30.09.2009

Rede Professor Dr. Salomon Korn

Vorsitzender des Kuratoriums der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

Dies ist ein Tag, wie ich ihn selten sah!
Der Hochschulneubau fertig, Raum für Raum,

Und Freunde kommen heut' von fern und nah,

Verwirklicht ist ein langgehegter Traum.

Es bedarf schon der Anlehnung an die Sprachkraft eines Friedrich Hebbel, um auch nur annähernd meine Freude auszudrücken, die ich heute, aus Anlass der Eröffnung des Neubaus der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, empfinde. Und besäße ich Hebbels Fähigkeit zur Dichtkunst, dann würde ich jetzt meinen Dank an all jene, die ihren Beitrag zur Vollendung dieses Werkes geleistet haben, in Versen ausdrücken.

So aber danke ich ganz einfach ohne lyrisierende Worte für die finanzielle Unterstützung des Neubauvorhabens

dem Bund, vertreten durch den Ministerialrat des Bundesinnenministeriums Herrn Hubertus Rybak,

dem Land Baden-Württemberg, vertreten durch den Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Prof. Dr. Frankenberg,

meinen Kolleginnen und Kollegen aus Präsidium, Direktorium und Ratsversammlung des Zentralrats der Juden in Deutschland, vertreten durch die Präsidentin Frau Dr. h. c. Charlotte Knobloch,

den Mitgliedern des Aktionskomitees, vertreten durch Professor Dr. Hubert Burda,

den Mitgliedern des Freundeskreises, vertreten durch Professor Dr. Löwe,

den Erwerbern von Bauaktien, vertreten durch Altbundeskanzler Dr. Helmut Kohl und seiner Frau Dr. Maike Kohl-Richter, die ich beide herzlich begrüße,

den Käufern von Büchern in der vom Burda Verlag zugunsten der Hochschulbibliothek eingerichteten virtuellen Bibliothek

sowie allen institutionellen und privaten Spendern.

Weiterhin danke ich

der Stadt Heidelberg und deren Ämtern, vertreten durch Oberbürgermeister Dr. Würzner, für ihre unbürokratische Unterstützung während der Bauzeit;

der Universität Heidelberg, vertreten durch Professor Dr. Eitel, für ihren stetigen Beistand und ihre schwesterliche Hilfe;

den Nachbarn für ihre Geduld und ihr Verständnis;

den Professorinnen und Professoren, den Studentinnen und Studenten,

den Angestellten und Hilfskräften der Hochschule für ihren Langmut und ihre Ausdauer – vor allem dem Leiter der Hochschule, Herrn Professor Dr. Heil und seinem Vorgänger Professor Dr. Bodenheimer,

sowie den Mitarbeitern in der Berliner Verwaltung des Zentralrats der Juden in Deutschland, vertreten durch den Generalsekretär Stephan Kramer,

Dr. Burens für seine engagierte, vorbildliche Organisation.

Mein besonderer Dank gilt dem Architekten Herrn Maier und seinen Mitarbeitern, dem Projektleiter, Herrn Bappert, den Ingenieuren und Fachplanern, den ausführenden Firmen sowie den fleißigen Männern vom Bau (und, sofern vorhanden, auch den Frauen vom Bau).

Mit ein wenig Wehmut danke ich zwei Männern, die beide ihr Amt im Kuratorium der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg vor einiger Zeit niedergelegt haben: Ihnen, lieber Herr Professor Dr. Hommelhoff, der Sie heute für Ihre Verdienste um die Hochschule mit der ersten Verleihung des Dr. h. c. der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg geehrt werden, und Ihnen, lieber Herr Müller-Arens.

In all den Jahren unserer Zusammenarbeit habe ich Sie, lieber Herr Müller-Arens, als sachkundigen, umsichtigen und aufgeschlossenen Menschen kennengelernt. Auf dezente Weise haben Sie, den Belangen und Wünschen der Hochschule stets zugetan, immer deren Interessen vorausschauend vertreten. Bewundert habe ich dabei ihre stete Wahrung der Zusammenhänge, ihren feinsinnigen Humor und jene schwer zu beschreibende unaufdringliche Empathie, die Sie für die Sache der Hochschule für Jüdische Studien gezeigt haben. Dafür danke ich Ihnen von Herzen – in der Hoffnung, dass Sie uns auch in Zukunft, wenn schon nicht mit Tat, so doch mit Rat zur Seite stehen werden.

Aus Anlass der Grundsteinlegung zum Neubau der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg am 4. April 2008 habe ich gesagt: „Der Grundstein, der heute gelegt wird, ist kein ausschließlich materieller. Er bildet gleichzeitig das symbolische Fundament eines geistigen Gebäudes – eines, an dem zukünftig ständig gebaut werden muss, wenn es seiner Bestimmung gerecht werden soll: der Entwicklung, Belebung und Festigung einer erneuerten deutsch-jüdischen Kultur." Was ist mit dem Bindestrichbegriff „deutsch-jüdische Kultur" gemeint?

