02.06.2009

Einleitung von Rabbiner Joshua Spinner

Gründer des neuen Rabbinerseminars zu Berlin, anlässlich der Ordination des Rabbinerseminars zu Berlin in der Ohel Jakob Synagoge in München am 2. Juni 2009

Rabbinerseminar zu Berlin - Ein legendärer Name

Seit seiner Gründung im Jahre 1873 bis zu seiner gewaltsamen Schließung nach der Reichspogromnacht 1938, bildete das Rabbiner-Seminar zu Berlin Generationen von Rabbinern aus, die den jüdischen Gemeinden Deutschlands und Westeuropas dienten.

Der Name seines Gründers, Rabbiner Dr. Esriel Hildesheimer, sowie die Namen seiner Nachfolger, Hoffmann, Kaplan und Weinberg sind so legendär in der Welt des jüdischen Lernens wie der Name "Rabbinerseminar zu Berlin" selbst.
Diese Männer waren außergewöhnlich – Gelehrte des Talmuds und der Bibel, Autoritäten des Jüdischen Gesetzes. Gleichzeitig waren sie anerkannte Wissenschaftler; Lehrer mit ausgezeichneten akademischen Fähigkeiten und umfangreicher Kenntnis. Vor allem, hatten Sie ein tiefes Verständnis für die Belange, Fragen und Herausforderungen ihrer Zeit. Sie waren leidenschaftlich in ihrer Hingabe zum Gesetz, zum Lernen, zur Tradition, und zur Zukunft des Jüdischen Volkes. Und sie wussten, was sie zu tun hatten.

Sie wussten, dass die Herausforderung ihrer Zeit darin bestand, für die ewigen Werte unserer Religion eine zeitgenössische Sprache zu finden. Eine Sprache, in der die zeitlosen Wahrheiten vermittelt werden konnten – eine Sprache der Gegenwart. Die Sprache ihrer Generation.

Gleichzeitig wussten sie, dass kein einziger Funke Wahrheit und kein noch so kleines Stück Substanz ihrem Streben zum Opfer fallen durfte. Denn was hilft das Vermitteln wenn es wenig zu vermitteln gibt? Ihr Bildungsziel war es also, Rabbiner auszubilden, die nicht nur wussten wie man zu der damaligen Welt sprechen musste, sondern auch etwas Inhaltsvolles zu sagen hatten.
Aber wer sind wir, dass wir es wagen, Parallelen zu ziehen zwischen unserem Lehrhaus und dieser großen Institution? Wäre es nicht leichter – oder ehrlicher –zuzugestehen, dass der kleine Beitrag, den wir leisten können mit dem Schaffen eines Rabbiner Hildesheimer nicht vergleichbar ist? Vielleicht. Vielleicht wäre dies in der Tat leichter – oder ehrlicher.

Aber wir haben keine Wahl: Vor uns steht eine riesige Herausforderung. Eine Herausforderung, der wir Angesicht zu Angesicht begegnen müssen, so wie Rabbiner Hildesheimer und seine Nachfolger es damals taten.

Sinn, Werte, Richtung und Bestimmung, dies sind Dinge, von denen wir alle mehr brauchen, in unseren eigenen Leben und in unserer Gesellschaft. Und die Torah spricht von diesen Dingen. Um aber die Ohren der heutigen Generation zu erreichen, brauchen wir eine Sprache, welche zeitgemäß, relevant und ausdrucksstark ist.

Die Studenten des Rabbinerseminars zu Berlin, die sogleich durch diese Tür schreiten werden, können es nicht wagen, sich mit der Gelehrsamkeit der Großen von gestern zu messen. Ich bin aber der Überzeugung, dass sie ihnen in Hingabe und Leidenschaft gleichen.

Obwohl sie aus Familien kommen, denen wenig von ihrer Tradition geblieben war, und obwohl sie ihre Kindheit nicht in jüdischen Schulen verbringen konnten, haben diese jungen Männer sich in ihre Studien geworfen und ein erstaunliches Maß an Wissen und Können erreicht. Gleichzeitig gehören sie dieser Generation an und sprechen ihre Sprache. Sie sind Beispiele des Erfolgs und der Hoffnung.

Heute applaudieren wir ihnen, unterstützen und bestärken wir Sie. Morgen, wenn sie Führungspositionen in den jüdischen Gemeinden dieses Landes übernehmen, wäre es uns gut getan ihnen zuzuhören.

Denn sie haben etwas zu sagen, und sie wissen wie es zu sagen ist.

- Es gilt das gesprochene Wort –