Reden und Texte

  • 02.11.2017

    "Gedenktage veranlassen uns innezuhalten"

    Grußwort von Dr. Josef Schuster zur Eröffnung der Zentralrats-Konferenz „Geteilte Erinnerung. Gedenken in der deutschen Gesellschaft – Erinnern in der jüdischen Gemeinschaft“, 1.11.2017, Frankfurt

    Anrede,

    In wenigen Tagen, genauer gesagt am 9. November, werde ich gegen Abend in meiner Heimatstadt Würzburg am Platz der ehemaligen Hauptsynagoge stehen. Nicht nur ich werde dort stehen. Der Würzburger Oberbürgermeister und viele Würzburger Bürger - Alte und Junge – werden sich dort versammeln, um der Opfer der Pogromnacht von 1938 zu gedenken. Und um diese Erinnerung als Mahnung für heute zu wahren.

  • 26.10.2017

    Reifeprüfung für Deutschland – Plädoyer für eine Demokratie-Debatte

    Heidelberger Hochschulrede des Zentralratspräsidenten Dr. Josef Schuster, 25.10.2017, Alte Universität Heidelberg

    Anrede,

    in dieser prächtigen und geradezu Respekt einflößenden Aula möchte ich mich zuerst an jene unter uns wenden, die vermutlich mit den größten Erwartungen heute Abend hier sitzen: an die jungen Menschen, die gerade ihr Studium abgeschlossen haben.

    Sie alle, liebe Absolventen, sitzen hier mit Spannung. Ich bin weder so naiv noch so eingebildet zu glauben, dass es meine Rede ist, die Sie mit Spannung erfüllt. Nein, Sie freuen sich natürlich, schon bald die Urkunde in Händen zu halten, die Ihnen schwarz auf weiß bestätigt, mit welchem akademischen Grad Sie sich schmücken dürfen.

    Und ich nehme es mir heraus, Ihnen schon vor der Übergabe der Urkunden ganz herzlich zu gratulieren!

  • 09.10.2017

    Keine Zusammenarbeit mit Rechtspopulisten

    Gastkommentar von Zentralratspräsident Dr. Schuster und CRIF-Präsident Francis Kalifat, Die Welt, 7.10.2017

    Bei den politischen Dachverbänden der jüdischen Gemeinden und Institutionen in Deutschland und Frankreich - dem Zentralrat der Juden in Deutschland und dem Repräsentativen Rat der jüdischen Institutionen von Frankreich (CRIF) - ist es seit Jahrzehnten gute Tradition, überparteilich zu arbeiten. Wir haben stets Kontakt zu allen in den jeweiligen Parlamenten vertretenen Parteien gehalten.

    Das hat sich in Frankreich mit dem wachsenden Erfolg des Front National geändert. In Deutschland stehen wir mit dem Einzug der rechtspopulistischen AfD in den Bundestag ebenfalls vor einer neuen Situation, die ein Umdenken erfordert und uns veranlasst, von alten Gepflogenheiten Abstand zu nehmen.

    Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland und in Frankreich schätzt politischen Pluralismus in der Demokratie. Gerade deshalb sehen wir keine Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit der AfD oder dem Front National. Juden haben aufgrund ihrer leidvollen Geschichte feine Sensoren, wenn Populisten anfangen, demokratische Werte im Misskredit zu bringen, die Gesellschaft zu spalten und Minderheiten anzugreifen. Die Geschichte hat uns bitter gelehrt, wohin es führen kann, wenn über Jahre der Bevölkerung weisgemacht wird, eine bestimmte Minderheit schade dem Land.

  • 20.09.2017

    Bei Antisemitismus werden wir nie schweigen

    Gedanken zu Rosch Haschana von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster

    Im Juni hat der bekannte Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Patrick Bahners, einen Text veröffentlicht, den er mit „Die Angst vor dem A-Wort“ überschrieben hat. Darin behauptet er, dass es in Deutschland so etwas wie ein Meinungskartell gebe, dass jeden Israel-Kritiker als Antisemiten abstempele. Die Furcht vor dem „A-Wort“ schade unserer Meinungsfreiheit.

    Das „A-Wort“ hat auch für den Zentralrat der Juden in Deutschland die politische Arbeit im zurückliegenden Jahr bestimmt. Allerdings mitnichten, weil wir uns vor dem Begriff Antisemitismus fürchten. Und auch nicht, weil wir den Begriff erfolgreich einsetzten, um unsere Kritiker und Gegner mundtot zu machen.

  • 11.09.2017

    "Anwälte der Schwachen und Bedürftigen"

    Grußwort von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster beim Festakt zum 100-jährigen Bestehen der ZWST, 10.9.2017, Frankfurt

    Anrede,

    um 100 Jahre ZWST zu würdigen, möchte ich Ihnen gerne von Paul Bertold erzählen. Sie kennen Paul Bertold nicht? Paul Bertold veröffentlichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts Erzählungen und ein Theaterstück sowie eine Schrift über Juden in Galizien.

    Paul Bertold ist für die Zentralwohlfahrtsstelle eine entscheidende Figur. Denn eigentlich verbarg sich dahinter eine Frau, der es zu wenig war, als höhere Tochter ihr Leben zu verbringen. Berufstätigkeit, geschweige denn die Veröffentlichung eigener Werke - das war damals bei Frauen nicht gern gesehen. Deshalb wählte Bertha Pappenheim ein männliches Pseudonym: Paul Bertold.