In diesem Zusammenhang ist ein Blick auf das zahlenmäßige Verhältnis zwischen jüdischer und nichtjüdischer Bevölkerung in den letzten 200 Jahren erhellend, wenngleich das reine Zahlenverhältnis nicht unmittelbar etwas über die tatsächliche Bedeutung des jüdischen Bevölkerungsanteils für die „deutsch-jüdische" Kultur aussagt. Der Anteil der Juden betrug im Durchschnitt nie mehr als ein Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung. Bei diesem Verhältnis ist es kühn, ja, vermessen, eine historisch bedeutsame „deutsch-jüdische" Kultur im Sinne einer nennenswerten „deutsch-jüdischen" Symbiose zu erwarten. Mir ist kein Fall bekannt, in dem ein Deutscher christlicher Herkunft Bedeutendes auf dem Gebiet der sogenannten „deutsch-jüdischen" Kultur oder gar auf dem der jüdischen Kultur geleistet hätte. Aus Sicht des Judentums ist Akkulturation immer eine Angleichung des Judentums an die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft und nie eine beidseitige Annäherung.

Die Juden in Deutschland haben vor der Vernichtung des deutschen Judentums aus ihrer gesellschaftlich verwehrten Gleichstellung heraus kulturelle Leistungen erbracht, die man nur unter den geschilderten Vorbehalten als „deutsch-jüdische" bezeichnen kann. Es sind keine genuin jüdische oder „deutsch-jüdische" Kulturphänomene als Produkte einer friedlichen und fruchtbaren Symbiose, sondern gegen Widerstände der christlichen Mehrheitsgesellschaft abgetrotzte, vorwiegend säkulare Kulturleistungen. Während der Einfluss jüdischer Frauen und Männer auf nahezu alle Bereiche deutscher Kultur, vor allem auf Literatur, Musik und Wissenschaft, bedeutsam war, blieb der Einfluss des Judentums auf die deutsche Kultur allenfalls marginal.

Diese zu unterscheidenden Phänomene – der Einfluss von Menschen, die Juden oder jüdischer Abstammung waren, und der Einfluss des Judentums auf die deutsche Kultur – sind immer wieder verwechselt und vermengt worden, vor allem dann, wenn es um den bedenklichen Nachweis ging (und geht), welche herausragenden Leistungen deutsche Kultur und deutsche Wissenschaft Juden verdanken. Mit jedem dieser wohlgemeinten „name-dropping"-Nachweise treten Juden in Deutschland weder als Deutsche noch als jüdische Deutsche auf, sondern zum Preis einer fragwürdigen Exklusivität als gesellschaftlich abgegrenzte Minderheit aus der deutschen Mehrheitsgesellschaft heraus.

Der Beitrag deutscher Juden zur deutschen Kultur zum Preis ihrer Akkulturation und Assimilation ist von der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft nie mit wirklicher gesellschaftlicher Gleichstellung des jüdischen Kollektivs gewürdigt worden. Vielleicht war die Zeit dafür zu kurz, vielleicht die nichtjüdischen Deutschen in ihrem Ringen um Nationalität und soziale Stabilität noch zu schwach, denn ein deutsches Judentum, das diesen Namen wirklich verdiente, gab es nur etwa 50 Jahre: zwischen Reichsgründung (1871) und Konstituierung der Weimarer Republik (1918). Bereits in diesen Jahrzehnten entstand der Zionismus und eine, wenn auch bescheidene, national-jüdische Bewegung in Deutschland. Beide Bewegungen waren Reaktionen auf eine vollständige Akkulturation und Assimilation deutscher Juden in Erkenntnis der Fallstricke einer „deutsch-jüdischen Symbiose-Kultur": Nur wenn das Judentum spezifische Eigenschaften und Traditionen wahrt, kann es Quelle von „Kulturproduktion" und Kulturaustausch mit anderen Kulturen sein. Andernfalls gibt es kaum noch produktive „Reibungsflächen" zwischen jüdischer Minderheit und nichtjüdischer Mehrheitsgesellschaft und damit auch keinen fruchtbaren Austausch zwischen unterschiedlichen Kulturen.

Der jeweilige Preis ist offensichtlich: Bewahren Juden ihre besondere Prägung, dann bleiben sie bewusst eine eigene Gruppe innerhalb der Mehrheitsgesellschaft, was im anglo-amerikanischen Bereich tendenziell der Fall ist. Geben Juden ihre spezifische Prägung auf, dann verlieren sie ihre Besonderheiten und akkulturieren oder assimilieren sich früher oder später in die Mehrheitsgesellschaft, ohne eigene kulturelle Spuren zu hinterlassen. Aus diesem Dilemma - wenn es denn eines ist - scheint es keinen Ausweg zu geben. Es führt zu der Frage, ob „Symbiose-Kulturen", wie etwa die „deutsch-jüdische" nur zeitlich begrenzte Übergangsphänomene sind, ja, vielleicht - einem Funkenregen gleich - nur solche sein können.

