Reden und Texte

  • 18.05.2017

    "Wir wollen mitarbeiten an einem toleranten und friedlichen Miteinander"

    Vortrag des Zentralratspräsidenten Dr. Josef Schuster auf Einladung der CDU-Fraktion, Hessischer Landtag, 17.5.2017

    Anrede,

    in Ihrer Veranstaltungsreihe erinnern Sie an Themen, die große Debatten ausgelöst haben oder die Entwicklung Deutschlands entscheidend geprägt haben. Themen wie das Wirtschaftswunder oder die Grenzen des Wachstums, Europa oder Terrorismus – um nur ein paar Veranstaltungen zu nennen.

    Nun wird sich vor dem heutigen Abend vielleicht der ein oder andere unter Ihnen bemüht haben, sich an eine große Antisemitismusdebatte zu erinnern. Was kommt einem in den Sinn?

    Der Streit über Martin Walsers Paulskirchen-Rede mit „Auschwitz als Moralkeule“ vielleicht. Oder der Anschlag auf die Synagoge in Düsseldorf, dem der „Aufstand der Anständigen“ folgte. Vielleicht denkt manch einer sogar an den Historikerstreit um Ernst Nolte zurück. Aber, ganz ehrlich, Antisemitismus-Debatten waren das alles ja eigentlich nicht. Insofern kann ich sie beruhigen, falls ihnen gar nichts einfiel.

  • 11.05.2017

    Jüdisches politisches Denken heute

    Vortrag von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster bei der Tagung „Jüdisches Leben in Deutschland", 10. Mai 2017, Berlin

    Anrede,

    nachdem ich Sie bereits zu Beginn begrüßen durfte, freue ich mich nach diesem interessanten und aufschlussreichen Gespräch zwischen den verschiedenen Generationen, mich erneut an Sie richten zu dürfen.

    Wie Sie bereits anhand der munteren Diskussion eben selbst miterleben konnten, ist jüdisches Leben zum Glück wieder von einer lebendigen Vielfalt geprägt. Eine Vielfalt der religiösen Strömungen, eine Vielfalt der politischen Einstellungen, eine Vielfalt der Lebensweisen und nicht zuletzt eine Vielfalt der ursprünglichen Herkunftsländer jüdischer Menschen in Deutschland, die eine bunte Mischung von unterschiedlichen Mentalitäten zusammenführt und unser jüdisches Leben auf ganz wunderbare Weise bereichert. Auch gibt es eine Vielfalt von Meinungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft.

  • 30.04.2017

    "Wer die Erinnerung auslöscht, macht sich zum Komplizen"

    Rede von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster bei der Gedenkfeier des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern anlässlich des Jahrestags der Befreiung des KZ Dachau, Dachau, 30.4.2016

    Anrede,

    „Ich habe versucht, jene zu bekämpfen, die vergessen wollen. Denn wenn wir vergessen, sind wir schuldig, sind wir Komplizen.“

    Dies sagte der Auschwitz-Überlebende Elie Wiesel sel. A. in seiner Rede bei der Verleihung des Friedensnobelpreises 1986.

    Im vergangenen Jahr ist Elie Wiesel ebenso von uns gegangen wie Max Mannheimer sel. A. Der Satz hätte auch von ihm stammen können. Beide haben sich unermessliche Verdienste erworben mit ihrem Einsatz für die Erinnerung. Wenn heutzutage auch nachfolgende Generationen Wissen über die Schoah haben und die Erinnerung an die Opfer in ihren Herzen tragen, dann hat dies auch mit Elie Wiesel und Max Mannheimer zu tun.

    Und es hat sehr viel mit Ihnen zu tun, meine verehrten Überlebenden. Ich freue mich sehr, dass Sie sich auch in diesem Jahr wieder der Strapaze unterzogen haben, nach Dachau zu reisen, um an unserer Gedenkfeier teilzunehmen. Ich bin über jeden einzelnen von Ihnen glücklich, dass er unter uns ist.

