Rabbiner
Leo Baeck war einer der großen geistigen Persönlichkeiten des liberalen
deutschen Vorkriegsjudentums. Der Sohn von Rabbiner Dr. Samuel Baeck
und dessen Ehefrau Eva wurde 1873 in Leszno (Polen) geboren und wuchs
gemeinsam mit vier Schwestern auf. Im Alter von 18 Jahren ging Leo
Baeck - der bei dem streng-gläubigen Vater seine erste religiöse
Erziehung genossen hatte - ins benachbarte Breslau, um dort, am
konservativen
Jüdisch-Theologischen Seminar, seine Ausbildung als Rabbiner zu beginnen. 1897 setzte er seine Studien an der
Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in
Berlin fort und wurde hier schließlich selbst als Dozent berufen. Die
liberale Hochschule hatte den pädagogischen Anspruch, das Judentum in
seinen vielfältigen Erscheinungsformen zu erforschen und darzustellen.
Gleichzeitig wirkte Leo Baeck als Rabbiner in Oppeln, Düsseldorf und ab
1912 in Berlin. Außerdem war er im Ersten Weltkrieg Feldrabbiner an der
West- und Ostfront.
Zwischen 1919 und 1933 übernahm Baeck
zahlreiche repräsentative Aufgaben in der Jüdischen Gemeinde Berlins.
Darüber hinaus knüpfte er Kontakte zu politischen Repräsentanten der
Weimarer Republik und rief die christlich-jüdischen Gespräche ins
Leben, deren Ziel die interreligiöse und kulturelle Verständigung
zwischen Juden und Christen in Deutschland war. Als Vorsitzender des
Allgemeinen Deutschen Rabbinerverbands übernahm Baeck die
Vermittlerrolle zwischen dem orthodoxen und dem liberalen Flügel.
1933 wurde der inzwischen angesehene Gelehrte zum Präsidenten der
Reichsvertretung der deutschen Juden berufen und war während des
nationalsozialistischen Regimes geistiges Oberhaupt der deutschen
Juden. In dieser Funktion unternahm er zahlreiche Auslandsreisen, um
auf die Lage der Juden im Deutschen Reich aufmerksam zu machen. Trotz
mehrfacher Möglichkeit zur Emigration blieb Baeck bei seiner Gemeinde
und verhalf vielmehr anderen Juden, Deutschland zu verlassen. 1943
wurde er zusammen mit seiner Familie in das Konzentrationslager
Theresienstadt deportiert. Dort versuchte er unermüdlichen den Menschen
mit seinen Predigten und Vorträgen in ihrer hoffnungslosen Situation zu
helfen. Schwer misshandelt überlebte er schließlich und emigrierte 1945
nach London.
Leo Baeck wurde 1945 Präsident der Weltunion für
Progressives Judentum (World Union for Progressive Judaism) und bemühte
sich fortan um Versöhnung und den Dialog zwischen Juden und Christen.
Die Wiederaufnahme der Gespräche erschien ihm wichtiger als die
Bestrafung der Schuldigen des Völkermordes.
Neben seinen
repräsentativen Funktionen lehrt Baeck in
verschiedenen Universitäten in Europa und in den USA. 1955 wird er
erster Präsident des nach ihm benannten Leo Baeck Institut, das sich
der Aufgabe verschrieben hat, die Geschichte der Juden im
deutschsprachigen Raum ab der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur
Zerstörung durch die Nationalsozialisten zu erforschen.
Am 2. November 1956 starb Leo Baeck in London.
· Kurzbiographie von Leo Baeck: www.dhm.de/lemo/html/biografien/BaeckLeo
Dr. E. G. Lowenthal