29.09.2009

Presseberichte über die Eröffnung des Neubaus

Zur Hintergrundinformation haben wir Ihnen einige Presseberichte zusammengestellt, die im Vorfeld der Eröffnung des Neubaus der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg erschienen sind.
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Jüdische Hochschule
Rabbis aus dem Neckartal

Von Kurt F. de Swaaf

Die Hochschule für Jüdische Studien wird 30. Noch immer kämpfen ihre Studenten manchmal gegen Vorurteile. Nicht nur Rabbiner werden in Heidelberg ausgebildet; der Chef ist Katholik, einige Studenten sind Muslime. Der Kern der Arbeit: die älteste monotheistische Religion der Welt.

Die Bibliothek ist außer Betrieb, aber nur für wenige Tage. Durchsichtige Plastikplanen schützen die Bücher vor dem momentan allgegenwärtigen Staub. Viele Bände tragen hebräische oder auch kyrillische Schriftzeichen auf dem Rücken. Direkt nebenan, im neuen Gebäudeteil, wird noch emsig gearbeitet.

Zwischen den Regalen steht Johannes Heil wie ein Mann, der seinen Platz gefunden hat. Die Hochschule für Jüdische Studien (HfJS) sei das größte Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit in Europa, berichtet er stolz. Vor gut einem Jahr übernahm der Historiker die Leitung. Neben der Heidelberger Hochschule bildet in Deutschland nur das Institut für jüdische Studien an der Uni Potsdam Rabbiner aus. Damit begannen beide Einrichtungen 2001, lange nach dem zweiten Weltkrieg und den Schrecken des Holocausts in Deutschland - ein Meilenstein auch in der dreißigjährigen Geschichte der HfJS.

Daneben bietet die Hochschule ein breites Fächerangebot für alle, die sich rein wissenschaftlich mit der jüdischen Kultur befassen wollen. Gut 150 junge Frauen und Männer sind zurzeit eingeschrieben. Dennoch: "Das ist hier kein Elfenbeinturm", sagt Johannes Heil. Man wolle nicht nur akademisches Wissen vermitteln, sondern auch Unwissen und Vorurteile in der Gesellschaft abbauen. "Da haben wir viel zu tun."

Offen fürs konservative wie liberale Judentum

Heil selbst ist Katholik, weniger als die Hälfte der Studenten sind jüdischen Glaubens. Auch Muslime studieren hier. Denn das Hauptanliegen der Hochschule heißt: mehr Selbstverständlichkeit im Umgang mit der ältesten monotheistischen Religion der Welt. "Aber das geht nur, wenn wir wissenschaftlich brillant sind", sagt Heil. Dazu gehöre auch die kritische Auseinandersetzung mit religiösen Fragen. Die Hochschule richte sich explizit nicht an einer bestimmten Strömung aus, sondern stehe dem orthodoxen wie dem liberalen Judentum offen gegenüber.

Wieso aber befindet sich dieses Gelehrtenzentrum in Deutschland, wo es doch in Nachbarländern größere jüdische Gemeinschaften gibt? "Ich denke, das ist die Erfahrung des Verlusts", sagt Heil mit Blick auf die Judenvernichtung im "Dritten Reich". Die Gesellschaft hierzulande trage den Wiederaufbau des jüdischen akademischen Lebens wesentlich mit. "Wir werden aus historischen Gründen gefördert."

Die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Hochschule im Gefüge der Universitätsstadt Heidelberg bewegt, findet Heil einzigartig. "Wir haben noch viel zu wenig Studierende für das, was wir hier anbieten." Das liege wahrscheinlich am Studienabschluss, "außerhalb der Gemeinde gibt es kein natürliches Berufsfeld". Die Absolventen kämen dennoch gut in Lohn und Brot, versichert er. Außerdem sei die Betreuungssituation während des Studiums traumhaft.

