Reden und Texte

  • 11.09.2017

    "Anwälte der Schwachen und Bedürftigen"

    Grußwort von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster beim Festakt zum 100-jährigen Bestehen der ZWST, 10.9.2017, Frankfurt

    Anrede,

    um 100 Jahre ZWST zu würdigen, möchte ich Ihnen gerne von Paul Bertold erzählen. Sie kennen Paul Bertold nicht? Paul Bertold veröffentlichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts Erzählungen und ein Theaterstück sowie eine Schrift über Juden in Galizien.

    Paul Bertold ist für die Zentralwohlfahrtsstelle eine entscheidende Figur. Denn eigentlich verbarg sich dahinter eine Frau, der es zu wenig war, als höhere Tochter ihr Leben zu verbringen. Berufstätigkeit, geschweige denn die Veröffentlichung eigener Werke - das war damals bei Frauen nicht gern gesehen. Deshalb wählte Bertha Pappenheim ein männliches Pseudonym: Paul Bertold.

  • 07.09.2017

    "Der Schmerz ist nicht in Worte zu fassen"

    Grußwort von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster anlässlich des Besuchs des israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin in der KZ-Gedenkstätte Dachau, 6. 9. 2017

    Anrede,

    „Ich erzähle von Auschwitz, Warschau, Dachau ohne mich von dem Ungeist von Auschwitz beherrschen zu lassen, indem ich versuche Brücken zu bauen zwischen Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern, mit je unterschiedlichem Hintergrund, über alle politischen und religiösen Hindernisse hinweg.“

    Diese Worte stammen von Max Mannheimer sel. A. Er sprach sie am Holocaust-Gedenktag 2015, vor dem Bayerischen Landtag. Max Mannheimer überlebte die Konzentrationslager Dachau und Auschwitz. Er setzte sich Zeit seines Lebens dafür ein, die Erinnerung wachzuhalten und Brücken zu bauen. Im vergangenen Jahr ist er für immer von uns gegangen.

  • 11.07.2017

    "Kein Regierungsjubelfest, aber eine gute Zeit"

    Grußwort des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, beim Festakt zu „300 Jahre Jüdisches Leben in Karlsruhe“, 9.7. 2017, Karlsruhe

    Anrede,

    300 Jahre in die deutsche, zumal die jüdische Geschichte zurückzublicken, das bedeutet stets, Licht- und Schattenseiten zu betrachten. Ich möchte Ihnen zu Beginn Einblick in drei historische Dokumente geben, die diese wechselvolle Geschichte sehr gut widerspiegeln. Und keine Sorge, ich werde es kurz machen.

    „Wir Carl Friedrich von Gottes Gnaden Grosherzog zu Baden Herzog zu Zähringen haben durch Unser sechstes Konstitutionsedikt die Juden Unseres Staats den Christen in den Staatsbürgerlichen Verhältnissen gleich gesetzt. Diese Rechtsgleichheit kann jedoch nur alsdann in ihre volle Würkung treten, wenn sie, in politischer und sittlicher Bildung ihnen gleichzukommen allgemein bemüht sind (…)“.

    So lautet die wesentliche Passage des berühmten badischen Juden-Edikts von 1809. Es legte die Grundlage für die Emanzipation der Juden in dieser Region.

  • 06.07.2017

    Das Judentum in seiner ganzen Breite wahrnehmen

    Grußwort von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster, beim Festakt anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Lehrstuhls für jüdische Geschichte und Kultur, München, 6.7.2017

    Anrede,
    gut 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Schoah lässt sich ein Phänomen beobachten, das auf den ersten Blick erstaunlich ist, auf den zweiten völlig einleuchtend:

    Ministerien, medizinische Fachgesellschaften, die Kirchen und andere Institutionen lassen ihre nationalsozialistische Vergangenheit wissenschaftlich aufarbeiten. Erstaunlich auf den ersten Blick ist dies, weil erst jetzt, mit dem großen Abstand von 70 Jahren, das Thema angegangen wird. Jetzt, wo allgemein im Land das Interesse an diesem Kapitel der deutschen Geschichte eher rückläufig ist.

  • 03.07.2017

    "Kirchliche Erklärungen gegen Antisemitismus müssen mit Leben erfüllt werden"

    Grußwort des Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, bei der Eröffnungsfeier der Jahrestagung 2017 des Internationalen Rates der Christen und Juden, Bad Godesberg, 2.7.2017

    Anrede,

    vor ziemlich genau zwei Wochen hat die bekannte muslimische Rechtsanwältin Seyran Ates in Berlin eine liberale Moschee eröffnet. In dieser Moschee sitzen Männer und Frauen zusammen, und es gibt weibliche Imame, die dort predigen. Dieses religiöse Reform­projekt sorgt in der muslimischen Community für große Aufregung. Einige sagen, Frau Ates lasse eine alte Tradition wiederaufleben. Von anderen erhält sie Hass-Mails und schlimmste Drohungen. Mittlerweile hat Frau Ates Personenschutz.

    Veränderungen innerhalb einer Religionsgemeinschaft, die meistens zunächst nur von Einzelpersonen angestoßen werden, lösen in der Regel große Aufregung aus.

