30.09.2009

Laudatio von Professor Dr. Paul Kirchhof

für Professor Dr. Dres. h.c. Peter Hommelhoff

Wir erleben heute das Voranschreiten der Hochschule für jüdische Studien in ihrem neuen Gebäude, blicken dabei auf einen Altbau, der Hergebrachtes in die Zukunft trägt, auf einen Neubau, der Licht von außen aufnimmt, auf eine Nachbarschaft, die bewusst gesucht wird.

Nachbarschaft, Offenheit und Zukunftsgerichtetheit bringt die Hochschule heute auch dadurch zum Ausdruck, dass sie einen bedeutenden Lehrer, Wissenschaftler und Rektor der Universität Heidelberg durch die Ehrenpromotion auszeichnet. Ich freue mich, die Laudatio auf Herrn Professor Dr. Peter Hommelhoff vortragen, damit – das sage ich in Bescheidenheit und Dankbarkeit - an einer Feier zu einer so bisher noch nicht dagewesenen Entfaltung jüdischen Wissens und Forschens in Heidelberg beteiligt sein, als Mitglied der Universität Heidelberg die festen Bande zwischen beiden Hochschulen erneuern und über Dich, lieber Peter, als Freund sprechen zu dürfen.

Ich tue dies in drei Schritten:

Erstens: In einem Blick auf die Gemeinsamkeiten der ehrenden Hochschule und des zu ehrenden Hochschullehrers,

zweitens: In einer kurzen Würdigung des Wissenschaftlers und Lehrers Peter Hommelhoff und

drittens: Durch einige Hinweise auf die besonderen Verdienste um die Hochschule für jüdische Studien.

1. Peter Hommelhoff hat die Hochschule für jüdische Studien einmal „ein Unterpfand des Vertrauens" genannt. In der Tat ist uns diese Hochschule als Teil der Heidelberger und der deutschen Universitätslandschaft inzwischen vertraut. Aus dieser Vertrautheit erwächst die Sicherheit, nach gemeinsamen Maßstäben der Menschenwürde, der Achtung vor der Freiheit des Anderen, der Friedlichkeit, der Fähigkeit zum Erinnern und des Geschichtsbewusstseins akademisch zu wirken und uns darin zu begegnen.

In dieser Aussage liegt eine wissenschaftliche Offenheit, die der Hochschule wie Peter Hommelhoff eigen ist. Die Hochschule widmet sich jüdischen und nicht-jüdischen Studenten, der Geschichte jüdischer Kulturen wie auch der des deutschen Mittelalters, jüdischen Studien und Islamwissenschaften. Sie bildet Rabbiner für den zukünftigen Dienst in jüdischen Gemeinden aus, verbindet Lernen und Beten.

Peter Hommelhoff verfolgt das Anliegen, aus Vertrautem Neues entstehen zu lassen, in seinem Fach gleichermaßen. Er begleitet die Entwicklung des deutschen und europäischen Rechts, sieht dabei aber die Tradition und Rechtserfahrung unseres Rechts als einen Ursprung, der diese Entwicklung beleben, aber auch aus dieser Entwicklung Impulse empfangen kann. Er betont als Rektor die Eigenständigkeit der Universität Heidelberg als die älteste in Deutschland, pflegt aber bewusst und beharrlich die Beziehungen dieser Universität zu anderen Universitäten in aller Welt. Peter Hommelhoff ist Hochseesegler, der weiß, dass er ohne Wind nicht segeln, wohl aber hart am Wind und auch gegen den Wind vorankommen kann.

2. Wenn wir auf den Wissenschaftler und Lehrer Peter Hommelhoff blicken, wird eine Parallele zwischen einer an der Hochschule für jüdische Studien gepflegten Geschichtswissenschaft und einer am Maßstab des historisch überkommenden Rechts sich entwickelnden Rechtswissenschaft sichtbar. Johannes Heil fragt für die heutigen jüdischen Studien, inwieweit die jüdisch-mittelalterliche Überlieferung heute noch erschließbar ist, damit eine nicht nur der Verteidigung, sondern vor allem auch der Selbstvergewisserung dienliche Form der Geschichtsschreibung vor Augen tritt. Geschichte wird zum Argument.

