02.11.2009

Grußwort Dr. h. c. Charlotte Knobloch Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland

Herzlich willkommen zur Verleihung des diesjährigen Leo-Baeck-Preises! Ich freue mich sehr, dass wir diese Auszeichnung heute an den Präsidenten des Deutschen Fußballbundes, Herrn Dr. Theo Zwanziger, vergeben dürfen.

Das hat nicht etwa mit meiner persönlichen Fußballbegeisterung zu tun – wie Sie wissen, bin ich Bayern-Fan, während Theo Zwanziger einst beim VfL Altendiez gespielt hatte – sondern damit, dass es allerhöchste Zeit ist, diesen Mann für sein außergewöhnliches Engagement zu ehren.

Wir sind nicht die ersten, die das tun – vor rund einem Jahr hat der Verein „Gegen Vergessen – für Demokratie“ Herrn Dr. Zwanzigers Leistungen bereits gewürdigt. Aber dabei darf es nicht bleiben, schließlich beschränken sich Theo Zwanzigers Verdienste auch nicht auf eine Tat, sondern erstrecken sich auf einen langen Zeitraum beharrlichen Engagements, in dessen Folge er Wesentliches für eine tolerante Gesellschaft geleistet hat.

Sehr verehrter Herr Dr. Zwanziger,

seien Sie versichert, dass ich hier und jetzt nur allzu gerne eine Lobeshymne auf Sie beginnen würde. Aber leider ist das nicht meine Aufgabe. Mir kommt es zu, Sie alle sehr herzlich hier zu begrüßen und ich darf unserem Laudator nicht vorgreifen – auch wenn mir das schwer fällt.
Denn ich habe nicht vergessen, dass Sie – Herr Dr. Zwanziger – es waren, der eine Studie zur Rolle des DFBs im Nationalsozialismus in Auftrag gegeben hatte. Auch den Julius-Hirsch-Preis, den der DFB jährlich vergibt, gäbe es nicht ohne das persönliche Zutun Theo Zwanzigers.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

immer wieder heißt es, Sport verbinde die Menschen.
Immer wieder betonen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Sport sei eine Domäne der Fairness, in der Konflikte friedlich ausgetragen werden.
Klar, im sportlichen Wettkampf treffen Menschen aufeinander, die sich unter anderen Gegebenheiten vielleicht niemals kennenlernen würden. Und sie beachten Regeln. Nicht zuletzt die Olympischen Spiele stehen in dem Gedanken der Völkerverständigung. Und bei der Fußball-WM im Jahr 2006 haben wir alle erleben dürfen, was es heißt, wenn die Welt zu Gast bei Freunden ist. Denn das war kein leeres Motto, sondern gelebte Gastfreundschaft – Freundschaft also.

Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere Seite sind Hooligans und Rechtsextremisten, die meinen, den Fußball auf perfide Weise für ihre Zwecke instrumentalisieren zu können. Ich erinnere Sie nur an die Neonazi, die einst zu einem Spiel der iranischen Mannschaft pilgerten, um sich mit den antisemitischen Äußerungen des iranischen Machthabers zu solidarisieren.
Das – meine Damen und Herren – ist nicht im Sinne des Sports, wo Hautfarbe und Religion nichts bedeuten, sondern allein die sportliche Leistung zählt.

Theo Zwanziger hat stets dafür gesorgt, dass braunes Gedankengut im Sport keine Chance hat. Mehr als das – er hat mit seinen Initiativen das Vertrauen der jüdischen Gemeinschaft gewonnen. Weil wir gespürt haben: da ist jemand, der nicht nur sagt, was er meint, sagen zu müssen. Sondern da ist einer, der es ehrlich meint.
Der auf uns zugeht und sich dem Verhältnis zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen mit großer Ernsthaftigkeit und Sensibilität widmet.
Das ist alles andere als selbstverständlich. Denn er müsste das nicht tun.

Nicht zuletzt aus diesem Grund würdigen wir Theo Zwanzigers Engagement heute mit dem Leo-Baeck-Preis.
Es ist das erste Mal, dass diese Auszeichnung an einen Sportfunktionär geht und ich hoffe, dass dies die Bedeutung unterstreicht, die dem Sport als friedenstiftendes Element innerhalb unserer Gesellschaft zukommen kann.

