October 14th, 2003

Kuratoriumsbeschluß zum Denkmalbau und Beteiligung der Firma Degussa

"Der mehrheitlich gefasste Beschluss des Kuratoriums der ‚Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas’ zur Fortsetzung der Baumaßnahmen unter Beteiligung der Firma Degussa ist eine pragmatische, wenn auch unbefriedigende Lösung, die wir respektieren", so der Präsident des Zentralrats Paul Spiegel in einer ersten Reaktion. Der Beschluss ist unbefriedigend, weil Gefühle einzelner Shoa-Überlebender durch die Beteiligung der Degussa, als Konzernmutter des einstigen Zyklon-B-Produzenten Degesch am Bauprojekt des Mahnmals verletzt werden und tiefe Wunden berührt, wenn nicht gar aufreißt. "Dies hinzunehmen fällt uns außerordentlich schwer", so Spiegel, "gehört aber anscheinend unvermeidlich zum Prozess der Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit". Weiterhin hätte ein Ausschluss der Firma Degussa zum jetzigen Zeitpunkt und in der bereits fortgeschrittenen Bauphase des Mahnmals, das ganze Projekt womöglich zum Scheitern gebracht. "Die Notwendigkeit des Weiterbaus des Denkmals für die ermordeten Juden Europas steht jedoch nach dem Beschluss des Bundestages außer Frage", so der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Dr. Salomon Korn. "Die in den letzten Wochen öffentlich geführte Debatte um die Beteiligung der Firma Degussa am Bau des Denkmals war richtig und wichtig und muss als Teil der Denkmalskontroverse dokumentiert werden", sagte der Zentralratsvize. "Es handelt sich dabei um eine jener notwendigen Selbstfindungsdebatten in Deutschland die es in der Vergangenheit bereits zahlreich gegeben hat und auch in Zukunft weiterhin geben wird", so Korn. "Gleichwohl darf in dieser ganzen Diskussion nicht gebetsmühlenartig wiederholt werden, die Firma Degussa hätte ihre eigene Firmengeschichte vorbildlich aufgearbeitet," kritisiert Salomon Korn diesen Aspekt der bisherigen Debatte. Die erst 1997 von der Degussa in Auftrag gegebene Studie der eigenen Firmengeschichte wird durch zwei von der Degussa bezahlte Historiker angefertigt und liegt der Öffentlichkeit bis heute nicht vor. Unabhängigen Historikern wurde der Zugang zu den Archiven der Degussa bisher verwehrt. "Die bloße finanzielle Beteiligung am Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter, der erst im Angesicht drohender Entschädigungsklagen aus den USA gegründet wurde, stellt bisher keinen überzeugenden Nachweis für die angemessene Auseinandersetzung der Degussa mit der eigenen Firmengeschichte während des Nationalsozialismus dar", so Salomon Korn abschließend.