  • 25.04.2017

    "Wir müssen für die ethischen Standards kämpfen"

    Rede von Zentralratspräsident Dr. Josef Schuster bei der 83. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie: Geschichte der deutschen Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung im Nationalsozialismus, 20.4.2017, Mannheim

    Anrede,

    die Geschichte der Medizin ist auch eine Geschichte der Menschenversuche. Ethisch vertretbarer Menschenversuche und ethisch zu verurteilender Menschenversuche. Schon vor der Zeit des Nationalsozialismus, zum Beispiel in den Kolonien in Afrika, wie auch noch nach der NS-Zeit gab es medizinische Experimente an Menschen, die ohne deren Einwilligung und Aufklärung stattfanden. Fast immer waren wehrlose Menschen die Opfer: Gefängnisinsassen, schwarze Menschen, Analphabeten, Prostituierte oder Menschen mit Behinderung.

    So verwerflich dies war – und darüber brauchen wir gar nicht zu diskutieren – so bleibt es eine historische Tatsache, dass es nie zuvor so grausame medizinische Versuche in einer solchen Dimension gegeben hatte wie im Nationalsozialismus.

    Niemals zuvor war eine so große Gruppe an Menschen als minderwertig und lebensunwert abgestempelt worden, so dass bei vielen damaligen Wissenschaftlern und Medizinern alle Hemmungen fielen und tausende Opfer zu medizinischen Experimenten gezwungen wurden. Deutsche Mediziner haben in einem Ausmaß den Eid des Hippokrates und alle auch schon damals vorhandenen ethischen Standards gebrochen und sind schuldig geworden, dass es bis heute für die medizinische Zunft in Deutschland zutiefst beschämend ist.

  • 03.04.2017

    "Vom Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte"

    Rede des Geschäftsführers des Zentralrats der Juden, Daniel Botmann, zur Eröffnung der Tagung "100 Jahre Balfour Deklaration" der Bildungsabteilung, Frankfurt, 29.03.2017

    Anrede,

    ich heiße Sie ganz herzlich willkommen zur Tagung der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland mit dem Titel: „100 Jahre Balfour Deklaration. Der Zionismus – von der Ideengeschichte zur nationalstaatlichen Umsetzung“.

    Wahrlich kein geringer Anspruch, das Thema Zionismus in einer Fachtagung abhandeln zu wollen, selbst wenn man wie wir hier zweieinhalb Tage dazu Zeit hat. Die Publikationen zur Geschichte des Zionismus und zur Staatsgründung Israels füllen ganze Bibliotheken. Aber keine Angst - ich werde jetzt nicht der Versuchung erliegen, diese Geschichte in einem 10-minütigen Grußwort nachzuzeichnen. Dennoch ist es mir - zumal als ein in Tel Aviv geborener Jude - eine Herzensangelegenheit, einige Schlaglichter auf das Thema zu werfen.

  • 03.03.2017

    Jugendkongress 2017 in Frankfurt eröffnet

    Rede des Zentralratspräsidenten Dr. Josef Schuster zur Eröffnung, 2. März 2017

    Anrede,

    zum Auftakt dieses Jugendkongresses möchte ich einfach mal ein paar Namen in den Raum werfen: Bad Sobernheim, Natz, Gatteo a Mare, Bellaria.

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass niemand unter den Teilnehmern ist, dem man diese Orte erklären muss. Im Gegenteil. Bei den meisten kommen wahrscheinlich sofort Erinnerungen hoch, wenn sie diese Namen hören.

  • 22.02.2017

    "Die Warnlampen blinken bei uns häufiger"

    Vortrag des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, in der Veranstaltungsreihe „Parlamentsleben“, Niedersächsischer Landtag, Hannover, 21.2.2017

    Anrede,

    vor wenigen Wochen wurde vielerorts noch einmal an einen meiner Amtsvorgänger erinnert: an den verehrten Ignatz Bubis sel. A. Denn im Januar wäre er 90 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass kam auch mir ein Vorfall wieder in den Sinn: Der israelische Präsident Weizman hielt 1996 eine Rede im Deutschen Bundestag. Anschließend kam der damalige Chef der Bundeszentrale für politische Bildung auf Bubis zu und gratulierte zur guten Rede „seines“ Staatspräsidenten. Bubis war schlagfertig genug, um zu antworten: „Herr Herzog hält immer gute Reden.“

