6. Jahrgang Nr. 5 / 31. Mai 2006 - 4. Siwan 5766

„Integration ist gut gelungen“

Zentralrat lud zur Fachtagung „15 Jahre Zuwanderung“ nach Köln ein

Annette Kanis

Das sorgte für Wirbel. Paulette Weber, die Leiterin des Sozialreferats der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt) sagte in der Podiumsdiskussion, dass sich Probleme zwischen alteingessenen Gemeindemitgliedern und Zuwanderern nicht daraus ergäben, dass man in religiösen Fragen unterschiedlicher Auffassung sei, sondern die Probleme entstünden vielmehr aus der unterschiedlichen Wahrnehmung der jüdischen Identität heraus.

Vehement entgegnete ihr daraufhin Alla Volodarska, Sozialberaterin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover, die selbst vor 15 Jahren nach Deutschland zuwanderte: "Wir verstehen uns nicht als Russen, ihr Alteingesessenen habt uns dazu gemacht". Viele alteingesessene Juden sähen die Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion als Gefahr und nicht als Bereicherung an. Dagegen wiederum wehrte sich massiv der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Osnabrück, Michael Grünberg. Er bezeichnete den Vorwurf als "große Unverschämtheit".

Die abschließende Diskussion im Rahmen der Fachtagung "15 Jahre jüdische Zuwanderung – Analysen und Perspektiven" war ohne Frage überaus lebendig und emotional. Der Zentralrat der Juden in Deutschland hatte Mitte Mai zu Vorträgen rund um das Thema Zuwanderung in die Synagogen-Gemeinde Köln eingeladen. Gekommen waren etwa vierzig Teilnehmer – Vertreter aus Gemeinden und Landesverbänden, Ministerien und anderen nichtjüdischen Institutionen, Mitarbeiter der Zentralwohlfahrtsstelle und des Zentralrats.

Zu Beginn der Veranstaltung blicke Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden, zurück auf die Entwicklung der Zuwanderung: Rund 200.000 Zuwanderer mit jüdischem Hintergrund seien in den vergangenen fünfzehn Jahren nach Deutschland immigriert. Etwa 80.000 wurden Mitglieder der jüdischen Gemeinden. Er sprach in diesem Zusammenhang das Problem der Überalterung der Gemeinden an. 65 Prozent der Mitglieder seien heute älter als sechzig Jahre. "Es ist eine große Herausforderung, zukünftig an die jüngeren Gemeindemitglieder heran zu kommen, ohne die älteren zu vernachlässigen." Generell stünden die Gemeinden weiterhin vor strukturellen und personellen Problemen. "Gemessen an dem ziemlich wackeligen Auto, mit dem wir durch die Gegend fahren, ist die Integration gut gelungen " , stellte der Generalsekretär fest.

Was in der Podiumsdiskussion zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Teilnehmern führte, spiegeln auch die ersten Ergebnisse einer Studie wieder, die der Zentralrat in Auftrag gegeben hatte und die eine Bestandsaufnahme über den Prozess der Eingliederung jüdischer Zuwanderer in die jüdischen Gemeinden versucht. Die Migrationsforscher Doron Kiesel und Karen Körber von der Fachhochschule Erfurt stellten einige Problemfelder aus der Studie vor. Von den Zuwanderern wird die streng halachische Voraussetzung, dass nur wer von einer jüdischen Mutter abstammt in einer jüdischen Gemeinde aufgenommen werden darf, als ungerecht empfunden. In ihrer alten Heimat seien die Zuwanderer stets als Juden wahrgenommen worden, hier sei das Judentum jedoch an religiöse Identität gebunden. Die Gemeinden erwarteten von den Zuwanderern, dass sie sich mit ihrer jüdischen Identität auseinandersetzen, so Körber. Bei der Mehrheit der Neumitglieder sei dies jedoch kein entscheidendes Motiv der Zuwanderung gewesen.

Die alteingesessenen Gemeindemitglieder hatten vermutet, die Zuwanderer seien vor Antisemitismus geflüchtet, doch diese Annahme habe sich nicht pauschal bestätigt. Viele Zuwanderer glaubten, dass Deutschland sie eingeladen habe und wollten nicht wie arme Flüchtlinge behandelt werden. "Ihr Selbstverständnis ist kein defizitäres, sie haben ein selbstbewusstes und pragmatisches Verhältnis zum Aufnahmeland", fasste Karen Körber die Erwartungen vieler Zuwanderer zusammen.

Entscheidend sei auch die unterschiedliche Perspektive von alteingesessenen und zugewanderten Gemeindemitgliedern auf ihre Vergangenheit. So haben Gedenktage bei den beiden Gruppen verschiedene Bedeutungen. Für alteingesessene Juden hätten immer die Holocaust-Gedenktage im Vordergrund gestanden. Inzwischen werde in vielen Gemeinden auch der 9. Mai gefeiert: Für die Zuwanderer sei das Gedenken an das " Ende des Großen Vaterländischen Krieges " der zentrale Feiertag im Jahr. Ausdruck finde hier ein unterschiedliches Selbstverständnis als Opfer beziehungsweise als Sieger, das in den Gemeinden zu weiteren Konflikten führe.

Über die Neuregelung der Zuwanderung, die ab 1. Juli in Kraft tritt, wurde ebenfalls diskutiert. Hierüber informiert die Zukunft in der kommenden Ausgabe.