Reden und Texte

  • 13.09.2016

    "Die Geschichte ist der Kompass für die Zukunft"

    Grußwort des Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, Mark Dainow, beim Festakt zum 70-jährigen Bestehen der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden und zum 50. Jahrestag der Einweihung der Synagoge, Wiesbaden, 11.9.2016

    Anrede,

    wer in dieser Synagoge sitzt, kommt nicht umhin, die wunderbaren Glasfenster zu bewundern. Bei der Einweihung vor heute genau 50 Jahren staunten alle über dieses Schmuckstück, das neu in Wiesbaden entstanden war. Und bis heute zieht diese Synagoge ihre Besucher in Bann.

    Ich selbst bekomme ohnehin immer eine wohlige Gänsehaut, wenn ich hier bin. Denn hier haben meine Frau und ich vor fast 40 Jahren geheiratet. Sie werden sich daher vorstellen können, wie gerne ich der Einladung der Jüdischen Gemeinde gefolgt bin, für den Zentralrat der Juden bei diesem Festakt zu sprechen.

    Doch keine Sorge: Ich werde jetzt weder über die Ehe philosophieren oder gar Geheimnisse aus meiner Ehe ausplaudern, noch werde ich sentimental in Erinnerungen schwelgen.

    Die Geschichte und die Tradition der jüdischen Gemeinde Wiesbaden möchte ich aber sehr wohl in den Blick nehmen. Denn diese Geschichte bildet das Fundament dieser starken Gemeinde. Trotz des Bruchs der Shoa, trotz der fast völligen Vernichtung der Gemeinde durch die Nazis. Diese Geschichte und Tradition ist der Kompass der Gemeinde für die Zukunft.

  • 06.09.2016

    "Ort der Begegnung"

    Rede des Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, zum 175-jährigen Bestehen der ehem. Synagoge Niederzissen, 4.9.2016

    Anrede,

    heutzutage leben Juden in Deutschland vor allem in größeren Städten, zum Beispiel in Köln und Düsseldorf oder in Frankfurt und München. Dort finden sie auch eine jüdische Infrastruktur vor: einen jüdischen Kindergarten und jüdische Grundschulen, eine jüdische Volkshochschule, jüdische Alters- oder Pflegeheime und koschere Lebensmittelläden.

    Doch das war nicht immer so. Und die ehemalige Synagoge in Niederzissen ist dafür ein ausgezeichnetes Beispiel: Im 19. Jahrhundert gab es in Deutschland Hunderte von kleinen jüdischen Gemeinden mit Synagogen, Friedhöfen und rituellen Tauchbädern. Auch am Rhein wurden in dieser Zeit viele jüdische Gotteshäuser ihrer Bestimmung übergeben – wie im September 1841 die Synagoge in Niederzissen. Für die sogenannten Landjuden aus dem Kreis Ahrweiler war sie religiöser und sozialer Mittelpunkt ihres Lebens. Ein Ort, an dem man betete, sich austauschte und den Zusammenhalt untereinander stärkte.

  • 16.08.2016

    "Das Judentum ist pluralistisch"

    Grußwort des Präsidenten des Zentralrats der Juden, Dr. Josef Schuster, bei der Jahrestagung der Union Progressiver Juden, 28.7.2016, Bonn-Bad Godesberg

    Anrede,

    vor kurzem war ich zu Besuch bei der „Jüdischen Allgemeinen“, denn sie feierte ihren 70. Geburtstag. Jetzt werden Sie sich fragen, was das mit Ihnen und Ihrer Jahrestagung zu tun hat. Ich hatte bei diesem Besuch ein kleines Erlebnis, das mich an den heutigen Tag denken ließ. Das will ich Ihnen erzählen.

    Von der Redaktion der „Jüdischen Allgemeinen“ hat man beste Aussicht auf die riesige Baustelle neben dem ehemaligen Kulturzentrum „Tacheles“, mitten in Berlin. Die Redakteure erzählten mir, dass sie vor kurzem in der Baugrube Archäologen bei der Arbeit beobachteten. Sie hatten gleich einen Verdacht, um was es sich handeln könnte. Doch wie es sich für gute Journalisten gehört, recherchierten sie und prompt stellte sich heraus: Was die Archäologen da freilegten, waren die Überreste der ersten Reformsynagoge Berlins aus dem Jahr 1854.

