
Mit der Eröffnung des Neubaus feiert die 1979 gegründete Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg in diesem Jahr ihr 30jähriges Bestehen und kann auf eine erfolgreiche Hochschul-Geschichte zurückblicken. Die Eröffnung des Neubaus und die damit verbundene Zusammenführung der bisherigen vier Standorte der Hochschule ist ein weiterer wegweisender Schritt zur Förderung jüdischen Lebens in Deutschland.
Das nun neu entstandene Gebäudeensemble, das für 250 Studenten ausgelegt ist, verbindet in seiner Architektur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und präsentiert die Hochschule für Jüdische Studien damit als Ort des kulturellen Erbes ebenso wie als weltoffene Institution des 21. Jahrhunderts. Die Erweiterung der Hochschule bedeutet einen weiteren erfolgreichen Schritt auf dem Weg zur Fortentwicklung der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg zum europäischen Kompetenzzentrum mit einem einzigartigen Studienangebot. Durch diesen Ausbau werden die Rahmenbedingungen geschaffen, die es der Hochschule ermöglichen, ihrer Bestimmung, der Entwicklung, Belebung und Festigung einer erneuerten deutsch-jüdischen Kultur, gerecht zu werden.
Vor dreißig Jahren, 1979, wurde die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg gegründet. Mit dem Bezug des stattlichen Neubaus in der Landfriedstraße inmitten der Heidelberger Altstadt im Herbst 2009 und der strukturellen Neuausrichtung der vergangenen Jahre wurden wesentliche Schritte zur Festigung ihres inneren und äußeren Standorts unternommen. Heute werden an der staatlich anerkannten Hochschule in Trägerschaft des Zentralrats der Juden in Deutschland einhundertfünfzig Studierende aus vierzehn Ländern ausgebildet und betreut, sowie eine ebenso große Zahl von Studierenden in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Universität.
Prof. Dr. Nathan Peter Levinson, früherer Landesrabbiner von Baden, erklärte bereits zu Beginn der 1970er Jahre öffentlich die Notwendigkeit, in Deutschland eine jüdisch-theologische Ausbildungsstätte für Religionslehrer, Kantoren und Rabbiner ins Leben zu rufen. Im Herbst 1979 wurde diese Idee in veränderter Form zur Realität: nachdem die Kultusministerkonferenz ein Jahr zuvor die Gründung einer solchen Institution befürwortet und deren Finanzierung durch Bund und Länder zugesichert hatte, wurde auf Beschluss des Direktoriums des Zentralrates der Juden in Deutschland die Hochschule für Jüdische Studien gegründet. Zwei Jahre später – 1981 – erfolgte die staatliche Anerkennung durch die Landesregierung Baden-Württemberg. Damit war die Grundlage für die Eigenständigkeit des damals in Deutschland einzigartigen Studienganges der Jüdischen Studien gelegt. Mit Erlangung des Promotionsrechts im Jahr 1995 hat sich die HfJS endgültig in der akademischen Landschaft der Bundesrepublik etabliert.
Die Hochschule verfügt gegenwärtig über acht Lehrstühle in verschiedenen Teilfächern der Jüdischen Studien. Die Teilfächer sind Geschichte des jüdischen Volkes, Bibel und jüdische Bibelauslegung, Talmud, Codices und rabbinische Literatur, jüdische Kunst, hebräische und jüdische Literatur, jüdische Philosophie und Geistesgeschichte, Religionspädagogik sowie der Ignatz Bubis-Lehrstuhl für Geschichte, Religion und Kultur des europäischen Judentums. Sie decken, ergänzt um Dozenturen im Bereich der Sprachwissenschaften, das gesamte Spektrum der Jüdischen Studien ab.
Durch die Zuwanderung von Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion wuchs der Bedarf der Jüdischen Gemeinden an ausgebildeten Religionslehrkräften. Seit 2001 besitzt die HfJS als erste und einzige Institution in der Geschichte Deutschlands das Recht zur Ausbildung jüdischer Religionslehrer und -lehrerinnen mit dem Abschluss Staatsexamen.
Die bestehenden Lehrstühle und Dozenturen bieten zahlreiche Schnittstellen mit der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Auch nach der Umstellung der Studiengänge auf B.A. und M.A.-Programme ist die Mehrzahl der Studierenden mit Haupt- und Beifächern an Universität und Hochschule eingeschrieben. Die jüngste Reform der Studiengänge („Bologna") hat die Hochschule in die Lage versetzt, mit differenzierten Angeboten ihre pluralen Aufgabenstellungen zu konturieren. Neben den gemeindebezogenen Studiengängen, dem B.A. Gemeindearbeit mit Binnendifferenzierung für Gemeindeverwaltung, Kantorat und Jugendarbeit und dem Masterprogramm Rabbinat sowie den Staatsexamensstudiengängen Jüdische Religionslehre für Grundschule und weiterführende Schulen stehen die wissenschaftsorientierten Studiengänge B.A. Jüdische Studien und M.A. Jüdische Studien. Hinzu kommen das nicht-konsekutive M.A. Joint Degree-Programm Geschichte Jüdischer Kulturen, das gegenwärtig mit der Karl-Franzens- Universität Graz durchgeführt und in Kürze um weitere europäische und außereuropäische Partner erweitert wird, und der Heidelberger Mittelalter Master im Verbund mit den Philosophischen und Philologischen Fakultäten der Universität Heidelberg.
