Einleitung

Synagogenarchitektur in Deutschland seit 1945

von Dr. Ulrich Knufinke, Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa (www.bet-tfila.org)


Die Einweihungen neuer Bauwerke und Einrichtungen jüdischer Gemeinden erfahren in Deutschland regelmäßig größte Aufmerksamkeit: Nicht nur für die jüdische Gemeinschaft ist ein solches Ereignis von hoher Bedeutung, auch die weitere Öffentlichkeit – Politik, Medien, Religionsgemeinschaften und nicht zuletzt viele interessierte Bürgerinnen und Bürger – nehmen daran Anteil. Die Architektur der Syngogen und anderen jüdischen Gemeindebauten, von denen in den zurückliegenden rund 60 Jahren über 100 entstanden sind, wurde und wird immer auch als Ausdruck jüdischen Selbstverständnisses und des Zusammenlebens von Juden und Nicht-Juden in Deutschland verstanden. Die Bauwerke sind aber ebenso Zeugnisse der architekturgeschichtlichen Entwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg, und besonders die manchmal herausfordernd gestalteten Synagogen der letzten Jahre dürfen als bemerkenswerte Beiträge zur Architektur der Gegenwart angesehen werden.

Abb. 1: Trutzhain (Hessen), Foto: Knufinke
Abb. 1: Trutzhain (Hessen), Foto: Knufinke

Die Anfänge jüdischer Einrichtungen nach dem Holocaust, der Vernichtung der jüdischen Gemeinden und der Zerstörung oder Zweckentfremdung ihrer Bauten waren denkbar schwierig: Ein dauerhaftes jüdisches „Leben im Land der Täter" (so ein Buchtitel von Julius H. Schoeps, 2001) war für die meisten Überlebenden kaum denkbar. Nur eine kleine Zahl der Mitglieder deutscher jüdischer Gemeinden hatte die Verfolgung in den Lagern oder im Untergrund überlebt. Im Mai 1945 lebten in Deutschland zudem über 100.000 Juden, die aus anderen Staaten in die Konzentrationslager verschleppt worden waren. Diese „Displaced Persons" (DPs) entfalteten in den DP-Lagern ein provisorisches jüdisches Leben abseits der deutschen Bevölkerung. Gleichzeitig mit den Gemeinschaften der DP-Lager gründeten sich in vielen Städten kleine Gemeinden. Die frühen Gemeinschaften erfüllten wichtige soziale Funktionen für die Überlebenden, es entstand ein neues religiöses Leben mit Betsälen, Ritualbädern und Religionsschulen. Bauliche Spuren dieser ersten Phase der jüdischen Nachkriegsgeschichte in Deutschland sind nur wenige erhalten, zum Beispiel eine als Synagoge genutzte Baracke des DP-Lagers Trutzhain (Abb. 1) oder die Einrichtung der barocken Synagoge in Celle, die 1945 für die Überlebenden des Konzentrationslagers Bergen-Belsen wieder hergerichtet wurde (Abb. 2).

Abb. 2: Celle (Niedersachsen), Foto:Bet Tfila
Abb. 2: Celle (Niedersachsen), Foto:Bet Tfila

Auch in den Synagogenräumen dieser Zeit sind die wesentlichen Einrichtungsstücke eines jüdischen Betraums zu finden: Auf der nach Osten, gen Jerusalem, gerichteten Seite befindet sich der Toraschrein, ein oft reich ausgestalteter Schrank, in dem die Torarollen verwahrt werden. Diese Pergamentrollen mit dem Text der fünf Bücher Mosis sind das wertvollste Gut einer jeden Synagoge. Die Lesung aus der Tora bildet den Höhepunkt des Gottesdienstes, für den zehn im religionsgesetzlichen Sinne Erwachsene anwesend sein müssen, ein sogenannter Minjan. Die Toralesung findet auf einer Bima genannten Plattform statt. In traditionellen Synagogen steht die Bima im Zentrum des Raums, bei Synagogen, die der jüdischen Reformbewegung folgen, rückt sie vor den Toraschrein. In traditionellen Synagogen sitzen Männer und Frauen getrennt, wofür es oft eine besondere Frauenempore gibt, in Reformgemeinden (liberalen Gemeinden) ist die Geschlechtertrennung aufgehoben. Diese wenigen funktionellen Voraussetzungen prägen den Innenraum einer jeden Synagoge – eine spezifisch „jüdische" äußere Gestalt hat sich daraus in der zweitausendjährigen Geschichte der Synagogen nicht entwickelt.