Ja, es gibt uns - und zwar nicht im Museum

Mark Krasnov kann das bestätigen. Er studiert in Heidelberg Jüdische Religion, Spanisch und Latein im fünften Semester auf Lehramt. Die Dozenten kennen all ihre Studenten beim Namen, man begrüße sich persönlich, sagt Krasnov. Kein Vergleich zur Elite-Uni Heidelberg, an deren Romanistischem Seminar er gleichzeitig studiert. Dort darben die Geisteswissenschaften. Die Kurse sind derart überbelegt und die Mittel so knapp, dass Romanistikstudenten im Sommer aus Verzweiflung ihr Institut besetzten. "Ich bin sehr froh, an dieser Hochschule gelandet zu sein. Vieles wird hier benutzerfreundlicher gestaltet", sagt Krasnov.

Für den künftigen Religionslehrer steht die Aufbaurolle der Hochschule ebenfalls im Vordergrund, "damit wieder ein reichhaltiges jüdisches Leben in Deutschland stattfinden kann". Wie beladen das Verhältnis zwischen andersgläubigen Deutschen und Juden noch immer ist, zeigt sich zum Beispiel, wenn Krasnov anderen Studenten sagt, er komme am Freitagabend nicht mit auf Kneipentour, weil dann der Sabbat beginne und er in die Synagoge gehe. "Mein Gegenüber weicht fast immer verwundert einen Schritt zurück und fragt: Bist du... Jude? Am liebsten möchte ich dann sagen: Ja, es gibt uns noch, wir stehen noch nicht im Museum."

Die Fragen verunsicherter Kommilitonen beantwortet Mark Krasnov trotzdem gern. "Ich muss oft eine gewisse Aufklärung betreiben, die sonst nirgendwo stattgefunden hat." Mit den nicht-jüdischen Studenten kommt es dagegen eher zu kontroversen Diskussionen über Details der jüdischen Glaubenspraxis. Was ist erlaubt, was nicht?

Die koschere Mensa wird vegetarisch

Solche Themen haben im Alltag große Bedeutung auch für die koschere Mensa. Gläubige Juden befolgen strenge Speisevorschriften; die Kaschrut-Gesetze in der Küche umzusetzen, erfordert Wissen und Erfahrung. Ludmilla Rabinowitsch hat beides. Seit 1994 liegt der gesamte Mensabetrieb in ihren Händen.

"Ich bin Mädchen für alles", sagt sie und lacht herzlich. Sie kocht, kauft ein, regelt die Buchhaltung, plant die Menüs. Oberstes Gebot einer koscheren Küche: Fleisch darf niemals mit Milchprodukten in Berührung kommen. Sogar die bei der Zubereitung verwendeten Töpfe, Geschirr und Besteck müssen komplett getrennt bleiben. In der kleinen alten Küche der Hochschule war das nicht möglich, "milchige" Gerichte kamen somit nicht auf den Tisch.

Mit dem Umzug aber wird sich das ändern. Zwar ist auch die neue Küche zu klein, um beides anzubieten, doch künftig entfällt Fleisch komplett, es wird auf "milchige" sowie "parve", also neutrale, Speisen wie Fisch und vegetarische Gerichte umgestellt. Doch auch sonst gibt es tausende Kaschrut-Regeln zu beachten. In ganz kniffligen Fällen fragt die Köchin beim Campus-Rabbiner Shaul Friberg, ob ein Gericht den jüdischen Küchenvorschriften entspricht.

Rabinowitsch stammt ursprünglich aus Kasachstan und wuchs dort noch zu Sowjet-Zeiten auf. Eines ihrer beliebtesten Gerichte sind "Blinzes", gefüllte Pfannkuchen, und eine jiddische Variante der russischen Blini. Die jüdische Küche hat viele Rezepte aus Gegenden übernommen, in denen Juden lebten. Für Rabinowitsch sind die Studenten nicht einfach Kunden, sondern Gäste, die ihr am Herzen liegen: "Ich habe jeden Tag das Gefühl, dass ich Besuch habe."

