29.09.2009

Grußwort Dr. Eckhart Würzner

Oberbürgermeister der Stadt Heidelberg

Auch ich begrüße Sie ganz herzlich zur feierlichen Eröffnung des Neubaus der Hochschule für jüdische Studien.

Ich freue mich, dass ich als Oberbürgermeister der Stadt Heidelberg die Ehre habe, hier ein Grußwort zu sprechen.

Antisemitismus ist der Tod der europäischen Zivilisation

In seinem Roman „Die rote Lilie" aus dem Jahr 1894 schreibt der französische Literaturnobelpreisträger Anatole France:

„Der Antisemitismus ist der Tod, jawohl, der Tod der europäischen Zivilisation."

Er sollte Recht behalten. Keine 40 Jahre später begann die braune Gewaltherrschaft, die Deutschland und Europa innerhalb von nur 12 Jahren in den Abgrund riss.

Dabei zerstörten die Nazis fast vollständig auch das aktive jüdische wissenschaftliche Leben in Heidelberg.

Weimarer Republik: Viele jüdische Wissenschaftler in Heidelberg

Besonders im Institut für Experimentelle Krebsforschung und im Institut für Sozial- und Staatswissenschaften wirkten viele jüdische Wissenschaftler. Aber auch in anderen Fakultäten arbeiteten hervorragende jüdische Gelehrte.

Wissenschaftlicher Austausch ab Ende der 50er Jahre

Erst Ende der fünfziger Jahre wurden wieder zaghafte Bande zwischen deutschen und israelischen Wissenschaftlern geknüpft. Auf deutscher Seite war dies der Heidelberger Physik-Professor, Wolfgang Gentner, Gründer des Max-Planck-Instituts für Kernphysik, auf israelischer Seite Josef Cohn, der in Heidelberg Staatswissenschaften studiert und bei Alfred Weber promoviert hatte.

Daraus entwickelte sich ein wissenschaftlicher Austausch, der bis heute Bestand hat.

Gründung der Hochschule für Jüdische Studien 1979

Ein ganz wichtiger Schritt, neues jüdisches akademisches Leben in Heidelberg zu etablieren, war 1979 die Gründung der Hochschule für Jüdische Studien.

Sie ist inzwischen das europäische Kompetenzzentrum in ihrem Fach und ein wichtiger Teil unseres Geistes- und Kulturlebens.

Sie symbolisiert darüber hinaus das neue Deutschland, das neue Heidelberg, das für Weltoffenheit, Toleranz und Wissenschaftsfreundlichkeit steht.

Neubau vereint vier Standorte unter einem Dach

Mit dem Neubau ist ein Ort geschaffen worden, der die bisher auf vier Standorte in der Altstadt verteilten Hörsäle, Bibliothek, Mensa, sowie das Rektorat und die Büros zusammenfügt.

Die Lao-tse zugeschriebenen Worte,

Das Sichtbare, das Seiende,
gibt dem Werk die Form.
Das Unsichtbare, das Nichts,
gibt ihm Wesen und Sinn.

versinnbildlichen die eigentliche Herausforderung:

Der errichtete Neubau, transparent und schlicht, hat dem Werk die Form geben.

Ort des Wissens, der Begegnung und der Kommunikation

Doch erst der dadurch entstandene Leerraum wird ihm sein Wesen, seinen Sinn geben, um den es uns hier geht:

„Einen Ort des Wissens, der Begegnung und der Kommunikation zu schaffen."

Diese Aufgabe liegt nun vor Ihnen, Herr Professor Heil, Ihrem Lehrkörper und Ihren Studentinnen und Studenten.

Und wir unterstützen Sie dabei gern nach Kräften.

Bereits heute ist Ihre Hochschule ein kulturelles Zentrum, das auch neue Wege geht und Brücken baut zwischen der christlichen, jüdischen und islamischen Welt.

Wir sind glücklich – ganz im Sinne von Hermann Maas, der als klares Bekenntnis zu seinen jüdischen Freunden nach dem Novemberpogrom 1938 unerschrocken ein MESUSA als Zeichen der Zuflucht am Pfosten seiner Pfarrtür befestigte – dass das für uns alle so wichtige jüdische Leben und jüdische Lehren in Heidelberg wieder ganz selbstverständlich geworden ist.

Danke für dieses Vertrauen.

Shalom

- Es gilt das gesprochene Wort -