Abb. 3: Saarbrücken, Foto: Knufinke
Abb. 3: Saarbrücken, Foto: Knufinke

Um 1950 waren die meisten DP-Lager aufgelöst und viele ihrer Bewohner emigriert. Einige jüdische Gemeinden hatten sich aber so weit etabliert, dass in Saarbrücken (1951, Abb. 3), Stuttgart (1952) und Erfurt (1952) erste neue Synagogenbauten eingeweiht werden konnten. Ab Mitte der Fünfziger bis Anfang der Sechziger Jahre kam es in der Bundesrepublik sogar zu einer „Neubauwelle": Eine große Zahl neuer Gemeindezentren und Synagogen wurde errichtet. Politisch galt dies als Ausweis einer gelingenden „Wiedergutmachung" der Verbrechen des Nationalsozialismus.

Die meisten Neubauten jener Jahre wurden von Hermann Zvi Guttmann (Synagogen zum Beispiel in Offenbach, Düsseldorf, Hannover und Osnabrück, Trauerhallen in Hannover und Augsburg, Abb. 4), Karl Gerle (Recklinghausen, Bremen, Hagen, Paderborn) und Helmut Goldschmidt (Koblenz, Dortmund, Bonn, Münster, Abb. 5) entworfen.

Abb. 4: Augsburg, Trauerhalle(1961), Abb 05: Münster, Synagoge (1961), Fotos: Knufinke
Abb. 4: Augsburg, Trauerhalle(1961), Abb 05: Münster, Synagoge (1961), Fotos: Knufinke

In unterschiedlicher Weise interpretierten sie die Traditionen der Bauaufgabe Synagoge neu. Gemeinsam ist ihnen die Vorstellung, nicht nur ein Gotteshaus, sondern ein ganzes Gemeindezentrum zum Konzept zu machen: Die gemeinschaftsbildende und Identitifikation ermöglichende Funktion sollte die Bauwerke prägen.

Abb. 6: Gelsenkirchen: Betsaal,  Foto: Knufinke
Abb. 6: Gelsenkirchen: Betsaal, Foto: Knufinke

So waren neben dem Betsaal als religiösem Kern auch Festsäle, Versammlungs- und Verwaltungsräume sowie gelegentlich Altenheime, Kindergärten und Jugendzentren zu planen. Bei aller Unterschiedlichkeit zeigen sich die Bauten als Beispiele der Nachkriegsmoderne, die sich sowohl an das „Neue Bauen" der späten Weimarer Republik als auch an die internationale Moderne anschließen wollte. Einige Synagogen und Betsäle dieser Phase der neuen Anfänge sind heute bereits von jüngeren Einrichtungen abgelöst, so zum Beispiel der Betsaal von 1958 in Gelsenkirchen (Abb. 6).

Abb. 7: Frankfurt a. M.: Gemeindezentrum Foto: Knufinke
Abb. 7: Frankfurt a. M.: Gemeindezentrum Foto: Knufinke

Nach 1965 ebbte die Bautätigkeit jüdischer Gemeinden ab, während ihre Mitgliederzahlen stagnierten. Die wenigen bis 1988 realisierten Projekte zeigen den allmählichen Übergang von der Nachkriegsmoderne (Osnabrück, Wiesbaden) zu Konzepten der sogenannten Postmoderne: Symbolische Formen, entwickelt zum Beispiel aus dem Davidstern (Karlsruhe, Freiburg), und Reminiszenzen an historische Synagogenbauten (Mannheim, Darmstadt) erlaubten ein architektonisches Spiel mit bildhaft „lesbaren" Bedeutungsebenen, die die Erinnerung an die Zeit der Verfolgung und Vernichtung mit einbeziehen konnten: Die „geborstenen" Gesetzestafeln des Frankfurter Gemeindezentrums (Salomon Korn u.a., 1986, Abb. 7) zeugen vom Eingebundensein des Gedenkens an die Zeit des Holocaust in das jüdische Leben in Deutschland.