    Als ich mit Blick auf die Baustelle diese Geschichte hörte, wurde mir wieder bewusst, auf welch lange Tradition die liberalen Juden in Deutschland zurückblicken können.

  • 13.07.2016

    "Ein Ort zur Bildung jüdischer Identität"

    Grußwort des Präsidenten des Zentralrats der Juden, Dr. Josef Schuster, beim Festakt zum 50-jährigen Bestehen der I.E.-Lichtigfeld-Schule, 13.7.2016, Frankfurt/M.

    Anrede,

    zunächst einmal möchte ich Ihnen und Euch im Namen des Zentralrats der Juden in Deutschland ganz herzlich zu diesem stolzen Jubiläum gratulieren!

    Mazal tow!

    Ein Jubiläum ist ein guter Anlass zurückzublicken. Was war eigentlich los im Jahr 1966, dem Jahr, in dem die I. E. Lichtigfeld-Schule gegründet wurde?

    Für euch Schüler erscheint diese Zeit sicherlich so weit weg wie der Zweite Weltkrieg. Ich selbst kann mich durchaus noch erinnern. Damals war ich zwölf Jahre alt. Die Erwachsenen redeten über den Vietnam-Krieg und in Deutschland über die erste Große Koalition, die unter Kiesinger gebildet wurde.

    Ich fand viel interessanter, dass ein Wal in den Rhein geschwommen war. Zu gerne hätte ich ihn gesehen. Und im Sommer gab es nur ein Thema: Die Beatles kamen auf Deutschland-Tournee. Sechs Konzerte in drei Städten: München, Essen und Hamburg. Ich hoffe, ich muss euch Schülern nicht erklären, wer die Beatles waren. Wer es nicht weiß, fragt bitte seine Eltern oder Großeltern.

  • 29.06.2016

    "Zuwanderung bereichert und weitet den Blick"

    Vortrag des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, zum Thema „Jüdisches Leben in Deutschland heute“, Katholische Akademie Bayern, München, 28.6.2016

    Anrede,

    ich freue mich sehr, heute hier in der Katholischen Akademie zu Gast zu sein und danke herzlich für diese Einladung! Sehr gerne werde ich versuchen, Ihnen einen kompakten Überblick über das heutige jüdische Leben in Deutschland zu geben. Ich bin schon jetzt gespannt auf Ihre Fragen – denn selbst in einem so ausführlichen Vortrag wie heute Abend kann ich nicht alle Themen abdecken, die das jüdische Leben betreffen.

    Vielleicht mögen Sie sich einmal selbst fragen, welche Bilder Sie im Kopf haben, wenn vom modernen jüdischen Leben in Deutschland die Rede ist. Was wird in den Medien transportiert? Natürlich Fotos prominenter Vertreter wie seit Ende 2014 meine Wenigkeit oder gerade hier in München natürlich von Frau Knobloch.

    Und welche Bilder fallen einem dann an? Wenn ich mich das fragen würde, würde ich, ehrlich gesagt, ziemlich schnell an Bilder aus Israel denken. Denn gerade im Fernsehen treffe ich viel häufiger auf Berichte aus Israel als auf Berichte über das hiesige jüdische Leben. Deshalb assoziieren wahrscheinlich gar nicht wenige Bürger in diesem Land beim Thema Judentum das Bild eines ultraorthodoxen Juden mit Schläfenlocken und Gebetsschal.

  • 09.06.2016

    "Unser Wertekodex muss bleiben"

    Grußwort des Zentralratspräsidenten Dr. Josef Schuster anlässlich der Heidelberger Hochschulrede 2016, 9.6.2016, Heidelberg

    Anrede,

    die Heidelberger Hochschulrede zeichnet sich durch zwei Charakteristika aus: hochkarätige Redner und aktuelle Themen. Daher freut es mich sehr, dass die Hochschule für Jüdische Studien für den heutigen Abend einen sehr vielgefragten Politiker gewinnen konnte: Martin Schulz gehört zu den prägenden Köpfen der EU. Und das liegt sicherlich nicht nur an seinem Amt als Präsident des Europäischen Parlaments, sondern auch an seiner Persönlichkeit.

