Reden und Texte

  • 03.07.2017

    "Mit Filmen erreichen wir die Herzen der Menschen"

    Grußwort des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, bei der Eröffnung des Jüdischen Filmfestivals Berlin-Brandenburg, 2.7.2017, Potsdam

    Anrede,

    in den vergangenen Wochen stand eine Frage im öffentlichen Raum, die jüdische Organisationen wie den Zentralrat der Juden schon seit langem begleitet: Ist Israel-Kritik automatisch antisemitisch?

    Mal abgesehen von diesem seltsamen feststehenden Ausdruck „Israel-Kritik“, über den ich immer stolpere, denn es gibt ja keine Frankreich-Kritik oder Italien-Kritik – also mal abgesehen von diesem Begriff, sind wir beim Zentralrat natürlich in der Lage, ausführlich darzulegen, wo der Unterschied liegt zwischen einer legitimen Kritik an der israelischen Politik und Antisemitismus.

  • 29.06.2017

    "Wir verstehen uns als selbstbewusste Bürger dieses Landes"

    Grußwort des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, beim Festakt anlässlich 100 Jahre Synagoge Augsburg, 28.6.2017, Augsburg

    Anrede,

    die Augsburger Synagoge zählt zu den schönsten in Deutschland, ja in Europa. Sie ist, wie es die Süddeutsche Zeitung anlässlich des Jubiläums schrieb, ein „Juwel jüdischer Kultur“.

    Und in der Tat, wenn wir uns hier umschauen, stockt uns fast der Atem angesichts dieser Pracht. In Deutschland ist man Vergleichbares wohl nur von Kathedralen gewöhnt. Eine so reich ausgestattete Synagoge, die zudem noch auf 100 Jahre zurückblicken kann, fände sich selbst ohne die Zerstörung durch die Nazis selten, aber aufgrund unserer Geschichte ist sie nicht nur ein Juwel, sondern ein Solitär.

  • 19.06.2017

    "Ordination ist Ausdruck der wachsenden Vitalität unserer jüdischen Gemeinschaft"

    Grußwort von Zentralrats-Geschäftsführer Daniel Botmann bei der ersten Rabbinerordination des Zacharias Frankel College, 18.6.2017, Berlin

    Anrede,

    junge jüdische Menschen fassen den Entschluss Rabbinerinnen und Rabbiner zu werden. Sie lernen täglich die Tora, die Halachot, die Kommentare unserer Weisen und die vielen religiösen Werke. Nach Jahren folgt die Ordination. Eine Ordination von Rabbinerinnen und Rabbinern, meine Damen und Herren, ist eine riesige Freude für uns, für die jüdische Gemeinschaft. Besonders bedeutend ist aber zweifellos die erste Ordination, die an einer Rabbinerausbildungsstätte stattfindet.

  • 15.06.2017

    "Wir brauchen 100-prozentigen Einsatz gegen Antisemiten"

    Grußwort von Dr. Josef Schuster bei der Tagung „Antisemitismus in Deutschland – aktuelle Entwicklungen“ des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, 14.6.2017, Berlin

    Meine sehr geehrten Damen und Herren!

    Wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft spielt, dann sitzen knapp 80 Millionen Bundestrainer vor dem Fernseher. Wenn der israelische Ministerpräsident ein Treffen mit dem deutschen Außenminister absagt, sind es knapp 80 Millionen Nahost-Experten.

    Von diesen Nahost-Experten wird man als Jude in Deutschland gerne gefragt: Was ist denn da bei euch bloß los? Warum hat denn Netanjahu Gabriel nicht treffen wollen? Vertragt ihr keine Kritik?

    Und damit, werte Zuhörerschaft, sind wir mitten im Thema. Ist das Antisemitismus? Wer kann diese Frage noch mit Sicherheit beantworten?

  • 07.06.2017

    "Wir brauchen einen neue Begeisterung für die Demokratie"

    Rede des Zentralrats-Geschäftsführers Daniel Botmann bei der Tagung der Deutschen Richterakademie zu "Das Rosenburg-Projekt aus externer Sicht“, 6.6.2017, Trier

    Anrede,

    zunächst möchte ich mich herzlich für die Einladung zur Tagung zum „Rosenburg-Projekt“ bedanken. Ich hatte bereits Mitte vergangenen Jahres im Rahmen einer In-House-Veranstaltung des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz die Ehre, an der Präsentation des wahrlich umfangreichen Werkes „Die Akte Rosenburg“ teilzunehmen und einige Worte an die Teilnehmenden richten zu können.

    Damals wie heute gilt: Man kann nicht anders als von der geleisteten Arbeit enorm beeindruckt zu sein. Die beiden wissenschaftlichen Leiter des Rosenburg-Projektes, Herr Prof. Dr. Görtemaker und Herr Prof. Dr. Safferling, haben hier gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Ministeriums Enormes geleistet. Und Sie können sich vorstellen, dass die präsentierten Ergebnisse mich als Juristen noch einmal in ganz besonderer Weise berühren und in ihren Bann ziehen – so bedrückend diese auch sind.

  • 18.05.2017

    "Wir wollen mitarbeiten an einem toleranten und friedlichen Miteinander"

    Vortrag des Zentralratspräsidenten Dr. Josef Schuster auf Einladung der CDU-Fraktion, Hessischer Landtag, 17.5.2017

    Anrede,

    in Ihrer Veranstaltungsreihe erinnern Sie an Themen, die große Debatten ausgelöst haben oder die Entwicklung Deutschlands entscheidend geprägt haben. Themen wie das Wirtschaftswunder oder die Grenzen des Wachstums, Europa oder Terrorismus – um nur ein paar Veranstaltungen zu nennen.