    Es ist nicht lange her, da ist mir etwas Ähnliches passiert. Im Zuge der Flüchtlingsdebatte Ende des Jahres 2015 schrieb ein junger Mann auf Facebook: „Die Vermittlung unserer Werte hat bei Schuster offensichtlich auch nicht geklappt.“

  • 02.02.2017

    "Wir brauchen den Rückhalt der Gesellschaft"

    Grußwort des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, zum Festakt anlässlich des 10. Jahrestags der Einweihung der Neuen Synagoge Gelsenkirchen, 1.2.2017, Gelsenkirchen

    Anrede,

    zu diesem feierlichen Anlass möchte ich mein Grußwort gerne mit einem Zitat beginnen: „Wo ist nur das Gute geblieben? Wir sind die Menschen, die lieben! Haben wir den Krieg schon verloren? Nein, das Gute ist jetzt geboren!“

    Ich sehe es Ihren Gesichtern an, wie Sie jetzt überlegen: Stammt das Zitat aus einem Gebet? Oder von einem berühmten Rabbiner?

    Ich verrate Ihnen die Quelle gerne: Diese Zeilen haben Jugendliche aus Gelsenkirchen gedichtet, genauer gesagt: Jugendliche aus dem Jugendzentrum „Chesed“, das zu dieser Gemeinde hier gehört. Die Verse stammen aus ihrem Lied, mit dem sie vor fast genau einem Jahr in Mannheim bei der Jewrovision aufgetreten sind. Die Jewrovision ist ein großer Tanz- und Gesangswettbewerb, so ähnlich wie ihr Vorbild, die Eurovision, nur eben für jüdische Jugendliche.

    Warum ich Ihnen das so ausführlich berichte? Nicht nur, weil in gut zwei Wochen der Zentralrat der Juden wieder die Jewrovision ausrichtet. Sondern vor allem, weil an diesem Beispiel deutlich wird: In Gelsenkirchen haben wir eine kleine, aber quicklebendige jüdische Gemeinde!

  • 08.12.2016

    "Unser jüdisches Haus soll in Deutschland eine Zukunft haben"

    Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, zur Eröffnung des Gemeindetags, 8.12.2016, Berlin

    Anrede,

    als ich heute auf dem Weg von Würzburg nach Berlin war, da kam mir mit einem Male ein Gedanke: Nämlich der Gedanke, dass just zur gleichen Zeit aus allen Ecken der Republik zig Mitglieder unserer Gemeinden ebenfalls auf dem Weg nach Berlin sind. Zu Hunderten haben wir uns heute auf den Weg gemacht.

    Und bei diesem Gedanken wurde mir sehr warm ums Herz. Und der Gedanke erfüllte mich auch mit Stolz. Stolz, dass eine selbstbewusste jüdische Gemeinschaft von Alt bis Jung zu einem Treffen dieser Größe zusammenkommt.

  • 02.12.2016

    "Wir sichern selbst die Zukunft der jüdischen Gemeinden"

    Grußwort des Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, Abraham Lehrer, bei der Rabbiner-Ordination, 1.12.2016, Hannover

    Vor zehn Jahren erschien es uns noch fast wie ein Wunder: 2006 wurden in Dresden zum ersten Mal nach dem Krieg wieder liberale Rabbiner in Deutschland ordiniert. 2009 konnten wir in München die erste Ordination orthodoxer Rabbiner seit der Schoa feiern. Zuletzt haben wir im September in Frankfurt eine Amtseinführung von orthodoxen Rabbinern erlebt.

    Eine Ordinationsfeier wie heute hier in Hannover ist für unsere jüdische Gemeinschaft im 21. Jahrhundert fast schon eine Selbstverständlichkeit. Und das ist wirklich ein Grund zur Freude. Wie Sie alle wissen, werden unter dem Dach des Zentralrats der Juden in Deutschland Rabbiner für alle Strömungen des Judentums ausgebildet. Sehr geehrte Damen und Herren, das sucht seinesgleichen.

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