    Lieber Herr Schulz, auch im Namen des Zentralrats der Juden in Deutschland möchte ich mich herzlich dafür bedanken, dass Sie heute die Heidelberger Hochschulrede halten werden!

  • 08.06.2016

    „Was uns prägt – was uns eint“

    Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, zum Tag der Konrad-Adenauer-Stiftung, 8.6.2016, Berlin.

    Anrede,

    Ich freue mich sehr, heute bei Ihnen zu sein und gemeinsam mit Ihnen auf eine Gedankenreise zu unseren Werten gehen zu dürfen. Und mit Ihnen darüber zu sprechen, was uns eint und was uns prägt oder geprägt hat. Es ist sicherlich keine einfache Reise, die lediglich eine Destination zum Ziel hat, sondern vielmehr eine Rundreise mit vielen Stationen und Perspektiven.

    Ich bin kein Theologe – dies sei vorangestellt – daher muss ich einigen von Ihnen bereits im Vorfeld die Vorfreude nehmen, aus rein religiöser Sicht hier zu Ihnen zu sprechen. Ich glaube aber auch nicht, dass es allein unseren Geistlichen, Politikern oder Kulturhistorikern zustehen sollte, die ultimative Antwort auf die Frage, was uns prägt und uns eint, zu finden. Die Antwort ist vielmehr ein dynamisches Konstrukt, welches sich anpasst und anpassen muss, um ein in der Tat vereinendes Miteinander zu schaffen und damit die Stärkung des sozialen Zusammenhalts, sowie die Wahrung des inneren Friedens zu garantieren.

  • 31.05.2016

    Die Religionsgemeinschaften können Werte wie Respekt neu mit Leben füllen

    Grußwort des Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, Abraham Lehrer, beim Auftakt zum Projekt „Weißt du, wer ich bin?“, 31.5.2016, Berlin

    „Wer fragt, ist unwissend für einen Augenblick. Wer nicht fragt, bleibt unwissend für immer.“ Dieser Ausspruch stammt von Raschi, Rabbiner Schlomo ben Jitzchak, einem der wichtigsten und anerkanntesten Rabbiner aus dem 11. Jahrhundert.

    Wir setzen heute – rund 900 Jahre später - ein erfolgreiches Projekt fort, das diesen Gedanken aufgreift: „Weißt du, wer ich bin?“ fragen wir, wir, die drei großen Weltreligionen. Es gibt derzeit viel Anlass, diese Frage wieder in den Raum zu stellen. Denn wieder gibt es politische Debatten, in denen vor einer angeblichen Überfremdung Deutschlands gewarnt wird. Der Islam wird als Ganzes zum Fremden erklärt.

  • 21.04.2016

    Flucht und Freiheit

    Am Sederabend lesen wir vom Auszug der Juden aus Ägypten. Dabei erkennen wir erneut, wie aktuell die Geschichte ist - Gastbeitrag von Dr. Josef Schuster in der "Jüdischen Allgemeinen", 21.4.2016

    An diesem Freitag ist Erew Pessach, und – Hand aufs Herz – die Vorbereitungen waren wieder etwas anstrengend, oder? Das Haus oder die Wohnung reinigen, Chametz beseitigen, Mazze abholen, Pessachgeschirr auspacken, für den Seder einkaufen, die Familie pünktlich versammeln.

    So ähnlich geht es in vielen Familien in den Tagen vor Pessach zu. Die Liste der zu erledigenden Dinge ist lang. Und meistens – seien wir ehrlich – sind die Frauen oder Mütter am meisten im Stress. Dieses Jahr ist die Organisation eine besondere Herausforderung, weil Erew Pessach auf einen Freitag fällt. Doch beim Seder ist all das vergessen. Ob in der Gemeinde, im Freundeskreis oder zu Hause – wir sitzen, feiern, lesen die Haggada und freuen uns, zusammen zu sein.

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