Erschienen in Spiegel-Online am 23.9.2009

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Neubau der Hochschule für Jüdische Studien wird eingeweiht

Alleine die lange Liste ihrer prominenten Redner belegt das Renommee der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien. Bundespräsident Horst Köhler, Kanzlerin Angela Merkel (CDU), aber auch die Journalistin Alice Schwarzer, Kardinal Karl Lehmann und Moderator Harald Schmidt haben hier schon gesprochen. Seit 30 Jahren belebt die Hochschule das jüdisch-theologische Geistesleben in Deutschland und ist Ausbildungsstätte für Religionslehrer, Kantoren und Rabbiner die jüdischen Gemeinden. In der kommenden Woche beginnt eine neue Ära an der Hochschule. Sie bezieht ein neues Gebäude.

«Mit dem Neubau haben wir die bisherigen vier Standorte der Hochschule zusammengeführt. Das wird die Arbeit in Zukunft erleichtern», schildert Pressereferentin Judith Weißbach. Sie steht inmitten von Umzugskartons. Die Bücher sind schon in die große Bibliothek geliefert worden. Aber rings herum wird gesaugt, geschraubt gehämmert. Weißbach kann sich noch nicht recht vorstellen, wie das neue Gebäude bis zur Einweihung am kommenden Mittwoch (30. September) fertig werden soll. «Aber es muss ja», sagt sie und lacht. Das umgebaute Gebäudeensemble ist für 250 Studenten ausgelegt und verbindet einen repräsentativen Altbau mit einer modernen, gläsernen Architektur.

Auch der Leiter der Hochschule, Johannes Heil, hat noch viel Arbeit vor sich, bis das renommierte Institut in das neue Anwesen in der wenige hundert Meter entfernten Landfriedstraße umgezogen ist. Ministeriale aus Stuttgart rufen an, es geht um Termine und Absprachen. Träger der Institution ist der Zentralrat der Juden. Auf seine Initiative hin besteht ein breites Fächerangebot an der Hochschule für jene, die sich wissenschaftlich mit den Facetten des jüdischen Lebens auseinandersetzen wollen.

Dazu gehören auch Studenten, die später einmal als Religionslehrer und sonstige Bedienstete in den jüdischen Gemeinden der Republik arbeiten. Durch die Zuwanderung von Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion wuchs der Bedarf der jüdischen Gemeinden an ausgebildeten Religionslehrkräften. Seit 2001 besitzt die Hochschule nach eigenen Angaben als erste und bislang einzige Institution in der Geschichte Deutschlands das Recht zur Ausbildung jüdischer Religionslehrer mit dem Abschluss Staatsexamen.

Zurzeit sind etwa 150 Studierende aus 14 Ländern eingeschrieben. Etwa ein Drittel von ihnen ist jüdischen Glaubens, der Rest der jungen Akademiker setzt sich aus Christen, Atheisten und sogar Muslimen zusammen. Hinzu kommt eine ungefähr ebenso große Zahl von Studenten der geistes- und kulturwissenschaftlichen Fakultäten der Universität Heidelberg. Sie besuchen die Seminare der Hochschule für ihr Studium.

Nach Ansicht von Heil bietet genau diese Zusammensetzung die Voraussetzung für eine fruchtbare wissenschaftliche Arbeit. Acht Lehrstühle gibt es in den verschiedenen Teilfächern der Jüdischen Studien. Dazu gehören beispielsweise Bibel und jüdische Bibelauslegung, rabbinische Literatur, jüdische Kunst sowie jüdische Philosophie und Geistesgeschichte.

Laut Heil kommt es in den Seminaren immer wieder zu interessanten Diskussionen, etwa wenn angehende jüdische Religionslehrer und Studenten der Kunstgeschichte unterschiedlicher Auffassung bezüglich einer geschichtlichen Deutung sind. «Das erzeugt ein Spannungsfeld, das letztendlich die idealen Voraussetzungen für unsere wissenschaftliche Arbeit bietet», sagt Heil, der selbst Katholik ist und den Lehrstuhl für Geschichte im Haus innehat. Er sieht sich in der Rolle eines Moderators. «Wenn es um religiöse Belange geht, hat der Hochschulrabbiner das letzte Wort.»

