27.08.2010

Schlußwort von Michael Grünberg,

Kuratoriumsmitglied des Rabbinerseminars zu Berlin

Wie das bei Grußworten so ist – den letzten beißen die Hunde! Sie werden wohl das eine oder andere Wort schon einmal gehört haben, so oder ähnlich, aber von Herzen kommt es deswegen nicht weniger: Ich möchte allen Unterstützern des Rabbinerseminars zu Berlin meine Anerkennung dafür aussprechen, daß wir den heutigen Anlaß miteinander feiern können! Diese lebendige jüdische Institution hat für mich mehr Bedeutung als nur in meiner Tätigkeit für die Gemeinde Osnabrück. Mein Interesse am Rabbinerseminar hat vielmehr auch eine sehr persönliche Seite.

Ich wurde in einem kleinen Dorf im Emsland geboren; heute hat es kaum mehr als fünftausend Einwohner. Vor der Schoah gab es bei uns achtzehn jüdische Familien. Da waren eine Synagoge mit Mikweh, ein jüdischer Bäcker, eine koschere Metzgerei, ein jüdisches Kolonialwarengeschäft – jaja, so hieß das damals! Es gab einen Cheder, wo wir unsere Kleinsten an das Torah-Studium heranführten, es gab eine jüdische Grundschule, vor allem aber: Es gab eine sehr jüdische, sehr menschliche Gemeinschaft, an die einhundert Seelen vielleicht, komplett vom würdevollen Schulmeister bis zum schlitzohrigen Lausebengel!

Dieses reiche Leben mit seinen uralten Traditionen haben die Nazis für immer zerstört. Das emsländische Landjudentum bleibt auch heute unwiederbringlich verloren – und dieser Heimatverlust ist mein eigener Verlust. Er schmerzt jeden, der von uns noch übrig ist, umso mehr, als unsere Familien dezimiert und über alle Welt hinweg verstreut wurden. Wissen Sie, in unseren Familien, da haben wir Dinge gelernt, die kann keine Synagoge und kein Seminar vermitteln, und wie es zu Hause in der Küche gerochen hat, duftet auch die leckerste Antwerpener Glatt-Koscher-Rindswurst nicht.

Heute ist es umgedreht: Heute besteht die jüdische Gemeinschaft in Deutschland aus Familien, die mit Halachah und Brauchtum zum Teil noch nie in Berührung gekommen sind, und wir bauen jüdische Institutionen auf, die durch Lehren und Lernen diesen Familien wieder Kontakt zu ihrem Judentum verschaffen sollen. Uns allen ist klar: Hier stehen wir noch ganz am Anfang, aber wir sind zuversichtlich, daß dies der Weg ist, das Verlorene allmählich in einer anderen Form wiedererstehen zu lassen. Und das ist der Grund, warum ich so ganz persönlich am Rabbinerseminar zu Berlin interessiert bin: An dieser einst legendären, heute wiedergeborenen Institution wird begonnen, ein neues Kapitel der Geschichte zu schreiben, die beinahe für immer zu Ende gewesen wäre. Unter anderem ist sie meine Geschichte.

Wir haben in Deutschland wachsende jüdische Gemeinden, Baruch ha-Schem! Doch die Mehrzahl ihrer Mitglieder kommt aus einem Land, in dem das Judentum nicht physisch, aber sehr wohl geistlich einem Vernichtungsangriff ausgesetzt war. Was siebzig Jahre Sowjetdiktatur an geistlichem Flurschaden hinterlassen haben, das können zehn Jahre Rabbinerseminar noch lange nicht wettmachen. Wir haben, meine Damen und Herren, eine gewaltige Aufgabe vor uns, eine Aufgabe, die unsere ganze Generation fordern wird. Mich bewegen nicht nur Mitfreude für Rabbiner Baumel und Rabbiner Afanasjev, nicht nur Anerkennung gegenüber all den privaten und öffentlichen Trägern, die hier in Berlin (Leipzig) und bei uns in Osnabrück Großes zu leisten geholfen haben. Mich erfüllt auch das Bewußtsein für die immense Verantwortung, die wir miteinander auf uns genommen haben. Ich kann nur alle Institutionen und Personen und nicht zuletzt auch mich selbst hier miteinschließen: Lassen Sie uns gemeinsam für die Zukunft des Rabbinerseminars zu Berlin sorgen, weil wir gemeinsam für die Zukunft des Judentums in Deutschland sorgen wollen!

Das emsländische Landjudentum, meine Damen und Herren, war nicht von ungefähr da. Es griff zurück auf unvordenklich alte Wurzeln, darum war es bis zuletzt so voller Lebenskraft. Dasselbe gilt für unsere heutigen Aufgaben nicht weniger: Wir müssen sorgsam und geduldig in unsere Lehren und Traditionen zurückhorchen, wenn wir den Weg in die Zukunft finden wollen. Dafür ist meiner Meinung nach keine Institution besser geeignet als das orthodoxe Rabbinerseminar, das heute zwei der wichtigsten Erfolge feiert, die sich feiern lassen.

– es gilt das gesprochene Wort –