Vielvölkerstaat Israel begreifen Staat und Gesellschaft die Einwanderung als Herausforderung und versuchen, die Integrationsleistungen trotz Geldmangels weiter zu optimieren. Das drängendste Problem Israels ist deshalb auch nicht die Zuwanderung, auf der ja das Selbstverständnis des Staates basiert, sondern die nicht enden wollenden blutigen Auseinandersetzungen mit den Palästinensern.

"Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist", dieser berühmte, hoffnungsvolle Satz von David Ben Gurion kam mir in den Sinn, als sich das Präsidium des Zentralrats im Juli vergangenen Jahres zu einem offiziellen Besuch nach Israel begab. Eine Reise, die in so vieler Hinsicht für alle Teilnehmer im besten Sinne unvergessen ist. Die Offenheit, ja Herzlichkeit, mit der uns seitens unserer Gesprächspartner und insbesondere auch von Ihrer Seite, Herr Präsident Katzav, begegnet wurde, war uns Freude und Ehre zugleich.

Mit verhaltenem Optimismus kehrten wir damals zurück. Die Umsetzung der viel zitierten "Road Map" und damit einer dauerhaften Lösung des israelisch­palästinensischen Konflikts schien in greifbare Nähe gerückt. Wir alle wissen heute leider, dass das Blutvergießen weiter ging und die Situation durch erneute Terroranschläge eskalierte. Ein Ende der erschütternden Bilder und Nachrichten von palästinensischen Selbstmordattentaten, israelischen Militäraktionen, getöteten und schwer verletzten Menschen und verzweifelten Hinterbliebenen ist im Moment nicht absehbar. Wie würde David Ben Gurion wohl diese bedrückende, ungewisse Situation kommentieren?

Wir wissen keine Antwort auf diese Frage. Wir Juden aber bekennen: Es mögen noch so viele Kilometer zwischen Israel und Deutschland liegen, unsere Anteilnahme am Schicksal Israels wird dadurch in keiner Weise gemindert.

Bei aller staatsbürgerlichen Loyalität Deutschland gegenüber sind wir Juden doch zutiefst verbunden mit Israel, dessen Existenz uns wie den Juden in der Diaspora so sehr am Herzen liegt und ein Stück zusätzlicher und unverzichtbarer Sicherheit gibt.

Unser Gefühl der Solidarität ist momentan umso ausgeprägter, als sich Israel für den eingeschlagenen Kurs der konsequenten Selbstverteidigung mit weltweiter Kritik konfrontiert sieht. Aus jüdischer Sicht lässt sich darauf nur Eines entgegnen: Wenn Israel seit seiner Gründung immer den Einwänden, Vorgaben und Drohungen aus aller Welt Rechnung getragen hätte, würde der Staat Israel längst nicht mehr existieren.

Gerade mit Blick auf die aktuellen Ereignisse ist es mir ein besonderes Anliegen, Ihnen, verehrter Herr Präsident Katzav, im Namen der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland folgende Botschaft mitzugeben: Gemeinsam mit unseren Schwestern und Brüdern in Israel sehnen wir ein baldiges Ende des Nahost-Konflikts herbei und stehen in inniger Freundschaft und fester Verbundenheit zu Israel.

Lassen Sie uns darauf alle gemeinsam unsere Gläser erheben mit dem traditionellen Trinkspruch "Le Chaim" – übersetzt "Zum Leben".

Herr Bundespräsident, Herr Staatspräsident, Herr Altbundeskanzler, meine Herren Botschafter, Bundesminister, Damen und Herren Abgeordnete des Bundes und der Länder, der Konfessionen, Damen und Herren Präsidenten und Vorsitzende aus allen Bereichen des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens sowie der Presse, liebe Kollegen des Präsidiums und Direktoriums des Zentralrats, herzlich willkommene Gäste und Freunde.