Die Arbeit am Institut sei auch deswegen außergewöhnlich, weil Dozenten und Studenten neben dem Forschungsauftrag auch durch Aufklärung in der Gesellschaft wirken sollten, sagt er. Für den 48 Jahre alten Heil ist die Hochschule ein Resultat der deutschen Geschichte. Als offenes Forum des Gedankenaustauschs der Religionen und Kulturen stehe sie in der Tradition der Bundesrepublik.
na/ddp

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Bildung

Doktor Rabbiner

An der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg studieren junge Menschen unterschiedlichster Herkunft und Religion. Jetzt wird die Schule 30 Jahre alt.

Manchmal weist Fußball über sich selbst hinaus, so wie ein Turnier in Heidelberg anno 2003: Da spielen Juden gegen Muslime, Chinesen gegen Norweger, Kameruner gegen Senegalesen. Am Ende siegen die Araber. Gewonnen haben alle.

Alle, das sind die Studenten der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien, ein bunter, uneinheitlicher Haufen: Frauen und Männer, Bayern und Preußen, Juden, Christen und Muslime, Russen, Israelis und Ägypter. Während dreitausend Kilometer entfernt Truppen gegen die »Achse des Bösen« in den Krieg ziehen, sortieren sie sich nach Glaubensrichtung oder Herkunft, um einen friedlichen Wettkampf auf dem Rasen zu zelebrieren.

Seit 30 Jahren bildet die Hochschule für Jüdische Studien, kurz HfJS, junge Experten für jüdische Kultur aus. Derzeit studieren 140 Frauen und Männer im Hauptfach Jüdische Studien, Gemeindearbeit oder Jüdische Religionslehre. 14 Nationalitäten und diverse Glaubensrichtungen von morgens bis abends beieinander: Das erstickt kulturelle Ressentiments, der Andere ist hier nicht lange fremd. Die große Offenheit, die während des Fußballturniers 2003 sichtbar Gestalt annahm, ist an der HfJS nichts Besonderes – und genau das macht diesen Ort besonders.

Auf dem Rasen damals mit dabei war Imen Ben Temellist, die jetzt eine Doktorarbeit über Juden in Tunesien während der Schoa schreibt und nebenher an der HfJS lehrt. Vor zehn Jahren kam die zierliche junge Frau von Djerba nach Heidelberg. »Noch immer werde ich gefragt, warum ich als Muslimin ausgerechnet Jüdische Studien studierte – als wäre das ein Widerspruch in sich.« Dass ein Zusammenleben von Juden und Muslimen möglich ist, gehört für sie zu den wichtigsten Erfahrungen ihrer Heidelberger Zeit. »Natürlich streiten wir auch mal, wie das überall vorkommt«, sagt sie. »Aber Unterschiede in Glaube und Herkunft waren nie ein Problem.«

Was in den Seminaren an der HfJS geschieht, ist lebendiger interreligiöser Dialog. Hier werden jüdische und christliche Exegese ebenso verhandelt wie das Bild des Juden in den Gemälden Rembrandts oder in den amerikanischen TV-Serien Friends und Seinfeld . Das Seminar, das Temellist in diesem Semester gemeinsam mit dem Dozenten Frederek Musall leitet, handelt von Juden in der arabischen Welt. Musall, 35 Jahre, jüdischen Glaubens, ist hier, um Stereotype aufzubrechen. Darum gehe es an der HfJS, sagt er.