  • 07.09.2017

    "Der Schmerz ist nicht in Worte zu fassen"

    Grußwort von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster anlässlich des Besuchs des israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin in der KZ-Gedenkstätte Dachau, 6. 9. 2017

    Anrede,

    „Ich erzähle von Auschwitz, Warschau, Dachau ohne mich von dem Ungeist von Auschwitz beherrschen zu lassen, indem ich versuche Brücken zu bauen zwischen Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern, mit je unterschiedlichem Hintergrund, über alle politischen und religiösen Hindernisse hinweg.“

    Diese Worte stammen von Max Mannheimer sel. A. Er sprach sie am Holocaust-Gedenktag 2015, vor dem Bayerischen Landtag. Max Mannheimer überlebte die Konzentrationslager Dachau und Auschwitz. Er setzte sich Zeit seines Lebens dafür ein, die Erinnerung wachzuhalten und Brücken zu bauen. Im vergangenen Jahr ist er für immer von uns gegangen.

  • 11.07.2017

    "Kein Regierungsjubelfest, aber eine gute Zeit"

    Grußwort des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, beim Festakt zu „300 Jahre Jüdisches Leben in Karlsruhe“, 9.7. 2017, Karlsruhe

    Anrede,

    300 Jahre in die deutsche, zumal die jüdische Geschichte zurückzublicken, das bedeutet stets, Licht- und Schattenseiten zu betrachten. Ich möchte Ihnen zu Beginn Einblick in drei historische Dokumente geben, die diese wechselvolle Geschichte sehr gut widerspiegeln. Und keine Sorge, ich werde es kurz machen.

    „Wir Carl Friedrich von Gottes Gnaden Grosherzog zu Baden Herzog zu Zähringen haben durch Unser sechstes Konstitutionsedikt die Juden Unseres Staats den Christen in den Staatsbürgerlichen Verhältnissen gleich gesetzt. Diese Rechtsgleichheit kann jedoch nur alsdann in ihre volle Würkung treten, wenn sie, in politischer und sittlicher Bildung ihnen gleichzukommen allgemein bemüht sind (…)“.

    So lautet die wesentliche Passage des berühmten badischen Juden-Edikts von 1809. Es legte die Grundlage für die Emanzipation der Juden in dieser Region.

  • 06.07.2017

    Das Judentum in seiner ganzen Breite wahrnehmen

    Grußwort von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster, beim Festakt anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Lehrstuhls für jüdische Geschichte und Kultur, München, 6.7.2017

    Anrede,
    gut 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Schoah lässt sich ein Phänomen beobachten, das auf den ersten Blick erstaunlich ist, auf den zweiten völlig einleuchtend:

    Ministerien, medizinische Fachgesellschaften, die Kirchen und andere Institutionen lassen ihre nationalsozialistische Vergangenheit wissenschaftlich aufarbeiten. Erstaunlich auf den ersten Blick ist dies, weil erst jetzt, mit dem großen Abstand von 70 Jahren, das Thema angegangen wird. Jetzt, wo allgemein im Land das Interesse an diesem Kapitel der deutschen Geschichte eher rückläufig ist.

  • 03.07.2017

    "Kirchliche Erklärungen gegen Antisemitismus müssen mit Leben erfüllt werden"

    Grußwort des Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, bei der Eröffnungsfeier der Jahrestagung 2017 des Internationalen Rates der Christen und Juden, Bad Godesberg, 2.7.2017

    Anrede,

    vor ziemlich genau zwei Wochen hat die bekannte muslimische Rechtsanwältin Seyran Ates in Berlin eine liberale Moschee eröffnet. In dieser Moschee sitzen Männer und Frauen zusammen, und es gibt weibliche Imame, die dort predigen. Dieses religiöse Reform­projekt sorgt in der muslimischen Community für große Aufregung. Einige sagen, Frau Ates lasse eine alte Tradition wiederaufleben. Von anderen erhält sie Hass-Mails und schlimmste Drohungen. Mittlerweile hat Frau Ates Personenschutz.

    Veränderungen innerhalb einer Religionsgemeinschaft, die meistens zunächst nur von Einzelpersonen angestoßen werden, lösen in der Regel große Aufregung aus.

  • 03.07.2017

    "Mit Filmen erreichen wir die Herzen der Menschen"

    Grußwort des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, bei der Eröffnung des Jüdischen Filmfestivals Berlin-Brandenburg, 2.7.2017, Potsdam

    Anrede,

    in den vergangenen Wochen stand eine Frage im öffentlichen Raum, die jüdische Organisationen wie den Zentralrat der Juden schon seit langem begleitet: Ist Israel-Kritik automatisch antisemitisch?

    Mal abgesehen von diesem seltsamen feststehenden Ausdruck „Israel-Kritik“, über den ich immer stolpere, denn es gibt ja keine Frankreich-Kritik oder Italien-Kritik – also mal abgesehen von diesem Begriff, sind wir beim Zentralrat natürlich in der Lage, ausführlich darzulegen, wo der Unterschied liegt zwischen einer legitimen Kritik an der israelischen Politik und Antisemitismus.

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