20.05.2009

Städteinformation

Abu Gosch - Mevasseret Zion

Abu Gosch ist eine der bekanntesten arabischen Gemeinden in Israel. Die Einwohner des malerischen, in den Judäischen Bergen rund zehn Kilometer westlich von Jerusalem gelegenen Dorfes haben bereits vor Israels Staatsgründung gute Beziehungen zu den jüdischen Nachbarorten gepflegt. Die Wirren des Unabhängigkeitskrieges von 1948/49 gingen an Abu Gosch nicht spurlos vorbei, doch überstand der Ort die Kämpfe weitgehend intakt.

Für Tausende und Abertausende jüdischer Israelis ist Abu Gosch ein kulinarisches Paradies. Die zahlreichen Restaurants ziehen vor allem am Schabbat (Samstag) hungrige Menschenmassen aus dem nahen Jerusalem, aber auch aus dem 50 Kilometer entfernten Tel-Aviv an. Wer am wöchentlichen Ruhetag um die Mittagszeit den Delikatessen von Abu Gosch zusprechen will, muss schon mal einen kleinen Stau an der Ortseinfahrt in Kauf nehmen. Besonders berühmt ist der Hummus von Abu Gosch – die in ganz Nahost verbreitete Kichererbsenpaste, die auch in Israel von nahezu jedermann, ohne Ansehen von Volkszugehörigkeit, Religion und Kulturkreis konsumiert wird. „Hummus Abu Gosch“ ist eine auch über Israels Landesgrenzen bekannte Spezialität, und natürlich wetteifern mehrere Restaurants um die Ehre, den besten Hummus des Landes anzubieten.

Indessen ist Abu Gosch mehr als nur ein Treffpunkt der Gourmets. Musikfreunde kommen hier ebenfalls auf ihre Kosten. Zweimal im Jahr findet in Abu Gosch ein weltberühmtes Musikfestival statt. Gespielt und gesungen wird in den beiden Kirchen, die zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Jerusalemer Umlands gehören: Einer alten, gut erhaltenen Kreuzfahrerkirche und in der modernen Notre Dame Arche D’Alliance. In jüdischer Tradition wird Abu Gosch mit Krijat Jearim, dem Ort, an dem die Bundeslade eine vorübergehende Bleibe fand, gleichgesetzt. In der christlichen Überlieferung ist Abu Gosch einer der Orte, die als das neutestamentarische Emmaus genannt werden. Gleichwohl sind alle Bewohner des Dorfes Moslems.

Und natürlich dürfen auch gekrönte Häupter in der Geschichte der Siedlung nicht fehlen. Einer Überlieferung zufolge erhaschte Richard Löwenherz von Abu Gosch aus einen Blick auf die Heilige Stadt. Am 29. Oktober 1898 ritt Kaiser Wilhelm II. während seiner Palästinareise hoch zu Ross durch Abu Gosch. Bis zum Ende der Osmanenära beherbergte Abu Gosch auch die Residenz des deutschen Konsuls im türkisch regierten Palästina.


In Mevasseret Zion verbindet sich das Alte mit dem Neuen. Der Name der 27.000-Seelen-Gemeinde bedeutet „Verkünderin Zion“ und entstammt dem Buche Jeschajahu (Jesaja). Dort heißt es: „Auf einen hohen Berg steig, Verkünderin Zion“ (Jeschajahu 40,9). Dennoch ist die Stadt jung. Sie entstand 1964 aus der Verschmelzung von zwei Pioniersiedlungen: Maos Zion und Mevasseret Jeruschalaim. Da bot sich die biblische Kombination Mevasseret Zion geradezu an.

In Mevasseret, wie die Stadt von ihren Einwohner kurz genannt wird, erlebt man Israels menschliche Vielfalt. Kinder und Enkel von Immigranten aus Marokko, Kurdistan oder Persien leben in Mevasseret ebenso wie Nachfahren deutscher, polnischer, rumänischer oder ukrainischer Juden. Zudem befindet sich in Mevasseret Zion das landesgrößte Einwandererheim, in dem Immigranten aus Äthiopien auf ihr neues Leben im jüdischen Staat vorbereitet werden.

Zu den alteingesessenen Familien gesellen sich immer mehr „Zugereiste“ aus Jerusalem, denen die Hauptstadt zu groß und zu eng geworden ist. Mevasseret ist weitgehend Schlafstadt, entwickelt sich aber zunehmend zum Einkaufs- und Freizeitzentrum für umliegende, kleinere Gemeinden – jüdische wie arabische, darunter auch Abu Gosch. Auch an die Gründung einer Gewerbeansiedlungszone vor der Stadt wird gedacht. Im „Harel-Einkaufszentrum“ trifft man oft religiöse Juden aus dem Ausland, vor allem aus den USA. Sie laben sich an Hamburgern und Pommes frites im koscheren McDonalds – ein Genuss, der ihnen in den nichtkoscheren Restaurants der Fast-Food-Kette in ihren Heimatländern versagt bleibt.

Historienbewusste Besucher können das „Castel“ aufsuchen – die Überbleibsel eines alten Forts. Ursprünglich hatte die römische Besatzungsmacht die auf einer am Weg nach Jerusalem gelegenen Anhöhe eine Befestigung errichtet. Mehr als eintausend Jahre später erkannten auch die Kreuzfahrer die strategische Bedeutung des Hügels und bauten dort ihr eigenes Fort, das Castellum Belvoir, dessen Ruinen bis heute erhalten sind und unter Denkmalschutz stehen. Und heute noch fragt manch ein Kind, das von seinen Eltern mühsam bergauf geschleppt wird: „Wo ist der Prinz, der hier mal gewohnt hat?“

In beiden Ortschaften, Abu Gosch wie Mevasseret, wird die gutnachbarliche Zusammenarbeit geschätzt und gepflegt. Neben der Fußballmannschaft unterhält der gemeinsame Sportklub Hapoel Abu Gosch – Mevasseret Zion inzwischen auch ein Basketballteam. So entsteht zunehmend ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Als die Baubehörden Abu Gosch die Genehmigung zur Errichtung einer dringend benötigten, neuen Moschee erteilten, beglückwünschte die Lokalzeitung von Mevasseret Zion „Zman Mevasseret“ mit einer großen Überschrift. Aus der Zusammenarbeit gingen auch zahlreiche persönliche Freundschaften hervor. Die besonderen Beziehungen zwischen den beiden Partnerorten gelten deshalb als ein nachahmungswertes Modell der Koexistenz.