Was ihre Lust am Dialog, die Wissbegierde und Freude an der Sache angeht, ähneln sich die Studenten und ihre Lehrer. Ansonsten sind sie überaus unterschiedlich. Manch junger Mann trägt eine Kippa, hier und da wuselt eine Frau mit Kopftuch durch die Bibliothek. Es gibt Skaterjungs ebenso wie Turnschuhmädchen mit sorgsam zerzausten Frisuren. Die Hochschule ist die einzige eigenständige Einrichtung für Jüdische Studien in Deutschland. Mit acht Professorenstellen gehört sie zu den europaweit größten Lehranstalten für das Fach. Prorektor Johannes Heil will sie gar als »europäisches Kompetenzzentrum« verstanden wissen, eine werbetaugliche Bezeichnung, die aber nicht jeder Fachkollege bestätigt. Bisher habe die HfJS doch eher ein Mauerblümchendasein gefristet, sagt etwa Julius Schoeps vom Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien in Potsdam. Jüdisches Leben und Forschen in Europa sei zu mannigfaltig, als dass sich ein einziger Mittelpunkt ausmachen ließe.

Prorektor Heil setzt auf das neue Zentrum für interkulturelle Kommunikation an der HfJS, das der Entfremdung zwischen religiösen, kulturellen und ethnischen Minderheiten und der Mehrheitsgesellschaft entgegenwirken soll. »Gerade was das Beziehungsgefüge zwischen Minderheiten und Mehrheit angeht, sind Jüdische Studien beispielhaft«, so Heil. Er ist 48, hat in Frankfurt, Tel Aviv und Haifa studiert und nennt die HfJS liebevoll einen »Familienbetrieb«. Vom Fenster der Gründerzeitvilla in der Friedrichstraße, dem derzeitigen Hauptgebäude der HfJS, blickt er über die Heidelberger Altstadt, aus deren Giebeln sich ein Baukran wie eine riesige Giraffe gen Himmel streckt.

Der Kran steht dort, wo am 30. September der Neubau eingeweiht wird, den sich die Hochschule zum Jubiläum spendiert. Ab Oktober wird darin gelehrt und geforscht, gegessen, gesungen und diskutiert: Das Haus vereint die bisher verteilten Räumlichkeiten unter einem Dach. Es soll ein Ort des Lernens mit jüdischem Charakter sein: die Türrahmen im Innern, wie in jüdischen Haushalten üblich, mit Mesusot versehen, kleinen Kapseln aus Holz oder Blech, die ein Pergamentstück mit Zeilen aus der Thora enthalten; die Mensa, die in einen zufällig entdeckten Gewölbekeller aus dem 17. Jahrhundert einzieht, mit koscher zubereitetem Essen.

Studenten wie Professoren legen auf eine jüdische Prägung des Hauses Wert, auch wenn die HfJS konfessionell gesehen keine jüdische, sondern eine pluralistische Universität ist. Aber die nach englischen und amerikanischen Modellen konzipierte Hochschule wurde 1979 mit dem Ziel gegründet, in Deutschland wieder jüdisches Leben zu ermöglichen und Religionslehrer, Sozialarbeiter, Rabbiner und Kantoren auszubilden. Vor dem »Dritten Reich« hatte es eine solche Lehranstalt in Breslau und zwei in Berlin gegeben; als letzte wurde dort 1942 die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums geschlossen. Das Haus in der Tucholskystraße ist heute Sitz des Zentralrats der Juden.

Die »Wissenschaft des Judentums«, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Umkreis von Moses Mendelssohn entwickelte, verdankt ihre Entstehung der Assimilation vieler Juden unter dem Einfluss der Aufklärung. Mendelssohn wollte den Spagat zwischen Offenbarung und neuer »Religion der Vernunft« vollziehen – er ebnete den Weg für die Wiederbelebung jüdischen Geistes und damit für ein modernes Judentum in Deutschland. 1872 nahm die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin ihre Arbeit auf. Sie brachte so herausragende Gelehrte wie Franz Rosenzweig, Martin Buber oder ihren letzten Direktor Leo Baeck hervor.

