August 28th, 2002
Paul Spiegel

Zeit der Selbstbehauptung

Ein Aus- und Rückblick an der Schwelle des neuen jüdischen Jahres 5763

Waren wir wirklich überrascht? Als dieses nun zu Ende gehende Jahr begonnen hatte, da war es gerade mal eine Woche her, daß muslimische Fundamentalisten mit zwei Passagierflugzeugen in die beiden Türme des World Trade Center geflogen waren. Uns allen saß der Schock noch tief in den Knochen, als wir unter verstärktem Polizeischutz an Rosch Haschana das Lied von der Schöpfung der Welt sangen: "Hajom harat olam, hajom jaamid bamischpat ..."

Wir Juden ahnten in diesem Augenblick vielleicht mehr als andere, daß dieser Anschlag katastrophale Folgen haben würde. Wir, die wir seit vielen Jahren mit dem Terror in Israel vertraut sind, die wir die Slogans der arabischen Fanatiker nur allzu gut kennen, wußten, daß der 11. September ein neues Kapitel in der Konfrontation zwischen dem (extremistischen) Islam und dem Westen eröffnet hatte. Wir wußten, daß die trügerische Sicherheit, in der sich die gesamte westliche Zivilisation wähnte, ein für allemal vorbei war. Neue schärfere Gesetze und Überwachungskonzepte wurden erlassen, Panik und Mißtrauen machten sich breit, und mit einem Male mußten auch die "anderen" erkennen, daß das Leben lebensgefährlich ist, daß Tag für Tag eine unsichtbare Bedrohung, eine permanente Gefahr wie ein Damoklesschwert über allen und allem schwebte, kurz: Plötzlich wurde ein Stück des jüdischen Lebensgefühls für viele Menschen nachvollziehbar!
Geben wir es zu: In einer Hinsicht hatten wir uns nach dem 11. September getäuscht. Wir dachten, hofften, ja, waren sicher, daß nun endlich der Westen Israel verstehen könne, daß jetzt vor allem Europa begreifen werde, wie sich die Israelis tagtäglich fühlen.
Doch es kam anders: Schon tauchten erste Gerüchte auf, es seien Juden gewesen, die diesen Anschlag verübt hätten, denn "nur der Mossad sei zu solchen Taten fähig, doch nicht die Araber"! Solche Sprüche konnte man in München und Berlin, in Frankfurt und Hamburg hören. Zur selben Zeit streuten Imame aus dem Nahen Osten in ihren Ansprachen beim Freitagsgebet das Gerücht, es hätte keine Juden unter den Toten des World Trade Centers gegeben, denn die Juden seien kurz zuvor telefonisch gewarnt worden. Es kam, wie es kommen mußte. Die öffentliche Meinung hatte bald mal wieder den bewährten Sündenbock: Israel. Der jüdische Staat sei an allem schuld, denn der palästinensisch-israelische Konflikt sei das zentrale Problem in der Auseinandersetzung zwischen dem Islam und dem Westen. Die deutschen Zeitungsfeuilletons nahmen diese These gerne auf, und so mancher deutsche Intellektuelle meldete sich mit großem Eifer zu Wort, um Ariel Scharon die Schuld für "Ground Zero" zu geben. Nur wenige von ihnen nahmen überhaupt wahr, daß Osama bin Laden in den vergangenen Jahren Israel herzlich egal war, daß er zu einem Zeitpunkt bereits Angriffe auf US-Botschaften und Kriegsschiffe durchführen ließ, als der Frieden zwischen Israelis und Palästinensern buchstäblich zum Greifen nahe war. Nein, das alles war völlig unwichtig, wichtig war, endlich eine Erklärung für das Unerklärliche zu haben, eine Lösungsformel: Die Juden sind an allem schuld!
Um so trauriger, daß jene in der Öffentlichkeit sonst so eifrigen Intellektuellen wie vom Erdboden verschwunden waren, als es darum ging, Solidarität mit deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens zu üben. Als auf infame Weise ein deutscher Politiker aus der Mitte (!) des demokratischen Parteienspektrums Gedankengut aus der äußersten rechten Ecke bemühte, um seine Hoffnungen auf ein zweistelliges Wahlergebnis am 22. September erfüllt zu sehen, waren viele Intellektuelle plötzlich verstummt. Ebenso hüllten sich andere gesellschaftliche Gruppen in Schweigen. Die politischen Parteien äußerten sich vorsichtig, übten zaghaft Kritik, betonten jedoch, daß das ein Problem jener Partei sei, in der besagter Politiker stellvertretender Vorsitzender ist! Sie begriffen nicht, oder wollten nicht begreifen, daß dies ein Problem der Gesellschaft als ganzes war und ist! Den politischen Journalisten sei Dank, daß immerhin ein gewisses Bewußtsein für diese neue Form des Antisemitismus in Deutschland geschaffen wurde. Denn die Feuilletonisten fragten sich inzwischen, ob der berühmteste Fallschirmspringer Deutschlands tatsächlich ein Antisemit sei oder lediglich etwas Antisemitisches gesagt habe.