  • 03.07.2017

    "Mit Filmen erreichen wir die Herzen der Menschen"

    Grußwort des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, bei der Eröffnung des Jüdischen Filmfestivals Berlin-Brandenburg, 2.7.2017, Potsdam

    Anrede,

    in den vergangenen Wochen stand eine Frage im öffentlichen Raum, die jüdische Organisationen wie den Zentralrat der Juden schon seit langem begleitet: Ist Israel-Kritik automatisch antisemitisch?

    Mal abgesehen von diesem seltsamen feststehenden Ausdruck „Israel-Kritik“, über den ich immer stolpere, denn es gibt ja keine Frankreich-Kritik oder Italien-Kritik – also mal abgesehen von diesem Begriff, sind wir beim Zentralrat natürlich in der Lage, ausführlich darzulegen, wo der Unterschied liegt zwischen einer legitimen Kritik an der israelischen Politik und Antisemitismus.

  • 29.06.2017

    "Wir verstehen uns als selbstbewusste Bürger dieses Landes"

    Grußwort des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, beim Festakt anlässlich 100 Jahre Synagoge Augsburg, 28.6.2017, Augsburg

    Anrede,

    die Augsburger Synagoge zählt zu den schönsten in Deutschland, ja in Europa. Sie ist, wie es die Süddeutsche Zeitung anlässlich des Jubiläums schrieb, ein „Juwel jüdischer Kultur“.

    Und in der Tat, wenn wir uns hier umschauen, stockt uns fast der Atem angesichts dieser Pracht. In Deutschland ist man Vergleichbares wohl nur von Kathedralen gewöhnt. Eine so reich ausgestattete Synagoge, die zudem noch auf 100 Jahre zurückblicken kann, fände sich selbst ohne die Zerstörung durch die Nazis selten, aber aufgrund unserer Geschichte ist sie nicht nur ein Juwel, sondern ein Solitär.

  • 19.06.2017

    "Ordination ist Ausdruck der wachsenden Vitalität unserer jüdischen Gemeinschaft"

    Grußwort von Zentralrats-Geschäftsführer Daniel Botmann bei der ersten Rabbinerordination des Zacharias Frankel College, 18.6.2017, Berlin

    Anrede,

    junge jüdische Menschen fassen den Entschluss Rabbinerinnen und Rabbiner zu werden. Sie lernen täglich die Tora, die Halachot, die Kommentare unserer Weisen und die vielen religiösen Werke. Nach Jahren folgt die Ordination. Eine Ordination von Rabbinerinnen und Rabbinern, meine Damen und Herren, ist eine riesige Freude für uns, für die jüdische Gemeinschaft. Besonders bedeutend ist aber zweifellos die erste Ordination, die an einer Rabbinerausbildungsstätte stattfindet.

  • 15.06.2017

    "Wir brauchen 100-prozentigen Einsatz gegen Antisemiten"

    Grußwort von Dr. Josef Schuster bei der Tagung „Antisemitismus in Deutschland – aktuelle Entwicklungen“ des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, 14.6.2017, Berlin

    Meine sehr geehrten Damen und Herren!

    Wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft spielt, dann sitzen knapp 80 Millionen Bundestrainer vor dem Fernseher. Wenn der israelische Ministerpräsident ein Treffen mit dem deutschen Außenminister absagt, sind es knapp 80 Millionen Nahost-Experten.

    Von diesen Nahost-Experten wird man als Jude in Deutschland gerne gefragt: Was ist denn da bei euch bloß los? Warum hat denn Netanjahu Gabriel nicht treffen wollen? Vertragt ihr keine Kritik?

    Und damit, werte Zuhörerschaft, sind wir mitten im Thema. Ist das Antisemitismus? Wer kann diese Frage noch mit Sicherheit beantworten?

  • 07.06.2017

    "Wir brauchen einen neue Begeisterung für die Demokratie"

    Rede des Zentralrats-Geschäftsführers Daniel Botmann bei der Tagung der Deutschen Richterakademie zu "Das Rosenburg-Projekt aus externer Sicht“, 6.6.2017, Trier

    Anrede,

    zunächst möchte ich mich herzlich für die Einladung zur Tagung zum „Rosenburg-Projekt“ bedanken. Ich hatte bereits Mitte vergangenen Jahres im Rahmen einer In-House-Veranstaltung des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz die Ehre, an der Präsentation des wahrlich umfangreichen Werkes „Die Akte Rosenburg“ teilzunehmen und einige Worte an die Teilnehmenden richten zu können.

    Damals wie heute gilt: Man kann nicht anders als von der geleisteten Arbeit enorm beeindruckt zu sein. Die beiden wissenschaftlichen Leiter des Rosenburg-Projektes, Herr Prof. Dr. Görtemaker und Herr Prof. Dr. Safferling, haben hier gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Ministeriums Enormes geleistet. Und Sie können sich vorstellen, dass die präsentierten Ergebnisse mich als Juristen noch einmal in ganz besonderer Weise berühren und in ihren Bann ziehen – so bedrückend diese auch sind.

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