Johannes Heil träumt von einer Renaissance jener Gelehrtentradition, die vor 70 Jahren vernichtet wurde. »In fernen Tagen gab es einmal den Begriff des ›Doktor Rabbiner‹«, sagt er. Gemeint war der typisch deutsche Rabbiner, der sowohl jüdisch-religiös als auch akademisch ausgebildet war, den Talmud ebenso beherrschte wie den Kant. Jenes duale Ausbildungsmodell hat der noch junge Heidelberger Masterstudiengang Rabbinat von der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums übernommen wie auch das Ideal, den innerjüdischen Pluralismus im Lehrbetrieb widerzuspiegeln: Der Rabbinatsmaster ist nicht an eine Richtung im Judentum gebunden, sondern offen für konservative, orthodoxe und liberale Juden zugleich. Für Johannes Heil ist er das Versprechen auf eine neue Generation jüdischer Gelehrter in Deutschland. »Wenn wir es schaffen, das Konzept wieder mit Leben zu füllen, können wir dort anknüpfen, wo 1938 der Bruch stattgefunden hat.«

Allein: Ist es möglich, gelöschte Tradition mit einem Programm aus einer anderen Zeit wiederaufleben zu lassen, statt sie bloß zu imitieren? Kann man, so fragte die SZ 1981 pessimistisch, »einem versiegten Fluss wieder das Fließen lehren«? Viel ist seither geschehen: 200.000 Juden sind seit dem Ende der Sowjetunion nach Deutschland eingewandert; die hiesige jüdische Gemeinschaft ist die drittgrößte Europas sowie diejenige, die weltweit am schnellsten wächst. 2006 wurden in Deutschland erstmals nach der Schoa wieder drei Rabbiner ordiniert.

Grischa Müller-Eigner hat noch ein paar Jahre vor sich bis zur Ordination. Er ist 33, trägt eine Kippa und zählt zu den ersten Studenten des M.A. Rabbinat. Das duale, nicht an eine innerjüdische Richtung gebundene Modell war für ihn Grund genug, sich für die HfJS zu entscheiden: »Wenn ich sowohl die althergebrachten Weisen des Verstehens beherrsche als auch die kritisch-akademische Analyse, beugt das einem Tunnelblick vor.« Er spricht von Tradition und jüdischer Identität, von Inspiration und vom Hochschulrabbiner Shaul Friberg, der ihm die Angst vor der eigenen Unfähigkeit für einen Beruf nahm, der mehr ein Lebensstil ist. »Ich kann mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen«, so Müller-Eigner. Er weiß, dass es ein langer Weg ist bis zur smicha, der rabbinischen Weihe. Wer ihn an der HfJS einschlägt, muss wesentliche Teile der religionsgesetzlichen Ausbildung an einer traditionellen jeschiwa, einer Talmudhochschule in Berlin oder im Ausland durchlaufen. Ein Umstand, der der HfJS in der Vergangenheit auch Kritik eingebracht hat.

Carsten Wilke vom Duisburger Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte beschäftigt sich seit Langem mit der Rabbinerausbildung in Deutschland. Er hält die Anforderungen der HfJS für wegweisend. »Das Rabbinat muss an bestehende Traditionsketten anknüpfen«, sagt er. Auch wenn der Wunsch des Prorektors, die alte rabbinische Gelehrtentradition wiederzubeleben, sehr anspruchsvoll erscheine, sei es richtig, in Heidelberg nur den akademischen Baustein für eine Ausbildung anzubieten, die jeder angehende Rabbiner individuell zusammensetzen müsse.

Wahr ist, dass in den sechseinhalb Jahrzehnten nach dem Holocaust in Deutschland noch keine neue jüdische Generation, nur vereinzelt jüdische Denker herangewachsen sind, die sich mit griechischer Philosophie ebenso auskennen wie mit dem jüdischen Gelehrten Maimonides. Doch die Keime sind gesät.

Judith Müller aus dem zweiten Semester, die schon mit 17 ein Buch über ein deutsches Mädchen in Israel veröffentlichte, will vielleicht irgendwann für eine Zeitung über das deutsch-jüdische Verhältnis schreiben. Imen Ben Temellist, die muslimische Judaistin, strebt den diplomatischen Dienst oder die Arbeit in einer internationalen Organisation an. Frederek Musall, der Jude, der auch Islamwissenschaft studiert hat, übernimmt im Wintersemester eine Juniorprofessur an der HfJS. Grischa Müller-Eigner, der fünf Sprachen spricht und als sechste gerade Gebärdensprache lernt, wird womöglich einmal als Rabbiner in einer multikulturellen Gemeinde tätig sein. Und so kann man in den Lebenswegen dieser jungen Menschen auch einen späten Sieg über die Nazis sehen.