Um 1988, als man des 50. Jahrestags der Zerstörung der Synagogen gedachte, nahm ein gewandeltes öffentliches Interesse an den historischen Synagogen Gestalt an. Seither wurden einige der baulich erhalten gebliebenen Synagogengebäude restauriert und der Öffentlichkeit als Gedenkstätten, Museen oder Kulturzentren zugänglich gemacht (zum Beispiel in Memmelsdorf, Abb. 8). Andere stehen uns bis heute umgebaut zu Wohnhäusern (so in Springe-Eldagsen, Abb. 9), als Schuppen oder als Werkstätten gegenüber, zum Teil ohne Hinweise auf ihre einstige Bedeutung. Selbst Abrisse historischer Synagogen finden bis in die Gegenwart statt.

Abb. 8: Memmelsdorf in Unterfranken (Bayern), Abb. 9: Springe-Eldagsen (Niedersachsen), Foto: Knufinke
Abb. 8: Memmelsdorf in Unterfranken (Bayern), Abb. 9: Springe-Eldagsen (Niedersachsen), Foto: Knufinke

Die politische Wende in den Staaten des Warschauer Pakts um 1990 wurde zum Auslöser für einen grundlegenden Wandel innerhalb der Gemeinden. Jüdische Einwanderer, vor allem aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, erhöhten die Mitgliederzahlen oft um ein Vielfaches, und zahlreiche Gemeinden gründeten sich neu. Neben der Integration der Zuwanderer in das Gemeindeleben (und in die deutsche Gesellschaft) wurde es zu einer wichtigen Aufgabe, entsprechende Räume und Bauten einzurichten. Die dadurch ausgelöste neuerliche Welle von Neubauten hält bis in die Gegenwart an.

Einer der prägenden Architekten der letzten Jahre ist Alfred Jacoby. Nach dem postmodern anmutenden Gemeindezentrum in Darmstadt (1988) reduzierte er bei seinen weiteren Bauten (zum Beispiel in Aachen, Heidelberg, Chemnitz, Kassel oder Köln) die Synagogenbaukörper auf einfache geometrische Formen (Oval, Kreis, Rechteck). Die Synagogen sind in Gemeindehäuser eingebunden, deren schlichte und funktionale Gestaltung mit dem sakralen Bau kontrastieren und ihn zugleich als den Kern der Anlagen hervortreten lassen.

Abb. 10: Duisburg, Foto: Knufinke
Abb. 10: Duisburg, Foto: Knufinke

Für eine andere, gern „dekonstruktivistisch" genannte Richtung der zeitgenössischen Architektur stehen das Gemeindezentrum in Duisburg (1999) und die Heinz-Galinski-Schule in Berlin (1995), beide entworfen vom israelischen Architekten Zvi Hecker. In Duisburg gestaltete er das Gemeindezentrum als einen Fächer freitragender, kantiger Betonrahmen – erinnernd an aufgeschlagene Seiten eines Buchs oder an ausgreifende Finger einer Hand. Die nutzbaren Baukörper sind durch diese Rahmen „geschoben", die keilartige Synagoge ragt auf der Ostseite scharf in den umgebenden Grünraum. So entwickelt sich eine expressive und zugleich symbolisch deutbare Gesamtform, eine „Archiskulptur" (Abb. 10).

Eine einfachere Formensprache entwickelte das Saarbrücker Büro Wandel, Höfer, Lorch für die Synagogen in Dresden und München. Für den Standort des 1938 vernichteten Dresdner jüdischen Gotteshauses plante man ein Gemeindezentrum mit Synagoge. Die Lage zwischen einer Hauptverkehrsachse und dem parkartige Ende der Brühlschen Terassen, der Elbe und dem historischen Stadtkern forderte eine Gestaltung heraus, die sich monumental, mahnmalhaft, behaupten kann. Die Architekten plazierten einen Block als Gemeindehaus auf der Stadtseite des Grundstücks und einen geschichteten, in sich verdrehten Würfel als Synagoge gegenüber an den Elbhang (Abb. 11). Beide Baukörper sind verbunden durch eine Mauer zur Abschottung gegen die Straße und einen erhöht angelegten Hof. In dessen Boden ist der Grundriss der zerstörten Synagoge nachgezeichnet.

