6. Jahrgang Nr. 5 / 31. Mai 2006 - 4. Siwan 5766

Glückwunsch, Sigmund Freud!

Das Jüdische Museum Berlin feiert den berühmten Psychoanalytiker zu seinem 150. Geburtstag

Michael Wuliger

So farbig war die Psychoanalyse selten. Knallbunte Neonschilder mit Grundkategorien der Freudschen Lehre springen den Zuschauer, der die Ausstellung PSYCHOanalyse im Jüdischen Museum Berlin betritt, förmlich an. »Hysterie«, »Ödipuskomplex«, »Über-Ich« und 31 andere Begriffe bilden ein leuchtendes Labyrinth, wie man es sonst aus Einkaufsstraßen in der Vorweihnachtszeit kennt.

Vor lauter bunten Schildern übersieht man fast die erste Station der Ausstellung: eine dreistöckige, vier Meter große Torte zu Freuds 150. Geburtstag am 6. Mai. Nicht aus Pappmaché, sondern aus echtem Zuckerguss, hergestellt von einem Berliner Konditormeister. Darauf legen die Museumsleute wert. Der champagnerfarbene Kuchen ist in 24 Segmente aufgeteilt, von denen jedes einen Lebensabschnitt des Begründers der Psychoanalyse repräsentiert: Angefangen bei der Geburt als Sohn einer assimilierten jüdischen Bürgerfamilie, über das Urerlebnis, als der kleine Sigmund seine Mama erstmals nackt sah, das Medizinstudium, erste Konfrontationen mit dem Antisemitismus, die Anfänge der Psychoanalyse und den Weltruhm, bis zur Emigration und den Tod in London 1938. Freud und seine Zeitgenossen sind auf der Torte durch kleine Puppen der Berliner Künstlerin Diana Dart dargestellt, die halb nach Sesamstraße, halb nach South Park aussehen. Scheinwerfer beleuchten im Wechsel die einzelnen Tortensegmente, dazu ertönen aus Lautsprechern kleine Hörstücke, die das dazugehörige Kapitel aus Sigmund Freuds Vita erklären.

Mehr wird vom Geburtstagskind nicht gezeigt. Keine Fotos, keine Originalexponate. Nicht die berühmte Couch aus der Praxis in der Wiener Berggasse, keine Erstausgaben seiner Bücher, auch nicht Freuds geliebte Zigarren, auf die er nicht einmal verzichten wollte, als er an Mundhöhlenkrebs erkrankt war. Die Ausstellung verzichtet bewusst auf klassische Museumsstücke, sagt Daniel Tyradellis, der die Schau als wissenschaftlicher Leiter konzipiert hat.

Was Psychoanalyse ist, wie sie funktioniert und was ihr Begründer sich gedacht hat, erfährt der Besucher bei den bunten Neonschildern: Auf ihren Vorderseiten leuchten Wörter, die mancher schon einmal gehört und gelegentlich vielleicht auch benutzt hat -Kastrationskomplex, Trieb, Abwehr - , auf der Rückseite Definitionen, teils in Freuds eigenen Worten. Sechs weitere Neonschilder tragen Namen wie »Anna O.«, »Der kleine Hans« oder »Rattenmann« – berühmte Fälle Freuds, aus denen er seine psychoanalytische Theorie entwickelte. Ihre Obsessionen und Assoziationen sind durch Mobiles oder Figuren repräsentiert. Die Methode, mit der Freud verdrängte Erinnerungen aus dem Unterbewusstsein hervorholte, heißt »freie Assoziation«. Der Patient lässt seinen Gefühlen und Gedanken, so wirr sie auch sein mögen, unzensiert freien Lauf. Nach und nach schält sich so langsam ein Muster heraus, das der Analytiker gemeinsam mit dem Patienten deutet und entwirrt.

Bei diesem Verfahren liegt der Patient auf einer Couch. Um dieses Möbel dreht sich der dritte Teil der Ausstellung. 150 Berliner Psychoanalytiker haben ihre Behandlungscouchs fotografiert. Die Bilder sind mit den jeweiligen Praxisadressen betitelt.

Komplettiert wird die Ausstellung durch eine 15minütige Collage mit Psychoanalyse-Szenen aus rund 100 Spielfilmen.

Kein Thema der Schau ist Freuds Auseinadersetzung mit seinem Judentum. Was ebenfalls fehlt, ist die kritische Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse als Theorie und als Therapie, die erbittert ausgetragenen Richtungskämpfe innerhalb der psychoanalytischen Gemeinde sowie die moderne wissenschaftliche Kritik an Freud.

„PSYCHOanalyse" bis 27. August im Jüdischen Museum Berlin, Lindenstraße 9-14, 10969 Berlin, tägl. 10 bis 20 und Montag bis 22 Uhr.

Aus Jüdische Allgemeine 14, 6. April 2006