Gewiss, 30 Jahre sind kein Alter für eine Hochschule, besonders nicht in der Stadt, in der mit der Ruprecht-Karls-Universität aus dem Jahr 1386 die älteste Universität Deutschlands steht. Wenn Professoren und Studenten in der nächsten Woche den Geburtstag der HfJS feiern, werden sie ihre Bücher liegen lassen und auf das Erreichte zurückblicken. Ein Ort des Lernens, der einst mit 16 Studenten seinen Lehrbetrieb aufgenommen hat, ist erwachsen geworden. Zum Ort der Erneuerung wird er, wenn er in wenigen Jahren seinen ersten Doktor Rabbiner hervorbringt.

Erschienen in Die Zeit vom 24. September 2009-09-28

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Einzigartig in ganz Europa

Salomon Korn zur Einweihung der Hochschule für Jüdische Studien

Von Volker Hasenauer (KNA)

30 Jahre nach ihrer Gründung werden die bislang verstreuten Standorte der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien in einem neuen Zentralbau zusammengeführt. Vor der Eröffnung am Mittwoch beschreibt der Vorsitzende des Hochschulkuratoriums und Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Salomon Korn, im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), was die Institution für das jüdische Leben in Deutschland bedeutet. Und was die Hochschule zum Aufblühen einer neuen deutsch-jüdischen Kultur beitragen will.

KNA: Herr Korn, warum wurde die Hochschule vor 30 Jahren gerade in Heidelberg gegründet?

Korn: Einerseits, weil der damalige Zentralratspräsident Werner Nachmann aus Baden-Württemberg stammte. Wichtig war andererseits auch, dass die Universität Heidelberg, mit der wir von Anfang an eng kooperierten, einen exzellenten Ruf besitzt. Sie ist die älteste Universität auf deutschem Boden. Deshalb waren die Gründer der Hochschule froh, ein Umfeld gefunden zu haben, das der Idee einer Hochschule für Jüdische Studien aufgeschlossen gegenüber stand. Es gab zwischenzeitlich die Überlegung, nach Berlin umzuziehen. Aber die Unterstützung, die wir in Heidelberg fanden und finden, hat den Zentralrat als Träger der Hochschule anders entscheiden lassen.

KNA: Hat sich die Hochschule als Zentrum jüdischer Wissenschaft und Ausbildung in Deutschland etabliert?

Korn: Ja, und das obgleich sie bis zur Eröffnung des Neubaus ein Provisorium geblieben ist. Bislang waren unsere Lehrstühle auf vier Standorte verteilt. Jetzt endlich gibt es ein zentrales Gebäude, in dem wir alle Angebote zusammenführen können.

KNA: Wer hat die Kosten des neuen Hochschulbaus in Höhe von rund sieben Millionen Euro getragen? Und ist die Finanzierung des Lehrbetriebs gesichert?

Korn: Die Finanzierung der Neubaukosten ist zum Glück gesichert:

Bund, Länder, Zentralrat sowie private Spender haben jeweils rund ein Viertel der Kosten übernommen. Für diese Unterstützung sind wir sehr dankbar. Anders sieht es bei den laufenden Kosten aus. Hier wünschte ich mir ein solideres Fundament, um den akademischen Auftrag besser erfüllen zu können. Denkbar wäre etwa der Aufbau einer Stiftung, wie sie in großen US-Universitäten üblich sind.

Derzeit müssen wir verstärkt sparen, was auf Dauer nicht befriedigend sein kann.

KNA: Wie steht die Hochschule im internationalen Vergleich da?