Vielleicht können wir heute sogar deutlich machen, dass der Zentralrat, der den Preis vergibt, mehr ist, als die moralische Instanz Deutschlands. Denn die wollten wir nie sein. Im Gegenteil – wie oft hätte ich mir gewünscht, dass die Medien einmal bei nichtjüdischen Politikern um ein Statement ersuchen, wenn irgendwo braune Horden durch deutsche Städte stiefeln oder brutal auf jemanden übergreifen. Schließlich ist der Kampf gegen Rechtsextremismus keine alleinige Angelegenheit derjenigen, die davon betroffen sind. Sondern es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die jeden angeht.
Sicher, die jüdische Gemeinschaft ist im Visier der Neonazis und wir können nicht stillschweigend dulden, wenn uns jemand angreift. Aber eine demokratische Gesellschaft darf es nicht den Betroffenen überlassen, sich zu verteidigen. Sondern hat selbst für den Schutz ihrer Minderheiten zu sorgen. Denn das ist Teil eines demokratischen Selbstverständnisses. Ein Angriff auf Minderheiten ist immer ein Angriff auf unsere Demokratie insgesamt. Jeder, der sich mit der freiheitlichen Grundordnung und den Menschenrechten identifiziert, muss sich von Neonazis angegriffen fühlen und bereit sein, unsere Werte gegen sie zu verteidigen.

Theo Zwanziger hat das immer getan. Und zwar in einem Bereich, der nicht auf den ersten Blick politisch erscheint – nämlich im Sport. Damit hat er gezeigt, welches Potential der Fußball hat für eine gemeinsame Zukunft in Frieden. Ja, für die Gestaltung unserer Gesellschaft.
Er hat nicht darauf gewartet, dass ihm irgendwer sagt, wie mit der deutschen Vergangenheit umgegangen werden soll. Er ist einfach damit umgegangen. Auf eine sehr couragierte, aufgeklärte und offensive Art, die vielen anderen ein Vorbild sein kann. Das freut mich sehr.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

bevor Hitler die deutsch-jüdische Symbiose als einen Trugschluss entlarvt und bitteres Leid über die jüdische Gemeinschaft gebracht hat, gab es zahlreiche erfolgreiche jüdische Deutsche, die sich im Sportleben engagiert und Grandioses geleistet hatten.
Die Nazis – mit ihrer antisemitischen Propaganda – haben jüdische Sportler diskreditiert. Denn es passte nicht in ihr Bild vom schwächlichen Juden, dass es jüdische Athleten gab, die wie Julius Hirsch in der Nationalmannschaft gespielt und diesem Land zum Ruhme gereicht hatten.
Indem die Nazis jüdisches Leben auslöschten, löschten sie auch all die Verdienste jüdischer Deutscher aus, die sich ganz selbstverständlich mit ihrem Land identifiziert hatten und als stolze Deutsche in den Wettkampf gegangen waren.

Wenn wir heute Theo Zwanziger in seiner Eigenschaft als DFB-Präsident ehren, zeigen wir, dass wir zurück sind. Im Hier und Jetzt – in der Mitte dieser Gesellschaft. Wir sind nicht die Mahner, die die Richtlinien der Vergangenheitsbewältigung vorgeben. Nein, wir bewältigen die Gegenwart.
Wir wenden uns all jenen Dingen zu, die heute von Bedeutung sind und im Zentrum unserer Gesellschaft stehen.
Dazu zählt auch und vor allem der Fußball. Denn es gibt wenig mehr, was die Gemüter gleichermaßen erhitzen und begeistern könnte, wie ein entscheidendes Spiel – das wissen Sie alle.
In einem gesellschaftlich so bedeutsamen Feld einen Freund der jüdischen Gemeinschaft zu haben, freut uns sehr. Weil Theo Zwanziger eine Integrationsfigur ist, die den jüdischen Beitrag am deutschen Fußball wieder sichtbar gemacht hat, nachdem er verdrängt und vergessen worden war.

Wir wissen: Was einst möglich war, wird eines Tages wieder möglich sein. Jüdische und nichtjüdische Athleten, die gemeinsam – Seite an Seite – alles geben, um ein Spiel zu gewinnen.

Ich übergebe nun das Wort an unseren heutigen Laudator und bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit.

- Es gilt das gesprochene Wort -