Rede von Vize-Präsident des Zentralrats der Juden, Prof. Dr. Salomon Korn

Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,/und viel zu grauenvoll, als dass man klage: / dass alles gleitet und vorüberrinnt." Langsam löst sich die Lähmung, allmählich weicht die Erstarrung. Um so unerbittlicher muss das sich immer noch sträubende Bewusstsein die Endgültigkeit des Todes - des Todes von Paul Spiegel sel.A. (seligen Andenkens) hinnehmen.
Noch unter Trauer überblicken wir ein Leben, das für jene vielen steht, die aus ihrer deutschen Heimat vertrieben wurden, und für jene wenigen, die als Überlebende in das Land ihrer Geburt zurückgekehrt sind. Sie alle haben dafür einen Preis bezahlt - auch Paul Spiegel sel.A. Er verlor seine Heimat in einem Alter, in dem das heranwachsende Kind den Begriff Heimat noch nicht kennt oder gar rational erfassen kann, wohl aber dessen gefühlsmäßigen Anteil, den Erwachsene "Urvertrauen" nennen. Dieses Urvertrauen war beschädigt - und blieb es: eine niemals ganz verheilte Wunde, die sich hinter einem scheinbar normalen Verhalten verbarg. Und hier steht Paul Spiegel für jene deutschen Juden, deren Rückkehr in ihr Geburtsland nicht wirklich Rückkehr in die Heimat ihrer Kindheit bedeutete, selbst wenn nach außen hin die Zeit diese Wunde geheilt zu haben schien.

Solche Sicht war und blieb verständliches Wunschdenken vieler Nichtjuden, die so etwas wie deutsch-jüdische "Normalität" herbeisehnen, ja, sie zu Lebzeiten verwirklicht sehen wollen. Die Wirklichkeit anerkennen heißt aber, zu erkennen: Deutsch-jüdische "Normalität" läßt sich weder herbeireden noch herbeizwingen. Sie muss im Alltag gelebt werden, mit Geduld und wechselseitigem Verständnis, und sie wird sich erst dann eingestellt haben, wenn niemand mehr über sie spricht. Die Tatsache, dass Paul Spiegel sie in seiner privilegierten Position für sich und sein Umfeld partiell verwirklichen konnte, verleitete ihn nie zu dem Fehlschluß, dies sei auch schon gesellschaftliche Realität. Vielleicht hat Ignatz Bubis sel.A. am Ende seiner Tage mit der Bemerkung, er habe fast nichts erreicht, dieses Mißverhältnis erkannt. So weit wollte Paul Spiegel nicht gehen, als er vor einigen Jahren erklärte, Ignatz Bubis' Aussage nun besser verstehen zu können.

Auch wenn er es schließlich nicht verhindern konnte: Paul Spiegel wollte keine moralische Instanz sein, wie Ignatz Bubis sie verkörperte. Er war sich der für einen jüdischen Repräsentanten in einer solch herausragenden Rolle liegenden Ambivalenz wohlbewußt. Diese unterstreicht nicht nur eine bereits vorhandene Sonderstellung, sie gestattet es auch nichtjüdischen Deutschen zum Preis partieller Selbstentmündigung in heiklen moralischen Fragen, Entscheidungen an den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland zu delegieren. Und wenn Paul Spiegel sich gelegentlich zu solchen Fragen äußerte, dann nicht vorrangig als jüdischer Repräsentant, sondern vor allem als demokratisch denkender und handelnder Bürger - aus Sorge um ein Land, das ihm am Herzen lag.

Paul Spiegel wusste es aus Erfahrung: Heimat ist mehr als ein geographischer Bezugspunkt. Sie liegt dort, wo wir akzeptiert, respektiert und geachtet werden, unabhängig von Herkunft, Religion, Eigenart. Und doch war die Landschaft seiner frühen Kindheit, die jahrhundertlange Verbundenheit seiner Familie mit Warendorf, mit Westfalen, mit Deutschland Teil seines ihm in späteren Jahren erneut zugewachsenen Heimatgefühls. Und darin ist vermutlich auch der Grund zu finden, warum Paul Spiegel in seinem Wirken für die jüdische Gemeinschaft im Unterschied zu Ignatz Bubis eher "Regionalist" als "Internationalist" war. Er liebte Düsseldorf, das Rheinland, den Schwarzwald, die deutschen Landschaften und suchte sie auf, sooft er konnte - am liebsten in Gesellschaft von Freunden.

