14.05.2008

Rede Charlotte Knobloch

Grußwort von Frau Präsidentin Knobloch anlässlich des 60. Geburtstages des Staates Israel am 14. Mai 2008 in der Frankfurter Paulskirche

Es gilt das gesprochene Wort!

Anrede,

es ist mir Freude und Ehre zugleich, Sie im Namen des Zentralrats der Juden in Deutschland zum Festakt anlässlich des 60. Geburtstags des Staates Israel begrüßen zu dürfen. Ihnen allen gilt mein herzliches Willkommen!


Meine Damen und Herren,

ein unabhängiger Staat für das jüdische Volk – das war der Traum von Theodor Herzl.

Wir, die wir über die Jahrhunderte hinweg Not, Ausgrenzung und Diskriminierung erleiden mussten, sollten endlich heimkehren dürfen, in das „Land unserer Väter". Sollten endlich in Frieden und gleichgestellt mit den anderen Völkern der Erde leben können.

Und tatsächlich – am 14. Mai 1948 wurde dieser Traum Wirklichkeit: Israel – dauerhafte Heimat für Juden aus aller Welt und Lebensversicherung für die Juden der Diaspora – wurde geboren.

Freiheit, Unabhängigkeit und Gerechtigkeit waren endlich verwirklicht.

Mit Blick auf die gewaltigen Anstrengungen, die Entbehrungen und Tränen, die der Aufbau einer solchen Heimstatt gekostet hat, dürfen wir zu Recht stolz sein auf das Erreichte.

Schließlich ist Israel die Errungenschaft zupackender, hemdsärmliger Pioniere, die nicht länger willens waren, sich in die Rolle des Parias zu fügen. Sondern stattdessen für ihre Rechte gekämpft, gestritten und gearbeitet haben.

Rund 1800 Jahre nachdem der Zweite Tempel in Jerusalem zerstört wurde und damit das Leid des heimatlos gewordenen jüdischen Volkes in der Diaspora begann, haben die ersten Olim die Sehnsucht nach Zion in eine zu verwirklichende Möglichkeit umgewandelt und mit der eigenen Hände Arbeit umgesetzt.

Die Triumphe des Zionismus mögen uns heute wie ein Wunder erscheinen, aber sie sind das Ergebnis der entschlossenen Suche des jüdischen Volkes nach Gerechtigkeit.

Nicht zuletzt aus diesem Grund ist Israel auch für uns, die wir hier in der Diaspora leben, von ganz besonderer Bedeutung. Denn der jüdische Staat ist nicht nur ein Rettungshafen, für den Fall neuerlicher Ausgrenzungen und Diskriminierungen.

Nein. Dieses Land ist weit mehr als das: Es symbolisiert den Sieg jüdischer Ethik über den Rassenwahn der Nationalsozialisten.

Schließlich haben jene, die vor Hitlers Schergen nach Israel geflüchtet sind, Werte mitgebracht, die noch heute bestimmend sind für die politische Kultur und Identität dieses Landes: Demokratie, Pluralismus, Toleranz und Solidarität.

Die Nationalsozialisten mochten ihnen die Heimat, Familie, Freunde und ihre Rechte genommen haben – ihre Menschlichkeit aber, ihre Bereitschaft, miteinander und füreinander einen jüdischen Staat zu bauen, konnte ihnen nicht genommen werden.

Deshalb kann ich mir für die heutige Feierstunde auch keinen adäquateren Ort vorstellen als die Paulskirche. Wie Israel steht auch die Paulskirche paradigmatisch für die Ideale des Liberalismus und der Grundrechte.

Gewiss: Die Situation im Nahen Osten, die permanente Bedrohung durch Terroristen und Terrorstaaten sowie der Zwang zur Verteidigung machen es nicht immer einfach, an einer Kultur des Friedens festzuhalten.

Und dennoch: Bei all seinen Handlungen achtet der jüdische Staat das Völkerrecht, die Menschenrechte und verbürgt sich dafür, all seinen Bürgern – auch den nichtjüdischen – ohne Unterschied von Religion, Rasse oder Geschlecht, soziale und politische Gleichberechtigung zu gewährleisten.

Glaubens- und Gewissensfreiheit sind dort ebenso garantiert wie der Wille, in Frieden mit den Nachbarstaaten zu leben.

