11.09.2006

Geschichte der Ordinierung

Rabbinerausbildung in Deutschland 1836-1942

Die Approbation („Smicha") eines Lehrers und Richters mit der Verleihung des Titels „Rabbi" erfolgte in der jüdischen Tradition ursprünglich durch Handauflegen: dadurch sollte der Schüler zum Teil einer von der Offenbarung am Sinai ununterbrochenen Traditionskette werden. Eine Rabbinerordinierung im heutigen Sinne gibt es erst seit der Institutionalisierung der Rabbinerausbildung Mitte des 19. Jahrhunderts, die im wesentlichen auf den Appell Abraham Geigers (1810-1874) zurückgeht, eine jüdisch-theologische Fakultät als „dringendes Bedürfnis unserer Zeit" einzurichten (1836). „Es hat sich Alles mehr nach den einzelnen Individualitäten, nach den Umständen gebildet" beschrieb Geiger die damalige Situation. Tatsächlich lebte das vormoderne jüdische Bildungskonzept, wonach das Rabbinat keine Berufskarriere sein sollte, bis zu Geigers Zeit fort.

Seine Forderung nach einer verbindlich organisierten Verbindung von rabbinischen und akademischen Studien anstelle individueller und oft autodidaktischer Bildungswege bedeutete ein Umdenken. Das talmudische Studium stand traditionsgemäß entweder ganz im Dienste der religiösen Praxis (lo ha-talmud ha-iqar, ella ha-ma'asseh, „nicht die Theorie, sondern die Praxis ist das Wesentliche") oder war Selbstzweck (torah lishemah), und wer einmal zum Rabbiner ordiniert war, durfte im Sinne einer Traditionskette selbst Rabbiner ausbilden und diplomieren.

Geiger selbst hatte sein Doktordiplom an der Universität Marburg erworben und sein Rabbinerzeugnis vom dortigen Rabbiner Moses Salomon Gosen erhalten.

Zu einer Zeit, als die zyklisch reproduzierbaren Curricula der Talmudschüler an der herkömmlichen Jeschiwot nicht mehr genügten und bevor die Seminare in Breslau und Berlin neue anboten, lernten die jungen Rabbiner voneinander die verschiedenen Lösungen ihres Bildungsproblems: Privatlektüre, Lateinstunden beim Ortspfarrer, Wanderungen zwischen jüdischen und akademischen Metropolen, Gründung von Studienkreisen zur gemeinsamen Talmudlektüre oder Schillerdeklamation, die neue Gewichtung alter rabbinischer Lehren und Philosophien, die bald zögernden, bald plötzlichen Konversionen von einem kulturellen oder ideologischen Standpunkt zum anderen. [1] Es fehlte an einer Koordination der Bildungsgänge und Denkweisen von Jeschiwa und Universität: "Wenn doch einst ein jüdisches Seminar an einer Universität errichtet würde, wo Exegese, Homiletik und für jetzt noch Talmud und jüdische Geschichte in echt religiösem Geiste vorgetragen würde; es wäre die fruchtbarste und belehrendste Anstalt!", forderte Geiger um 1830. [2]

Das Jüdisch-Theologische Seminar in Breslau und die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin

Mit der Eröffnung des Breslauer Seminars am 10. August 1854 mit zehn Studenten wurde Abraham Geigers Appell nur teilweise umgesetzt. Sie war zwar ein entscheidender Schritt von der geringen organisatorischen Fixierung der Rabbinerausbildung hin zu ihrer institutionalisierten Form, gestattete Freiheit der Forschung nur bei strenger Wahrung der überlieferten Gebräuche des traditionellen Judentums („auf dem Boden des positiven historischen Judentums"). Eine historisch-kritische Lesart der Fünf Bücher Moses war beispielsweise nicht möglich. Bis zur Zerschlagung des Lehrbetriebs durch die Nationalsozialisten am 21. Februar 1939 gelang es, über 700 Studenten in Breslau auszubilden und 249 Rabbiner in diesem konservativen Kontext zu ordinieren.

Erst die am 8. Mai 1872 eröffnete Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin entsprach Geigers Idealen von einer „Pflanzstätte jüdischen Geistes", die dem „reinen Streben nach wahrer Erkenntnis" gewidmet war, auch wenn sie als private Einrichtung unabhängig von der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität arbeiten musste. Gewissermaßen als traditionell-gesetzestreue Antwort auf die Hochschule eröffnete Rabbiner Esriel Hildesheimer im Oktober 1873 in Berlin das „Rabbinerseminar für das orthodoxe Judentum", das bis 1938 bestand; in seinem Programm verband sich die Einsicht in die Unumkehrbarkeit des Emanzipationsprozesses mit dem Bestreben, den Absolventen die Werte des halachisch geprägten traditionellen Judentums zu vermitteln.

Die liberale Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums schrieb Erfolgsgeschichte: Israels Staatspräsident Salman Shazar bezeichnete die Wissenschaft des Judentums als „die bedeutendste Gabe, die das deutsche Judentum dem Gesamtjudentum schenkte".