Die Folge jener Affäre: Zum ersten Mal seit 1945 konnte ein Politiker einer demokratischen Partei sich antisemitisch äußern, ohne irgendwelche Folgen vergegenwärtigen zu müssen. Er wurde nicht aus der Partei ausgeschlossen, er wurde nicht einmal seiner Ämter enthoben, nein, er bekam lediglich einen Maulkorb verpaßt, als die Partei wahrnehmen mußte, daß die Wähler vielleicht ein klein wenig intelligenter sind, als von ihnen eingeschätzt. Die Umfrageergebnisse brachen plötzlich ein, da halfen auch keine dreihundert Neumitgliedschaften vermutlich ultrarechter Anhänger, die wahrscheinlich dachten, endlich in der politischen Mitte des Landes mit ihrem Gedankengut angekommen zu sein. Wir können nur hoffen, daß die Wähler am 22. September die richtige Entscheidung treffen: Eine klare Absage an rechtsextremistische Parteien, eine klare Absage aber auch an jede Form rassistischen und antisemitischen Gedankenguts.
Ganz egal jedoch, wie die Wahlen ausgehen, wir Juden müssen uns im klaren sein, daß es einen Meinungswechsel in Deutschland gegeben hat. Der Antisemitismus ist eine Kategorie in der deutschen Politik geworden. Er kann ohne irgendwelche Konsequenzen geäußert werden und man glaubt, er sei bereits eingedämmt, in dem man die Affäre einfach ad acta legt. Im Mittelpunkt jener Auseinandersetzung stand auch der israelische Premierminister Ariel Scharon und Israel. Israel, immer wieder Israel! Trotz der immer brutaleren Selbstmordattentate auf israelische Zivilisten, auf Frauen und Kinder und andere in Jerusalem, Tel Aviv und Haifa, glauben immer noch viele Beobachter aus Deutschland, die Lösung für das Problem zu kennen. Menschen, die sich nur selten im Nahen Osten aufhalten, glauben nach eigenem Bekunden das Patentrezept für den Frieden im Nahen Osten zu besitzen. Und so werden deutsche Dichter und Denker, die weder den Koran noch die Charta der PLO je gelesen, die die arabischen Reden Arafats und anderer palästinensischer Fundamentalisten nie gehört haben, nicht müde, ihre "Weisheiten" von sich zu geben: Daß die armen Palästinenser gar nicht anders können, als sich durch Terror zu wehren! Was ist das für eine Welt, deren Moralvorstellungen dem angeblich Schwächeren jedes Mittel als Waffe des Widerstands zubilligt? Was ist das für eine Welt, in der Syrien - ausgerechnet Syrien! - im Sicherheitsrat der UNO sitzen darf und mitbestimmt über Entscheidungen gegen Israel? 5762 war kein gutes Jahr für uns Juden, kein gutes Jahr für Juden in Europa, die sich einer neuen Welle des Antisemitismus gegenübersahen, und kein gutes Jahr für Juden in Deutschland, die völlig neue Töne in der deutschen Politik erleben mußten. Macht uns das Angst? Nein, ganz gewiß nicht. Im Gegenteil: Wir gehen Konfrontationen nicht aus dem Wege. Weil wir selbstbewußte Bürger eines demokratischen Staates sind, der uns alle Rechte zugesteht, die man sich in einer freien Republik nur wünschen kann. Wir sind als jüdische Gemeinschaft nicht mehr Opfer wie noch vor sechzig Jahren. Wir sind zwar eine Minderheit, aber eine, die sich zu wehren weiß. Wir haben in unserer Geschichte Schlimmeres durchmachen müssen. Krisen wie die gegenwärtigen gehören vielleicht zum ewigen Zyklus des Verhältnisses zwischen Juden und Nichtjuden. Aber für uns ist die Zeit der Angst vorbei. Es gibt einen starken jüdischen Staat, und der Wunsch so mancher Unbelehrbarer, dieser möge von der Landkarte verschwinden, wird sich nicht erfüllen.
Wir haben wahrlich keinen Grund, verzagt auf das neue Jahr zu blicken. Mit Zuversicht, Solidarität und Stärke wollen wir das Jahr 5763 beginnen. Wir hoffen, daß im Nahen Osten endlich wieder ein Hoffnungsschimmer für den Frieden heraufdämmert. Wir hoffen, daß die Bürger bei der Bundestagswahl die richtige Entscheidung fällen. Und schließlich bekunden wir all jenen, denen es wesentlich schlechter als uns in diesem Land geht, unser Mitgefühl und unsere Solidarität, wie etwa den Opfern von Djerba und ihren Angehörigen sowie den Tausenden von Menschen, die in den vergangenen Wochen durch die Flutkatastrophe alles verloren haben. Gerade angesichts solcher Naturgewalten sollten wir uns bewußt werden, daß vor Gott alle Menschen gleich sind. Schana towa umetuka 5763!