Nachrichten
April 2010
Zentralrat der Juden kritisiert Papst
Von einem Dialog zwischen dem Vatikan und der Jüdischen Gemeinschaft könne «keine Rede mehr sein, vielmehr ist das Verhältnis wegen der bisherigen Amtsführung des Papstes belastet », sagte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan J. Kramer, gegenüber der Nachrichtenagentur ddp. Anlass für die Kritik ist eine Bilanz nach den ersten fünf Jahren des deutschstämmigen Papstes, Benedikt XVI., im Amt. Kramer fügte hinzu: «Maßgeblich für diesen Zustand sind vier Ereignisse, die zu erheblichen Irritationen auf jüdischer Seite geführt haben und bis heute nicht ausgeräumt sind.» Er verwies auf die Zulassung der Tridentinischen Messe mit der Karfreitagsfürbitte für die Bekehrung der Juden. Außerdem habe der Papst vier Bischöfe der traditionalistischen Piusbruderschaft begnadigt - unter anderem den Holocaust-Leugner Richard Williamson. Kramer kritisierte auch «die Leugnung einer Mitverantwortung der katholischen Kirche für den Holocaust in der Rede Benedikts in Auschwitz» und die Fortsetzung des Verfahrens zur Seligsprechung von Papst Pius XII.. Dessen Rolle während der Zeit des Nationalsozialismus sei «alles andere als erforscht». Kramer fügte hinzu: «Diese Ereignisse waren keine Betriebsunfälle und basierten auch nicht auf Unkenntnis der Faktenlage, sondern waren konsequente und beharrliche Schritte auf dem Weg des Papstes hin zum katholischen Fundamentalismus.» Benedikt XVI. habe nach seiner Wahl zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche am 19. April 2005 «gegen die Werte der Aufklärung» gekämpft. Kramer betonte: «Das Menschenbild des Papstes macht einen interreligiösen Dialog, der den Namen verdient, unmöglich.» (11.4.2010)
Kritik am Umgang mit Nazi-Verbrechern
Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer, hat die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit in der Bundesrepublik als «halbherzig und scheinheilig» kritisiert. Der Fall von Massenmörder Martin Sandberger, der unbehelligt in einem deutschen Seniorenstift gelebt habe, mache erneut deutlich, «wie gering das Interesse an der Verfolgung von Nazi-Verbrechen in Deutschland in all den Jahren gewesen war», sagte er der «Rheinpfalz am Sonntag». Weder Politik noch Justiz seien ernsthaft Hinweisen nachgegangen, um die Täter von damals vor Gericht zu bringen. Sandberger sei ein Beispiel dafür. Die Behauptung, die Bundesrepublik habe die Vergangenheit von Hitler-Deutschland mustergültig aufgearbeitet, spotte jeder Beschreibung. «Das betrifft sowohl die Verfolgung der Täter als auch die Entschädigung der Opfer», betonte Kramer. Es sei geradezu absurd, wenn hochbetagte Überlebende des Holocaust juristisch um ihre Entschädigung kämpfen müssen, «aber ihre Mörder in Deutschland gut versorgt ihren Lebensabend verbringen». Auch sei es in hohem Maße «unglaubwürdig», einerseits die Stasi-Täter zu verfolgen und bei Nazi-Verbrechen wegzuschauen. Zugleich forderte Kramer von der Bundesregierung größere Anstrengung bei der Bekämpfung des Rechtsextremismus. Es sei unverantwortlich, gegen Islamismus und Linksextremismus verstärkt vorzugehen zu wollen, die Gefahren von Rechts aber zu übersehen. Es gebe keinerlei Anlass, Entwarnung bei der Bekämpfung der Neonazis zu geben. (10.4.2010)
Zentralrat der Juden kritisiert Sozialdebatte
Der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, kritisiert die gegenwärtige Sozialstaats-Debatte. Mit «populistischen» Tönen werde derzeit «eine gefährliche Entsolidarisierung der Gesellschaft vorangetrieben», sagte Kramer der Nachrichtenagentur ddp. Er fügte hinzu: «Die Religionsgemeinschaften dürfen nicht länger schweigen, sondern müssen sich deutlich hörbar einbringen.» Kramer warnte, in Deutschland sei «der Zusammenhalt der Gesellschaft und damit der soziale Frieden gefährdet». Statt sachlich um die besten Konzepte für eine zukunftsfähige Ausgestaltung des Sozialstaats zu ringen, sei die Diskussion «zu einer aggressiv-polemischen und diffamierenden Debatte verkommen». Die Religionsgemeinschaften müssten nun «vorführen, dass man hart in der Sache diskutieren kann, ohne dabei Menschen zu verleumden». Kramer kritisierte insbesondere die umstrittenen «Hartz IV»-Vorstöße des FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle. (5.4.2010)