Der Rechtsdogmatiker Peter Hommelhoff ist diesem Denken eng verwandt. Er sucht aus dem Gesetzestext als einer historisch gewachsenen Rechtskultur Recht zu erkennen und als engagierter Lehrer dogmatisch -der Autorität des Gesetzes verpflichtet- dieses Recht seinen Schülern zu vermitteln, arbeitet auf dieser Grundlage aber ebenso entschieden an einer Reform des Rechts. Gesetz wird zum Argument. Die Europäische Privatgesellschaft, die sich erkennbar ankündigt, ist das wichtigste Ergebnis dieser Bemühungen.

Ich persönlich kenne Peter Hommelhoff als einen Wissenschaftler des deutschen und europäischen Gesellschafts- und Konzernrechts, des Bilanzrechts und der Grundfragen des Zivilrechts. In Fragen des Rechts der Kapitalgesellschaften und des Bilanzrechts begegnen wir uns vielfach, haben manche Doktorarbeit gemeinsam betreut, haben uns aber nie von der Faszination der Zahlen blenden lassen, die eine Wirklichkeit andeuten, niemals aber selbst die Wirklichkeit sind. Zahlen sind Zeichen für Recht. Zeichen aber können verrückt werden. Deshalb stehen wir immer wieder vor der Aufgabe, eine verrückte Wirtschaftswelt wieder zurecht zu rücken. Zum Europarecht haben wir miteinander ein Buch „Der Staatenverbund der Europäischen Union" (1994, heute nach dem Lissabon-Urteil wieder hochaktuell) veröffentlicht, damit das Bemühen um eine Vertiefung und rechtlich bedachte Erweiterung der Europäischen Union deutlich werden lassen.

Peter Hommelhoff hat sich 1981 bei Marcus Lutter in Bochum mit einer Schrift über „Die Konzernleitungspflicht" habilitiert, dann einen Lehrstuhl an der Universität Bielefeld übernommen, manche ehrende Rufe abgelehnt und 1990 den Ruf nach Heidelberg auf einen Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, Handels- und Wirtschaftsrecht, Rechtsvergleichung angenommen. Er war von 1993 bis 1995 Dekan der Juristischen Fakultät, von 2001 bis 2007 Rektor unserer Universität. Von 2004 bis 2006 ist er Sprecher der Universitäten und der Hochschulrektorenkonferenz und damit auch Vizepräsident der HRK. Er ist vielfach geehrt und ausgezeichnet. 1997 erhält er den Max-Planck-Forschungspreis für internationale Kooperation, 2005 wird ihm der Leo Baeck-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland verliehen, 2007 erhält er das Bundesverdienstkreuz. Er ist Ehrendoktor der Universität Krakau und der Universität Montpellier. Sein zweiunddreißig Seiten umfassendes Schriftenverzeichnis belegt die Vielfalt und Weite seines wissenschaftlichen Interesses.

Als Forscher ist Peter Hommelhoff stets offen für das Andere, insbesondere auch die andere Disziplin. Als Lehrer sucht immer wieder neue Methoden und Systematisierungen, will jeden Studenten an seinem Denken teilhaben lassen. Als Rektor führt er die Universität mit entschiedener Hand, möchte dabei aber fast allen Anliegen der Professoren, der Studenten, der Institutionen entsprechen, leidet fast persönlich daran, dass auch die Universität mit raren Gütern auskommen, im Reichtum des Wollens dem Mangel der Ressourcen ins Auge blicken muss.