Korn: Wir können heute mit gewissem Stolz festhalten, dass es in ganz Europa keine vergleichbare Einrichtung gibt, die einen so breiten und dichten jüdischen Fächerkanon anbietet. Wir haben acht Lehrstühle, die sich etwa mit jüdischer Bibelauslegung, der Geschichte des jüdischen Volkes, mit Rabbinischer Literatur und moderner hebräischer Literatur beschäftigen. Unterrichtet werden jüdische Kunst und Philosophie oder auch Religionspädagogik und -didaktik. Die Bedeutung und der gute Ruf der Hochschule zeigen sich auch darin, dass viele junge Leute, Juden, Christen, Muslime, aus dem Ausland zu uns kommen.

KNA: Was leistet die Hochschule innerjüdisch?

Korn: Erstens bilden wir jüdische Religionslehrer aus, die staatlich anerkannt sind. Das gab es in der Geschichte Deutschlands nie zuvor

- auch nicht vor 1933, das wissen die wenigsten. Zweitens bilden wir Rabbiner mit dem akademisch-wissenschaftlichen Rüstzeug aus, ohne sie religiös zu ordinieren. Und drittens kümmern wir uns um die Ausbildung von Personen, die in der Verwaltung oder Leitung von jüdischen Gemeinden in Deutschland arbeiten wollen.

KNA: Wirkt die Hochschule auch über das Judentum hinaus in die deutsche Gesellschaft hinein, wie es ihre Satzung fordert?

Korn: Ja, denn unser Anspruch und Ziel ist es, das Zentrum einer erneuerten deutsch-jüdischen Kultur zu werden. Auch wenn diese neue Kultur heute noch ein im Wachsen begriffenes sehr zartes Pflänzchen ist. Denn die einstige deutsch-jüdische Kultur und ihre Träger wurden von den Nationalsozialisten vernichtet. Die Hochschule will heute einen Beitrag leisten, um jüdische Kultur und Wissen in Deutschland neu zu festigen. Dies ist nur möglich, wenn es ein solides Fundament gibt, von dem aus eine kulturelle Bereicherung der Mehrheitsgesellschaft möglich wird. Wer nichts eigenes hat, kann auch nichts in einen gemeinsames kulturelles Projekt einbringen.

KNA: Nur 40 Prozent der rund 150 Studierenden sind jüdisch - welche Voraussetzungen sind für ein Studium nötig?

Korn: Die gleichen wie an jeder anderen staatlich anerkannten Universität. Natürlich muss man nicht jüdisch sein, um bei uns zu studieren. Zum Beispiel belegen angehende christliche Geistliche oder Historiker Kurse und Seminare. Oder es können Studiengänge kombiniert werden mit Angeboten der Universität Heidelberg. Es gibt einen wechselseitigen sehr fruchtbaren Austausch, vor allem in Theologie, Geschichte oder Literaturwissenschaften. Weiterhin existieren Kooperationsverträge und Austauschprogramme mit ausländischen Universitäten.

KNA: Die Hochschule ist somit keine religiöse Einrichtung?

Korn: Nein, sie ist eine staatlich anerkannte Hochschule für jüdische Studien. Das ist ein bedeutsamer Unterschied. Wir vermitteln das Judentum auf akademisch säkularer Ebene. Aber selbstverständlich hat jeder das Recht, wissenschaftlich zu studieren und gleichzeitig religiös zu denken und zu fühlen. Im Neubau gibt es eine Betstube. Dorthin könnte man aber auch als Nicht-Religiöser hingehen, etwa um Formen des jüdischen Gebets oder Gottesdienstes kennenzulernen.

KNA: Welche Ziele setzt sich die Hochschule für die kommenden Jahre?

Korn: Wir wollen den Anteil jüdischer Studenten steigern. Diesen Trend gibt es bereits, und wir beabsichtigen, ihn zu verstärken.

Auch die Zahl der Studierenden soll von derzeit 150 auf zunächst 200, später auf 250 bis 300 angehoben werden. Unser Anspruch ist es zudem, das akademische Niveau kontinuierlich weiter zu steigern.

KNA