Die Zahl der Studierenden hielt sich zunächst in Grenzen. Begonnen hatte man 1872 mit zehn Studenten. 1913 waren es bereits 63. Im Jahr 1920 war die Zahl auf 58 zurückgegangen, aber 1921 wieder auf 63 angestiegen (zuzüglich 45 Gasthörer) und 1929 auf 106. Mit einer Gesamtzahl von 155 - darunter 27 Frauen - im Jahre 1932 war der Höhepunkt erreicht. Selbst 1936 betrug die Gesamtzahl der Hörer noch 107 und im Sommer 1937 noch 141 (38 bzw. 83 außerordentliche Hörer mit eingerechnet). Der Zuwachs bis zum Jahre 1932 erklärt sich einmal daraus, dass bis dahin die Aussichten auf die Erlangung eines Rabbineramtes relativ günstig waren. Zum andern ermöglichte das Statut der Hochschule auch die Zulassung solcher Studierender, "die eine vertiefte jüdische Bildung in einzelnen Gebieten suchten, ohne sich ganz diesen Studien widmen zu können". Bis zu den Deportationen Ende 1941 hielt sich die Zahl von etwa einem Dutzend ordentlicher Hörer; die der Gasthörer war um ein Vielfaches höher.

Ingesamt sind mit 730 ordentlichen Studenten zwei bis drei Rabbinergenerationen durch diese Schule gegangen. Die Studienfächer, die die Studenten der Hochschule zur Promotion parallel an der Berliner Universität belegten, waren hauptsächlich Philosophie, Geschichte oder semitische Sprachen. „Voraussetzung für die Zulassung zur Abschlussprüfung war die Absolvierung des ganzen Studiums an der Hochschule, mindestens aber drei Semester, und der Nachweis einer wissenschaftlichen Vorbildung wie das Abitur. Das Kuratorium entschied über die Zulassung zur Prüfung. Es musste jeweils eine wissenschaftliche und eine talmudische Arbeit angefertigt werden. […] Hinzu kamen in verschiedenen Fächern schriftliche Prüfungen. Es konnten aus den vier Fächern Bibel/Hebräisch, jüdische Geschichte und Literatur, Religionsphilosophie/Ethik und Talmud zwei Prüfungsfächer gewählt werden. Rabbinatsstudenten waren gehalten, das Fach Talmud zu wählen. […] Zum Abschluss erhielten die Absolventen ein deutsch verfasstes Diplom, das sie als Wissenschaftler oder Lehrer oder Prediger auswies. Es wurde vom gesamten Lehrerkollegium unterzeichnet. Legte der Student das Rabbinatsexamen ab, erhielt er eine hebräisch verfasste Lehrbefugnis und Ordination (Hatarat Hora'ah und Smicha). Der Professor für Talmud unterzeichnete diese in der Regel [3] .

Die letzte Rabbinerordination dürfte 1940 in Berlin erfolgt sein. Rabbiner Dr. Leo Baeck (1873-1956) unterrichtet bis zur gewaltsamen Schließung der Lehranstalt 1942 noch eine Handvoll von Schülern, darunter Ernst Ludwig Ehrlich. Prof. Dr. Ehrlich (Riehen bei Basel) ist heute ein Ehrensenator des Abraham Geiger Kollegs.

Rabbinerverbände

Der 1896 gegründete Allgemeine Rabbiner-Verband in Deutschland, der sich als Berufsverband von Gemeinderabbinern aller Richtungen verstand, hatte um 1930 unter dem Vorsitz von Rabbiner Dr. Leo Baeck ungefähr 180 Mitglieder. Daneben bestanden zur internen Erörterung religiöser Fragen Rabbinervereinigungen der verschiedenen religiösen Ausrichtungen: die Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands, die Vereinigung der traditionell gesetzestreuen Rabbiner Deutschlands und der Verband der orthodoxen Rabbiner in Deutschland. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin beschäftigte 1931 neben 16 Gemeinderabbinern auch drei Prediger. Einer der führenden Köpfe des Allgemeinen Rabbiner-Verbandes war Rabbiner Benno Jacob (1862-1945), der Großvater des Präsidenten des Abraham Geiger Kollegs, Rabbiner Dr. Walter Jacob.

Die Absolventen des Abraham Geiger Kollegs werden mit ihrer Ordination Mitglieder des heute bedeutendsten liberalen Rabbinerverbandes, der Central Conference of American Rabbis (CCAR), mit etwa 2000 Mitgliedern weltweit.


[1] Vgl.e Biographisches Handbuch der Rabbiner. Teil 1. Die Rabbiner der Emanzipationszeit in den deutschen, böhmischen und grosspolnischen Ländern 1781-1871, bearbeitet von Carsten Wilke, K.G. Saur Verlag, München 2004

[2] Hartmut Bomhoff: Abraham Geiger. Durch Wissen zum Glauben, Verlag Hentrich & Hentrich, Teetz 2006

[3] Irene Kaufmann: Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums (1872-1942), Verlag Hentrich & Hentrich, Teetz 2006