02.06.2009

Grußwort von Frau Dr. h. c. Charlotte Knobloch

Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, anlässlich der Ordination des Rabbinerseminars zu Berlin in Ohel Jakob Synagoge in München am 2. Juni 2009

Kvod ha Rabbanim,
besonders begrüße ich den Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses, Herrn Lauder, und
den Bundesinnenminister Dr. Schäuble,
herzlich willkommen heiße ich die Präsidentin des Bayerischen Landtags, Frau Stamm,
den Staatssekretär im bayerischen Kultusministeriums, Herrn Dr. Huber, der heute den bayerischen Ministerpräsidenten vertritt,
den Staatssekretär des Innenministeriums der Landes Brandenburg, Herrn Hohnen,
und alle anwesenden Vertreter der politischen Parteien auf kommunaler, Landes- und Bundesebene,
ich begrüße den Präsidenten der Europäischen Rabbinerkonferenz, Rabbiner Sitruk,
den Gründer des neuen Rabbinerseminars zu Berlin, Rabbiner Spinner,
den Rektor des Rabbinerseminars zu Berlin, Rabbiner Ehrentreu, und
Rabbiner Smith, den Rosh Beit Midrash des Rabbinerseminars zu Berlin.

Ich begrüße auch Rabbiner Hildesheimer, den Nachfahren von Rabbiner Dr. Esriel Hildesheimer, dem Gründer des früheren Rabbinerseminars zu Berlin,
und die beiden Rabbiner Balla und Radbil, die heute feierlich ordiniert werden.

Besonders willkommen heiße ich Seine Eminenz den Hochwürdigsten Kardinal Wetter,
den Erzpriester Malamoussis von der Griechisch-orthodoxen Metropolie von Deutschland und
Pfarrer Dr. Dörrfuß in Vertretung des Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Ich begrüße die anwesenden Rabbiner der Europäischen Rabbinerkonferenz und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland,
die Vertreter des Jüdischen Weltkongresses, der Lauder Foundation, des Zentralrats der Juden in Deutschland, der jüdischen Gemeinden und Organisationen in Deutschland
und alle anderen Anwesenden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

es macht mich unendlich glücklich, heute hier in München die erste orthodoxe Rabbinerordination nach 1945 zu feiern.
Wir haben – wie Sie wissen – vor zwei ein halb Jahren diese Synagoge eingeweiht. Ein Ereignis, das weit über die Stadtgrenzen hinaus Beachtung gefunden hat, denn es war und ist ein Symbol für die Rückkehr des Judentums in Deutschland.
Doch erst mit dem heutigen Tag vervollständigen wir diesen Prozess.

Denn jüdisches Leben ist ohne Rabbiner nicht denkbar. Schließlich ist der Kern jüdischen Seins die Religion.
Bei allen Unterschieden, die das jüdische Volk überall auf der Welt prägen, ist es unser gemeinsamer Glaube – unsere geteilten Werte, Überzeugungen und Traditionen – die uns verbinden und letztlich ausmachen.

Doch nach der brutalen Zeit des Nationalsozialismus war davon nichts mehr übrig. Mit den Menschen haben die Nazis auch den jüdischen Geist vernichtet.
In der Folge waren wir von einem spirituellen jüdischen Leben weiter entfernt denn je. Denn der Aderlass, den Hitlers Schergen unserem Volk zugefügt haben, ging an die Substanz, an die Wurzeln unserer Kraft.

Gewiss, einige haben überlebt. Aber damit aus einem Überleben ein Leben wird, braucht es vor allem geistige und kulturelle Kraft. Jene Kraft also, die uns die Nazis geraubt haben. Hierzulande gab es keine Rabbinerseminare mehr, keinen regen intellektuellen Austausch, keine Bereicherung des geistigen und kulturellen Lebens. Deutschland nach 1945 war – was das jüdische Geistesleben anbelangt – eine Brachfläche, eine trockene Wüste.

Das Rabbinerseminar zu Berlin etwa, war vor Hitler eine traditionsreiche Einrichtung.
Rabbiner Esriel Hildesheimer hatte die Institution 1873 gegründet, um in der jüdischen Tradition zu lehren und zu lernen. Also genau das zu tun, was für das Wesen des Judentums charakteristisch ist.

Hildesheimer und die Rabbiner, die sich an seinem Seminar ausbilden ließen, bereicherten das Judentum nicht nur. Nein, sie machten es aus. Sie erfüllten es mit Leben und sorgten dafür, dass das Judentum Bestand hat.

Schwer genug, denn auch damals war das jüdische Volk eine kleine Minderheit, die ihre Identität verloren hätte, wäre nicht ein harter Kern bereit gewesen, ihr Leben in den Dienst der Religion – und der Gemeinschaft – zu stellen.
Gerade deshalb ist es auch so wichtig, dass die orthodoxe Rabbinerausbildung gefördert wird. Denn wir hätten unsere Werte längst verloren, würden sie nicht vor allem von der Orthodoxie aufrecht erhalten und vorgelebt. Das orthodoxe Judentum ist der Garant jüdischen Geisteslebens. Ganz besonders in einer Welt, die sich stetig verändert und Bewährtes relativiert. Wer also verhindern will, dass Traditionen aufgeweicht werden, braucht ein festes Fundament.