Leider wird diese Bereitschaft nicht von allen Staaten in der Region erwidert:

So setzt die Hisbollah als verlängerter Arm des iranischen und des syrischen Regimes alles daran, den Libanon zu kontrollieren, um von dort aus gegen Israel zu kämpfen.

Wir wissen, dass die Schiitenmiliz auch Kontakte zur palästinensischen Hamas unterhält und deren G'tteskrieger ausbildet.

Für Israel bedeutet dies eine wachsende Zwei-Fronten-Bedrohung, denn sowohl an der Nord – als auch an der Südgrenze des kleinen Landes haben sich kampfstarke Guerilla-Bataillone positioniert, die mit einer asymetrischen Kriegsführung Angst und Schrecken verbreiten.

Vor dem Hintergrund der nuklearen Ambitionen des Teheraner Despoten gewinnt dieses Szenario eine besonders beunruhigende Dimension.

Wir wollen deshalb hoffen, dass auch die Staatengemeinschaft dies endlich erkennt und Verantwortungsbewusstsein nicht länger gegen Wirtschaftsinteressen tauscht. Denn Nuklearwaffen in den Händen irrationaler, religiöser Eiferer, die danach gieren, den jüdischen Staat von der Landkarte zu radieren, sind eine unkalkulierbare, eine immense Gefahr. Nicht nur für Israel, sondern für die gesamte freiheitliche Welt.

Meine Damen und Herren,

gerade mit Blick auf diese Bedrohungssituation ist es wichtig für Israel, verlässliche Freunde zu haben.

Freunde, die bereit sind, für den jüdischen Staat einzutreten.

Freunde, die Aufklärungsarbeit leisten, über Israel informieren und den Menschen hierzulande die Möglichkeit geben, den jüdischen Staat kennenzulernen – auch jenseits der zuweilen einseitigen und tendenziösen Medienberichterstattung, die das Elend in Gaza als Folge der israelischen Politik beschreibt, statt deutlich zu machen, dass die korrupten Eliten der Hamas sämtliche Gelder der EU in Waffen investieren oder sich persönlich daran bereichern.

Freunde wie die Deutsch-Israelische-Gesellschaft sowie die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Lassen Sie mich deshalb die Gelegenheit nutzen, den engagierten Mitgliedern dieser beiden Institutionen von Herzen für Ihre Arbeit zu danken. Sie alle leisten einen entscheidenden Beitrag zur Herstellung eines differenzierten Israelbildes, indem Sie offen kritisieren, wo Kritik angebracht ist, indem Sie aber auch für Israel Position beziehen, wo dies erfordert wird. Unzweideutig und solidarisch.

Ferner richte ich meinen Dank an den Präsidenten des Deutschen Bundestags, Herrn Dr. Norbert Lammert, der mit seiner heutigen Anwesenheit zeigt, dass Deutschland fest auf Seiten des jüdischen Staates steht und sich seiner besonderen Verantwortung, die aus der Geschichte resultiert, bewusst ist.

Und ich danke der Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt, Frau Dr. Petra Roth für ihre Präsenz heute Abend. Auch dies ist ein Zeichen der Sympathie für Israel, eine Geste der Freundschaft.

Meine Damen und Herren,

Freundschaft hat uns alle heute in die Paulskirche kommen lassen.

Freundschaft und tiefe Verbundenheit mit Israel, um gemeinsam 60 Jahre gelebte Demokratie und jüdische Selbstbehauptung zu feiern.

Die Geschichte hat dem jüdischen Staat einen schweren Kampf auferlegt.

Doch – und ich zitiere Albert Einstein – „solange wir ergebene Diener der Wahrheit, Gerechtigkeit und Freiheit bleiben, werden wir nicht nur fortbestehen als ältestes der lebenden Völker, sondern in produktiver Arbeit Werte schaffen, die zur Veredelung der Menschheit beitragen."

Wir wollen deshalb hoffen, dass auf 60 Jahre Unabhängigkeit endlich auch eine Ära des Friedens folgt. Denn genau das ist es, was sich die Menschen im Nahen Osten so sehnlich wünschen.

In diesem Sinne gratuliere ich Israel – heute repräsentiert durch Seine Exzellenz, Herrn Yoram Ben Zeev, von Herzen zu seinem 60. Jubiläum.

Möge Erez Israel auch weiterhin fortbestehen als erfolgreiche, friedliebende und wehrhafte Demokratie im Nahen Osten.

Am Israel Chai!