Bei ihrer Gründung im Jahr 1979 war die Hochschule als Gegenentwurf zur spezifisch deutschen, streng philologisch ausgerichteten akademischen Judaistik gedacht, die sich in der Bundesrepublik Deutschland als Folge der Zerstörung des deutschen Judentums in den Jahren 1933 - 1945 seit Anfang der sechziger Jahre quasi als Wissenschaft vom Judentum ohne ausdrücklichen Religions- und Gemeindebezug etablierte. Die Heidelberger Hochschule sollte im Unterschied dazu vornehmlich breit geschultes Gemeindepersonal hervorbringen. In vielen Gemeinden arbeiten heute jüdische Absolventen der Hochschule, als Lehrer, Rabbiner und als sonstige Gemeindebedienstete. Die Hochschule hat in den dreißig Jahren ihrer Existenz ihre eigene Anziehung und Dynamik entwickelt. Geholfen hat ihr dabei auch die Neuausrichtung des Fachfeldes, mit der Entstehung der breiter angelegten Jewish Studies, die in den siebziger Jahren von den USA ihren Ausgang nahmen. Während sich andere schwer taten, konnte die HfJS diesen Impuls leicht aufnehmen: sie passte fachlich in das (gar nicht so) neue, international approbierte Konzept. Sie zog in großer Zahl auch nichtjüdische Studierende an, die eigene Umsetzung und Anwendungen der Jüdischen Studien vornahmen. Sie haben die Wissenschaft des Judentums in die Gesellschaft getragen, wenn sie heute in Museen, Archiven, im Kulturbereich von Kommunen oder Stiftungen arbeiten.
Die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg ist auch ein Abbild der deutschen Geschichte und Gegenwart nach 1945. Als offenes Forum des Gedankenaustauschs der Religionen und Kulturen sieht die Hochschule ihre Aufgabe darin, die Annäherung zwischen Minoritäten und der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland zu fördern. Mittlerweile strahlt die Hochschule von der Mitte Deutschlands bis weit über die Landesgrenzen aus. Sie hat Studierende unterschiedlicher Bekenntnisse – Juden, Christen, Muslime – aber auch solche ohne Bekenntnis, angezogen. Sie hat jungen Juden, die mit ihren Eltern seit 1990 als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kamen, Orientierung und Ausbildung geboten. Sie bildet denominationsneutral für das Rabbinat aus, aber sie ist kein Rabbinerseminar. Sie zieht Studierende aus anderen europäischen Ländern, aus Israel, Fernost und Nordamerika an. Die Hochschule für Jüdische Studien ist auf dem Weg, das europäische Kompetenzzentrum für Jüdische Studien zu werden.
Zeittafel
Studiengänge
Professorinnen und Professoren 2009/10:
Studierendenzahlen:
Absolventen der Hochschule: 201 Absolventinnen und Absolventen
Promotionen : 13
Rektoren der HfJS:
Wissenschaftliche Kooperationen
Hochschule im Dialog
Die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg gestaltet durch Forschung und Wissensvermittlung die jüdische Gemeinschaft in Deutschland als drittgrößte Europas mit. Sie ist zugleich Teil eines dynamischen Gemeinwesens und versteht sich als Katalysator der interkulturellen Verständigung.
Mit dem preisgekrönten Jugend-Dialogprojekt Likrat (hebr. für „in Begegnung") leistet sie einen Beitrag zur Verständigung zwischen den Religionen und wirkt antisemitischem Ressentiments entgegen.
In der Vortragsreihe Heidelberger Hochschulreden kommen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu Wort. Seit 2005 sind der Einladung zur Hochschulrede u.a. gefolgt:
Bundeskanzlerin Angela Merkel, Marcel Reich-Ranicki, Alice Schwarzer, Joschka Fischer, Harald Schmidt, Josef Ackermann und Wolfgang Schäuble.
Mit ihrer wissenschaftlichen Zeitschrift Trumah, der Buchreihe Schriften der Hochschule für Jüdische Studien sowie dem Hochschulmagazin Mussaf sprecht die HfJS einen großen Kreis von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Studierenden und Interessenten im In- und Ausland an.
1989 wurde der Freundeskreis der HfJS gegründet, der die Arbeit der Hochschule ideell und finanziell unterstützt.
Weitere Informationen über die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg finden Sie im Internet:
http://www.hfjs.eu/profil/index.html
http://www.hfjs.eu/studium/index.html
http://www.wissenschaftsrat.de/texte/8912-09.pdf
www.zentralratdjuden.de/Institutionen/Hochschule für Jüdische Studien
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