Als die Nazis das Seminar von Rabbiner Hildesheimer im Zuge des Novemberpogroms gewaltsam geschlossen haben, haben sie dieses Fundament schwer erschüttert.
Und nicht zuletzt haben sie jene Überzeugung verletzt, auf der nicht nur das Judentum fußt. Sondern das gesamte Wertebewusstsein der aufgeklärten Welt. Denn das Bewusstsein für Menschenrechte, die Überzeugung, dass jeder Mensch eine Würde hat, wurzelt in dem Gebot der Nächstenliebe, das dem jüdischen Volk einst anvertraut wurde. Ja, das auch der Stifter des Christentums übernommen hat. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – das ist die Säule der Thora. Ein simples, ein einfaches Gebot auf den ersten Blick. Doch wer in die Weltgeschichte schaut, der sieht, wie schwer sich die Menschen tun, es einzuhalten.

Meine Damen und Herren,
wir brauchen Rabbiner, die ihren Gemeinden ein Leben vorleben, das sich am Wesen dieses Gebotes orientiert.
Die helfen, beraten und richten.
Die zeigen, welcher Weg zu gehen ist – auch wenn man zuweilen von ihm abkommt.

Ohne Zweifel, schon vor dem heutigen Tag, gab es diese Rabbiner. Doch um sich auf ihre Aufgaben in der Gemeinde vorzubereiten, mussten sie bislang im Ausland studieren. Und nicht wenige sind im Ausland geblieben.
In der Sprache der Wirtschaft würde man dies als einen Verlust von Kapital bezeichnen.

Wollen wir, dass die Gemeinden, die in den vergangenen Jahren hierzulande wiedererwacht sind, Bestand haben, müssen wir sie mit Geist und Spiritualität beleben. Wir müssen also Anreize schaffen für angehende Rabbiner, hier in Deutschland zu bleiben. Mit der Gründung des orthodoxen Rabbinerseminars zu Berlin haben wir dafür die Voraussetzungen geschaffen.
Wir knüpfen an, an die Tradition der ehemals bedeutendsten Lehrstätte der deutschsprachigen Orthodoxie.
Weil wir glauben, dass das Judentum hierzulande eine Chance hat.
Weil wir hoffen, eines Tages wieder da zu stehen, wo wir vor Hitler standen.

Die heutige Ordination ist damit auch ein Sieg über die Nazis. Nicht nur, weil in Deutschland wieder jüdische Menschen leben. Sondern weil unsere Rabbiner in der Tradition der Thora stehen.
In einer Tradition also, die dem menschenverachtenden Ungeist entgegensteht.
Die – und da können die Kritiker der Orthodoxie behaupten, was sie wollen – lebendig, modern und zeitgemäß ist. Denn universal gültige Gebote – meine Damen und Herren – müssen nicht reformiert werden. Sie gelten immer. Unabhängig von Raum und Zeit.

Wer hätte vor sechs Jahrzehnten wohl gedacht, dass wir heute hier stehen? In dieser Synagoge, um angehende Rabbiner zu ordinieren. Ich selbst hätte dies vor einigen Jahrzehnten noch für undenkbar gehalten. Es ist ein kleines Wunder.

Ich begrüße die Ordination von Rabbinern des Abraham Geiger-Kollegs, die in Kürze stattfinden wird, und ebenso die Ausbildung von Rabbinern von Chabad Lubawitsch.

Ich freue mich, dass Zsolt Balla und Avraham Radbil ihr Leben in den Dienst einer jüdischen Gemeinde in Deutschland stellen wollen.

In Ländern, in denen das Judentum selbstverständlicher ist als hierzulande, wäre es ohne Zweifel leichter, ein religiöses Leben zu führen. Trotzdem haben sie sich dafür entschieden, hier zu leben. Und so dem Judentum eine Zukunft zu geben. Dafür danke ich Ihnen und wünsche eine erfolgreiche Arbeit in den Gemeinden vor Ort – in Köln und Leipzig.

Ebenso danke ich von Herzen Herrn Ronald Lauder, der das Rabbinerseminar zu Berlin unterstützt. So wie die Kunst ohne Mäzene keine Zukunft hätte, so braucht auch Religiosität Förderer. Menschen, die wie Ronald Lauder helfen, dass die Saat aufgeht. Denn Bildung ist – auch im religiös-geistigen Feld – das Fundament unserer Gesellschaft. Und nicht ihr Ornament.

Die jüdische Infrastruktur, die seit einiger Zeit an vielen Orten in der Bundesrepublik entsteht, bekommt nun einen stabilen, geistigen Unterbau.
Es ist schön, dass die heutige Ordination nur wenige Tage nach Schawuot stattfindet. Denn nach der talmudischen Überlieferung ist Schawuot die Zeit der Verkündung der Gebote. Jener ersten umfassenden Sittengesetze in der Geschichte der Menschheit.

Der heutige Tag ist ein Zeichen, dass wir auch Tausende von Jahren nach der Verkündung dieser Gebote da sind. Im Bewusstsein einer Jahrtausende alten Tradition. Die wir gepflegt und weitergeben haben. Und die wir auch künftig pflegen und weitergeben werden.
Albert Einstein hat einmal gesagt – ich zitiere – „Die Geschichte hat uns einen schweren Kampf auferlegt. Doch so lange wir ergebene Diener der Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit bleiben, werden wir nicht nur fortbestehen als ältestes der lebenden Völker, sondern wie bisher in produktiver Arbeit Werte schaffen, die zur Veredelung der Menschheit beitragen."

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!

- Es gilt das gesprochene Wort –