Durch das von Deutschen verübte nationalsozialistische Menschheitsverbrechen waren weite Bereiche der deutschen Kultur diskreditiert. Seither kann diese von den deutschen Juden einst so heiß geliebte Kultur nicht mehr mit deren einstmaligen „Naivität" gesehen werden. Nichtjüdischen Deutschen, die sich mit jüdischer Kultur in Deutschland beschäftigen, scheint immer noch das Ideal einer „deutsch-jüdischen" Kultur im Sinne einer verklärten „deutsch-jüdischen Symbiose" vorzuschweben. Damit ist vermutlich der Wunsch verknüpft, verlorengegangene Anteile der eigenen Tradition im großen Topf einer revitalisierten „deutsch-jüdischen" Kultur wiederzufinden. Doch gelten solche Wiederbelebungsversuche einem Phantom. Aus Sicht des Judentums war „deutsch-jüdische" Kultur stets eine Übergangs- und Auflösungserscheinung auf Kosten jüdischer Eigenart und jüdischer Wesensmerkmale gewesen.

Die historischen Erfahrungen der Juden mit jüdischer Kultur in Deutschland oder mit „deutsch-jüdischer" Kultur sind von Tragik gekennzeichnet. Nach 1945 hat sich in Deutschland eine wirklich substantielle jüdische Kultur nicht herausgebildet, ja, nicht herausbilden können. Deren einstmalige Träger waren größtenteils ermordet oder emigriert. Die kleine Schar der bis 1990 knapp 30.000 Seelen zählenden jüdischen Gemeinschaft war weder von ihrer heterogenen Zusammensetzung noch von ihrer institutionellen und finanziellen Ausstattung her in der Lage, eine nennenswerte jüdische Kultur aufzubauen. Eine neue, durch die seit 1990 verstärkte Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion geprägte jüdische Kultur ist als gesellschaftlich relevantes Phänomen bisher nicht erkennbar.

Was den Juden in Deutschland nach der zunächst diskreditierten Geschichte des deutschen Judentums als eine Geschichte der Überangepasstheit und Auflösung blieb, war der Versuch einer nach innen orientierten Pflege jüdischer Tradition in Familie, Synagoge und Gemeinde. Die Aufrechterhaltung einer außengeleiteten, vermeintlich „gesellschaftsfähigen" jüdischen Repräsentationskultur entsprach und entspricht eher wohlgemeinten nichtjüdischen Vorstellungen von jüdischer Kultur und sicherlich auch denen manch jüdischer Funktionäre.

Doch es gibt Einrichtungen in Deutschland, die Kristallisationskerne einer möglichen zukünftigen jüdischen Kultur sein könnten: die jüdischen Kindergärten, Schulen, Volkshochschulen, Bibliotheken und Jugendzentren - vor allem in den Großgemeinden; die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, das Abraham Geiger Kolleg, das Touro College Berlin, die Lauder Foundation Jüdisches Lehrhaus und in Gründung sich befindlichen Jüdischen Akademien und Jüdischen Kollegien – kurz: die klassischen Lehr- und Lernorte des Judentums. Zugegeben: Es sind wenige, aber angesichts der in diesem Land stattgefundenen Vernichtung jüdischen Lebens und jüdischer Tradition ist das nicht verwunderlich. Kritik am Zustand jüdischer Kultur in Deutschland sollte die Langzeitfolgen ihrer einstmaligen Vernichtung nicht unterschätzen.

Aus jüdischer Sicht bleibt die Geschichte der jüdischen Kultur in Deutschland, vor allem aber die der „deutsch-jüdischen" Kultur eine des vergeblichen Aderlasses jüdischer Substanz und eine der dauerhaften Selbstentfremdung ohne nachhaltige gesellschaftliche Kompensation. Warum also sollte aus jüdischer Sicht ein solches Kapitel revitalisiert werden? Und wenn partiell doch, dann sicherlich nicht mit jenen Zielen und Absichten, wie sie aus einer Geschichte der Selbstverleugnung und des Scheiterns abzulesen sind. Es darf keine unter gesellschaftlichem Legitimationsdruck abgepresste oder politischem Kalkül dienende „deutsch-jüdische" Kultur als eine weitere Übergangs- und Auflösungsvariante des Judentums in Deutschland sein. Eine eigenständige, erneuerte jüdische Kultur wird nur wachsen, wenn sie nicht vorrangig danach schielt, aus fragwürdigen Nützlichkeitserwägungen heraus einen ihr wesensfremden Beitrag zur deutschen oder europäischen Kultur zu leisten. Allein durch Verwirklichung dieses Anspruches wird sie eine Bereicherung deutsch-jüdischer und europäisch-jüdischer Kultur sein.

Möge die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg eines der Fundamente einer erneuerten deutsch-europäisch-jüdischen Kultur werden.

- Es gilt das gesprochene Wort -