    Nun wird sich vor dem heutigen Abend vielleicht der ein oder andere unter Ihnen bemüht haben, sich an eine große Antisemitismusdebatte zu erinnern. Was kommt einem in den Sinn?

    Der Streit über Martin Walsers Paulskirchen-Rede mit „Auschwitz als Moralkeule“ vielleicht. Oder der Anschlag auf die Synagoge in Düsseldorf, dem der „Aufstand der Anständigen“ folgte. Vielleicht denkt manch einer sogar an den Historikerstreit um Ernst Nolte zurück. Aber, ganz ehrlich, Antisemitismus-Debatten waren das alles ja eigentlich nicht. Insofern kann ich sie beruhigen, falls ihnen gar nichts einfiel.

  • 11.05.2017

    Jüdisches politisches Denken heute

    Vortrag von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster bei der Tagung „Jüdisches Leben in Deutschland", 10. Mai 2017, Berlin

    Anrede,

    nachdem ich Sie bereits zu Beginn begrüßen durfte, freue ich mich nach diesem interessanten und aufschlussreichen Gespräch zwischen den verschiedenen Generationen, mich erneut an Sie richten zu dürfen.

    Wie Sie bereits anhand der munteren Diskussion eben selbst miterleben konnten, ist jüdisches Leben zum Glück wieder von einer lebendigen Vielfalt geprägt. Eine Vielfalt der religiösen Strömungen, eine Vielfalt der politischen Einstellungen, eine Vielfalt der Lebensweisen und nicht zuletzt eine Vielfalt der ursprünglichen Herkunftsländer jüdischer Menschen in Deutschland, die eine bunte Mischung von unterschiedlichen Mentalitäten zusammenführt und unser jüdisches Leben auf ganz wunderbare Weise bereichert. Auch gibt es eine Vielfalt von Meinungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft.

  • 30.04.2017

    "Wer die Erinnerung auslöscht, macht sich zum Komplizen"

    Rede von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster bei der Gedenkfeier des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern anlässlich des Jahrestags der Befreiung des KZ Dachau, Dachau, 30.4.2016

    Anrede,

    „Ich habe versucht, jene zu bekämpfen, die vergessen wollen. Denn wenn wir vergessen, sind wir schuldig, sind wir Komplizen.“

    Dies sagte der Auschwitz-Überlebende Elie Wiesel sel. A. in seiner Rede bei der Verleihung des Friedensnobelpreises 1986.

    Im vergangenen Jahr ist Elie Wiesel ebenso von uns gegangen wie Max Mannheimer sel. A. Der Satz hätte auch von ihm stammen können. Beide haben sich unermessliche Verdienste erworben mit ihrem Einsatz für die Erinnerung. Wenn heutzutage auch nachfolgende Generationen Wissen über die Schoah haben und die Erinnerung an die Opfer in ihren Herzen tragen, dann hat dies auch mit Elie Wiesel und Max Mannheimer zu tun.

    Und es hat sehr viel mit Ihnen zu tun, meine verehrten Überlebenden. Ich freue mich sehr, dass Sie sich auch in diesem Jahr wieder der Strapaze unterzogen haben, nach Dachau zu reisen, um an unserer Gedenkfeier teilzunehmen. Ich bin über jeden einzelnen von Ihnen glücklich, dass er unter uns ist.

  • 25.04.2017

    Antisemitismus gezielter bekämpfen

    Fremde Federn: Josef Schuster/ Gastbeitrag des Zentralratspräsidenten in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 25.4.2017

    Es ist erst ein paar Wochen her, da hat ein Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf noch einmal einen Fall in Erinnerung gerufen, der in jüdischen Kreisen für viel Aufregung gesorgt hatte. Es ging um drei junge Erwachsene palästinensischer Herkunft, die 2014 einen Brandsatz auf die Bergische Synagoge in Wuppertal geworfen hatten. Das Amtsgericht Wuppertal verurteilte die Täter 2015 wegen schwerer Brandstiftung zu Bewährungsstrafen - konnte aber keine antisemitischen Motive in der Tat erkennen. Diese Bewertung wurde im Januar dieses Jahres in einem Revisionsverfahren vom Oberlandesgericht Düsseldorf bestätigt.

  • 25.04.2017

    "Wir müssen für die ethischen Standards kämpfen"

    Rede von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster bei der 83. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie: Geschichte der deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung im Nationalsozialismus, 20.4.2017, Mannheim

    Anrede,

    die Geschichte der Medizin ist auch eine Geschichte der Menschenversuche. Ethisch vertretbarer Menschenversuche und ethisch zu verurteilender Menschenversuche. Schon vor der Zeit des Nationalsozialismus, zum Beispiel in den Kolonien in Afrika, wie auch noch nach der NS-Zeit gab es medizinische Experimente an Menschen, die ohne deren Einwilligung und Aufklärung stattfanden. Fast immer waren wehrlose Menschen die Opfer: Gefängnisinsassen, schwarze Menschen, Analphabeten, Prostituierte oder Menschen mit Behinderung.

    So verwerflich dies war – und darüber brauchen wir gar nicht zu diskutieren – so bleibt es eine historische Tatsache, dass es nie zuvor so grausame medizinische Versuche in einer solchen Dimension gegeben hatte wie im Nationalsozialismus.

    Niemals zuvor war eine so große Gruppe an Menschen als minderwertig und lebensunwert abgestempelt worden, so dass bei vielen damaligen Wissenschaftlern und Medizinern alle Hemmungen fielen und tausende Opfer zu medizinischen Experimenten gezwungen wurden. Deutsche Mediziner haben in einem Ausmaß den Eid des Hippokrates und alle auch schon damals vorhandenen ethischen Standards gebrochen und sind schuldig geworden, dass es bis heute für die medizinische Zunft in Deutschland zutiefst beschämend ist.

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