Abb. 11: Dresden, Synagoge (2001) Foto: Knufinke
Abb. 11: Dresden, Synagoge (2001) Foto: Knufinke

Beim Betreten des Synagogenwürfels erkennt man, dass der Außenbau eine Hülle ist für die eingestellte Holzarchitektur des eigentlichen Betraums. Eine Holzwand mit dem Toraschrein bildet den östlichen Abschluss, eine Emporenanlage steht gegenüber, dazwischen markiert die Bima das Zentrum des Bauwerks. Ein abgehängtes metallgewebtes Netz fasst den Synagogenraum wie ein Zelt zusammen – anspielend auf das Stiftszelt, das erste, wandernde jüdische Heiligtum. Die Ambivalenz zwischen monumentalem Äußeren und intimem Innenraum macht die Dresdner Synagoge zu einem der am meisten diskutierten Bauwerke der deutschen Architektur der letzten Jahre (Abb. 12).

Dieselben Architekten konnten 2006 in München das größte Bauprojekt einer jüdischen Gemeinde in der Bundesrepublik realisieren. Inmitten der Stadt entstand eine Baugruppe aus einem Gemeindezentrum, einem jüdischen Museum und einer Synagoge. Mit einem wuchtigen Bruchsteinsockel und einem daraus aufsteigenden Metall-Glas-Aufbau spielt die Synagoge mit Assoziationen des Stiftszelts, des Salomonischen Tempels und der Klagemauer.

Abb. 12: Dresden  Innenansicht, Foto: Knufinke
Abb. 12: Dresden Innenansicht, Foto: Knufinke

Die Dresdner und die Münchner Synagoge sind Beispiele einer Tendenz im aktuellen Synagogenbau, die jüdischen Gotteshäuser als solitäre Bauten im Stadtraum sichtbar zu machen und dem Judentum einen Platz in Stadt und Gesellschaft zu geben. Sie sind Bauten nicht nur für die jüdischen Gemeinden, sondern in ihrer Funktion als Erinnerungsmale an die jüdische Geschichte auch Bauten für die deutsche Gesellschaft.

Einige Gemeinden bevorzugen hingegen weniger monumentale Entwürfe, bei denen der Synagogenraum als ein Teil in das Ganze eines Gemeindezentrums integriert ist, so zum Beispiel in Gelsenkirchen (Christfreund und Mihsler, 2007). Andere interessante Lösungen wurden dort hervorgebracht, wo man bestehende Bauwerke zu jüdischen Zentren umgestaltet hat. Kontrovers diskutiert war zum Beispiel der Umbau einer aufgegebenen protestantischen Kirche zur neuen Synagoge in Bielefeld (Klaus Beck, 2008, Abb. 13).

Abb. 13: Bielefeld, Gemeindezentrum,  Foto: Knufinke
Abb. 13: Bielefeld, Gemeindezentrum, Foto: Knufinke

Die gegenwärtigen Neubauten jüdischer Gemeinden können als vielfältige und durch entwerferische Konsequenz qualitätvolle Beiträge zur Entwicklung der Architektur in Deutschland betrachtet werden. Genauso wie die provisorischen und oft versteckten Neuanfänge jüdischer Architektur nach 1945 und die bescheidenen Bauwerke der Fünfziger und Sechziger Jahre werden sie als sichtbare bauliche Zeugnisse des Stands der deutsch-jüdischen Nachkriegsgeschichte begriffen. Zugleich bereichern sie das Bild unserer Städte um Bauwerke, die auch in Zukunft Gegenstand der Diskussion sein werden – weit über ihre architektonische und architekturgeschichtliche Bedeutung hinaus.

Dr.-Ing. Ulrich Knufinke M.A. wurde 1970 in Wolfsburg geboren. Nach Studien der Germanistik und der Architektur an der Technischen Universität Braunschweig wurde er 2005 mit einer Arbeit über „Bauwerke jüdischer Friedhöfe in Deutschland“ promoviert (erschienen Petersberg 2007). Seit einigen Jahren ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa, einer deutsch-israelischen Forschungseinrichtung an der Technischen Universität Braunschweig und am Center for Jewish Art der Hebrew University of Jerusalem. Dort beschäftigte er sich mit verschiedenen Forschungsvorhaben zur Geschichte jüdischer Bauwerke. Seit 2006 bearbeitet Ulrich Knufinke ein Projekt zur Architekturgeschichte jüdischer Gemeindeeinrichtungen in Deutschland seit 1945, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird.