6. Jahrgang Nr. 5 / 31. Mai 2006 - 4. Siwan 5766

Demokrat und Menschenfreund

Erinnerung an Präsident Dr. h.c. Paul Spiegel sel.A., der am 30. April nach schwerer Krankheit gestorben ist

Zukunft 6. Jahrgang Nr. 5
Zukunft 6. Jahrgang Nr. 5

„Möglichst viel von der Lebenswelt eines Mitmenschen zu wissen, ist das wirksamste Mittel gegen Vorurteile. So banal diese Einsicht sein mag, so wenig ist sie tatsächlich Allgemeingut. Mir liegt deshalb nicht erst seit meinem Amtsantritt als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland sehr daran, das Kennenlernen zwischen Nichtjuden und Juden zu fördern." Dieses Zitat von Paul Spiegel aus einer noch im Januar dieses Jahres in Düsseldorf gehaltenen Rede liest sich nach seinem unerwarteten, für viele Menschen in Deutschland erschütternden Tod wie ein Teil seines Vermächtnisses. Den Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Religion zu unterstützen, Mittler und Brückenbauer zwischen Juden und Nichtjuden zu sein und geduldig auf jede noch so vorurteilsbeladene Frage zum Thema Judentum zu reagieren – all das waren unvergessliche Gaben von Paul Spiegel. Gaben, die hoffentlich über den Tag hinaus beispielgebend sein werden, um das Miteinander von Juden und Nichtjuden weiter zu entspannen.

Die Aufgeschlossenheit und Wachsamkeit gegenüber seinen Mitmenschen war eine Charaktereigenschaft von Paul Spiegel, die ihm nach eigener Aussage schon in jungen Jahren half, die traumatische Zeit der nationalsozialistischen Judenverfolgung zu überstehen. Mehrere Jahre lebte er als Kind getrennt von den Eltern - alleine, versteckt in Belgien. Nach Kriegsende kehrte die Familie nach Deutschland, in das heimatliche Warendorf in Westfalen, zurück. Die Selbstverständlichkeit, mit der sein Vater, Hugo Spiegel, trotz qualvoller Jahre in mehreren Konzentrationslagern in seiner Heimatstadt einen Neuanfang wagte, war für den heranwachsenden Sohn lange unverständlich. Auf Dauer half ihm die Unbeirrbarkeit des seit Generationen in Westfalen verwurzelten Vaters, selbst wieder in Deutschland Fuß zu fassen und sich heimisch zu fühlen. Seine ältere Schwester Rosa, von Nazi-Schergen in Brüssel auf offener Straße entführt, blieb vermisst. Erst vor wenigen Jahren erhielt der Bruder die Gewissheit, dass die damals elfjährige Rosa Spiegel in Auschwitz ermordet wurde. Eine grausame Wahrheit, die ihn bis zuletzt schmerzte.

Hugo Spiegel, seine Frau Ruth und Sohn Paul waren Überlebende des Holocaust, hatten aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit wie Millionen andere Juden Furchtbares durchlitten und zählten doch von Anbeginn an zu der kleinen Gruppe von „Aufbauhelfern" jüdischen Lebens im Land ihrer einstigen Peiniger. Geprägt von der bodenständigen, menschenfreundlichen Art seines Vaters, der ohne Verbitterung den Wiederaufbau seiner Existenz und, als gläubiger Jude, eines Gemeindelebens verfolgte, engagierte sich auch Paul Spiegel schon als junger Mann in der jüdischen Gemeinde. Seine Bar Mizwa war die erste in Nordrhein-Westfalen, später waren seine Frau Gisèle und er eines der wenigen jüdischen Paare ihrer Generation in Deutschland mit Kindern.

Die den Menschen und dem Leben zugewandte Art bestimmte auch Spiegels berufliche Laufbahn. Er arbeitete als Journalist, unter anderem für die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung , die heutige Jüdische Allgemeine , repräsentierte als Sprecher den rheinischen Sparkassen- und Giroverband und fand einige Jahre später als erfolgreicher, selbständiger Künstleragent seine berufliche Erfüllung.

Nach dem Tod von Ignatz Bubis sel. A. ließ er sich im Januar 2000 in die Pflicht nehmen und wurde der fünfte Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er bewahrte sich seine Offenheit, sah sich jedoch schon bald gezwungen, eindeutig Stellung zu beziehen. Scharf prangerte Spiegel den immer wieder in Gesellschaft und Politik aufkeimenden Antisemitismus an, formulierte die Ängste der jüdischen Gemeinschaft und trat angesichts wachsender Spannungen im Nahen Osten und verbreitetem Antizionismus mit uneingeschränkter Solidarität für das Existenzrecht Israels ein. Der Staatsvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den jüdischen Gemeinden; das dank der Zuwanderung stete, wenn auch problembehaftete Anwachsen der jüdischen Gemeinschaft; das Aufblühen der Jüdischen Hochschule in Heidelberg und damit jüdischer Gelehrsamkeit in Deutschland oder auch die Einigung mit den liberalen Gemeinden – all das waren für Paul Spiegel Lichtblicke in den sechs Jahren seiner Amtszeit, die Hoffnung machten. Diese Ermutigungen halfen ihm – wenn auch nur zeitweise - über seine Bestürzung und Ratlosigkeit angesichts geschändeter jüdischer Friedhöfe, Brandanschläge auf jüdische Einrichtungen und antisemitisch motivierter Gewalttaten hinweg. Entsprechend eindringlich waren anlässlich des 60. Jahrestages des Kriegsendes und der Befreiung der Konzentrations- und Todeslager im vergangenen Jahr seine Appelle an die nachwachsende Generation, die Erinnerung an das Unfassbare weiter zu tragen.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland trauert um Paul Spiegel als einen glaubwürdigen Mahner im Kampf gegen den Antisemitismus, um einen gläubigen Juden, der dazu beitrug, den Reichtum seiner Religion zu vermitteln und nicht zuletzt um einen aufrichtigen, schmerzlich vermissten Freund, Kollegen und Chef, der mit seiner Freundlichkeit und Zugewandtheit Barrieren überwinden half und Zuversicht verbreitete .

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