Wer weiß es schon? Vielleicht haben die frühen Jahre in der Emigration, im Versteck, in der Einsamkeit einen nie zu stillenden Hunger nach Leben, nach Gesellschaft, nach Freunden hinterlassen? Die Erfahrung lehrt: Es gibt Überlebende des nationalsozialistischen Menschheitsverbrechens, die an ihren Erlebnissen zerbrochen sind; der Hölle entronnen, konnten sie in dieser Welt nie wieder ganz heimisch werden. Warum ein Teil der Überlebenden unter der Last der Vergangenheit seelisch gelähmt durchs Leben geht, ein anderer Teil, nicht minder gezeichnet, dennoch eine davon gänzlich abweichende Einstellung zeigt, wird wohl nie abschließend zu beantworten sein. Was immer auch die Gründe sein mögen: Paul Spiegel zählt zu jenen, deren Lebenswille nach dem Inferno ungebrochen war. Neuanfang und Wiederaufbau nach jeder Zerstörung als Vermächtnis der Geschichte des eigenen Volkes bestimmten sein Leben, und darin bezog er die Gemeinschaft, der er zugehörte, in tätiger Solidarität mit ein.

Nachdem Paul Spiegel, der mir zum Freund wurde, nicht mehr unter uns ist, wird mir, der ich noch während des Krieges geboren wurde, zunehmend schmerzlicher bewusst: Es hat nie viele unserer Generation gegeben, wir hatten kaum gleichaltrige jüdische Freunde. Doch nicht genug damit: Die meisten sind viel zu früh gestorben, haben das siebzigste Lebensjahr nicht erreicht. Sind es früh erfahrene Traumata der ungeschützten kindlichen Seele, die jüdischen "Kriegskindern" ein normales Leben - nach Intensität und Dauer - verwehren? Wer weiß es schon?

Aber spricht Paul Spiegels glänzende öffentliche Außenwirkung in Politik und Gesellschaft nicht dagegen? Schon sein weithin gepriesener Humor scheint solche Thesen zu widerlegen. Ist dem wirklich so? Nach meinen Beobachtungen überdeckte dieser Humor eine existentielle Melancholie der Davongekommenen. Hinter seinem Witz, vor allem dem jüdischen, verbarg sich eben auch der Wunsch, für einen Augenblick aus den untergründigen Nachwirkungen der Vergangenheit herauszutreten und damit bei seinem nichtjüdischen Gesprächspartner möglicherweise vorhandene Befangenheiten aufzulösen. Es sollte die befreiende Botschaft sein: "Sieh, ich kann mich über mich und meinesgleichen lustig machen, und du kannst dich mir, einem Juden, gegenüber deshalb ebenso unverkrampft geben wie gegenüber jedem anderen Menschen." Es war der Versuch, auf persönlicher Ebene herzustellen, was auf gesellschaftlich-politischer noch der Verwirklichung harrt: deutsch-jüdische "Normalität". Paul Spiegels Humor hat Inseln der Normalität im privaten Umgang mit nichtjüdischen Freunden aus Politik, Wirtschaft und Kultur geschaffen, damit aber gleichzeitig auch jene Abstände und Leerflächen erahnen lassen, die immer noch zwischen diesen fragilen Inseln liegen.

Und entsprang nicht auch das bei Paul Spiegel zu beobachtende Bedürfnis nach Harmonie und Ausgleich, der Widerwille gegen Streit und Auseinandersetzungen einem kompensatorischen Bedürfnis derjenigen, die Flucht, Inferno, Chaos überlebt haben und sich endlich nach geordneten Verhältnissen sehnen? Wer weiß es schon?

Mit seinem ausgleichenden Wesen, seiner versöhnlichen Haltung hat er, bei allen Erfordernissen des politischen Alltags nach gelegentlicher Härte, den Zentralrat der Juden in Deutschland umsichtig und klug geführt. Er war - trotz der von nichtjüdischer Seite überdefinierten Rolle dieses Amtes - ein würdiger Präsident und ein geachteter Vertreter der Juden in Deutschland. Und wie sein Vorgänger im Amt, Ignatz Bubis sel.A., suchte auch er im anderen, ob Christ, Jude oder Muslim, stets den Nächsten und nicht den Fremden zu sehen.

Mein 1941 von einem deutschen Exekutionskommando bei Lublin erschossener Großvater, der Talmudgelehrte und Rabbiner Benmel Kotzker sel.A., glaubte, das Leben sei ein kurzer Korridor, durch den wir Menschen hindurchmüssen in dem Bestreben, an dessen Ende unbefleckt an Leib und Seele vor den Ewigen zu treten. Paul Spiegel sel.A. hat diesen Korridor durchschritten. Er ist uns vorausgegangen. Den Rest des Weges werden wir, seine Freunde, seine Kollegen, ohne ihn zurücklegen müssen - beschenkt mit der Erinnerung an einen liebenswerten Menschen, von dem es nun endgültig Abschied zu nehmen gilt: "Noch einmal schauert leise/und schweiget dann der Wind;/vernehmlich werden die Stimmen,/die über der Tiefe sind": Yehi Sich'ro Baruch - sein Andenken sei gesegnet.