3. Wenn wir nun nach seinen besonderen Leistungen für die Hochschule für jüdische Studien fragen, so sehen wir einen Wissenschaftler, der –auch in der Tradition seiner Familie- seit langem den Dialog mit der jüdischen Kultur als identitätsstiftendem Teil der europäischen Kultur sucht.

Deswegen hat Peter Hommelhoff die „Max Hachenburg- Gedächtnisvorlesungen" begründet, benannt nach dem Sohn des Mannheimer Rabbiners, einem der berühmtesten Wirtschaftsrechtler im deutschsprachigen Raum, Ehrendoktor der Universität Heidelberg und Mitbegründer der damaligen Wirtschaftshochschule und heutigen Universität Mannheim. Peter Hommelhoff liest vor seinen Studenten aus einem Brief, den Max Hachenburg 1946 aus seiner Zuflucht in Kalifornien schrieb: „Hass ist immer hässlich, am hässlichsten aber, wenn er sich gegen das frühere Vaterland bei dessen Unglück äußert" – ein Satz von Großmut und Gestaltungswillen, der beklommen macht und ermutigt.

Peter Hommelhoff hat sich insbesondere als Mitglied des Kuratoriums der Hochschule für jüdische Studien und als langjähriger Rektor der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg für diese Hochschule eingesetzt. Es war ihm- auch in inzwischen gefestigter Tradition seiner Amtsvorgänger- ein Anliegen, daran mitzuwirken, dass diese junge und aufstrebende Hochschule bald in die Normalität der Hochschullandschaft und des akademischen Alltags von Forschung und Lehre findet. Er hat deshalb die Aufnahme der Hochschule in die Hochschulrektorenkonferenz angeregt, beraten und unterstützt, damit auch den Weg zum Akkreditierungsverfahren bei der Westdeutschen Rektorenkonferenz geebnet, die akademische Nachbarschaft der Hochschule mit der Universität Heidelberg zum Zusammenklang der wissenschaftlichen und pädagogischen Interessen beider Hochschulen gebracht. Vielfach hat er die wissenschaftlichen und institutionellen Zielsetzungen der Hochschule für jüdische Studien als Mitglied von deren Kuratorium intern, aber auch nach außen – etwa beim gemeinsamen Besuch bei der Universität Potsdam – vertreten. Peter Hommelhoff hat den Neubau, der heute eröffnet wird, im Namen der Universität Heidelberg stets gegenüber der Stadt, der Metropolregion, der Öffentlichkeit unterstützt. Und seine Stimme wird zu hören sein, wenn weitere Schritte notwendig werden.

4. Die Rationalität des Entscheidens ist Bedingung gelingenden Universitätslebens. Wenn der Senat und das Kuratorium der Hochschule für jüdische Studien jeweils einstimmig und ohne Enthaltungen beschlossen haben, Herrn Professor Dr. Dres. h.c. Peter Hommelhoff den Grad eines Doktors der Philosophie ehrenhalber für besondere wissenschaftliche Leistungen zu verleihen und ihn ergänzend zum Ehrensenator zu ernennen, so sprechen für diese Entscheidung gute, sehr gute Gründe. Es war mir ein Anliegen und eine besondere Freude, ihnen einige dieser überzeugenden Gründe anzudeuten, wohlwissend, dass viele der heutigen Festgäste manches hinzufügen, manches aus persönlichem Begegnen und Erleben ergänzen könnten. In vier Punkten aber dürften wir alle übereinstimmen:

1. Bedeutende Hochschulen haben die Kraft zu loben.

2. Das Lob auf Peter Hommelhoff ist wohl begründet.

3. Ein begründetes Lob ist Grund für Fest und Feier.

4. Wir freuen uns mit Dir, lieber Peter, diesen Ehrendoktor zu feiern, empfinden es als Glück, dass wir in unserer Generation eine solche, auf die Universität und auf die Wissenschaft in Deutschland und Europa wirkende Ehrung erleben dürfen.

Herzlichen Glückwunsch!

Es gilt das gesprochene Wort