25.01.2006

Eröffnung der Wanderausstellung „Der Alltag jüdischer Kinder während des Holocaust“ in Leverkusen

Rede des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland Dr. h.c. Paul Spiegel

Ihrer Einladung, die Ausstellung „Der Alltag jüdischer Kinder während des Holocaust" zu eröffnen, bin ich gerne gefolgt. Sicher auch, weil ich selbst Zeitzeuge bin und die Verfolgung durch die Nationalsozialisten als Kind in mehreren Verstecken in Belgien überlebt habe. Vor allem aber, weil ich mit meiner Anwesenheit die Bedeutung dieser Fotoausstellung unterstreichen möchte. Worin die besondere Bedeutung von historischem Quellenmaterial in Form von Fotografien besteht, hat Barbara Distel, die Leiterin der Gedenkstätte Dachau, schon vor einigen Jahren treffend benannt: „Die erhaltenen und vielerorts publizierten Foto- und Filmdokumente die uns die Blicke geschundener und gehetzter Kinder überliefern", so schreibt Frau Distel in einem Aufsatz, „haben über die Jahrzehnte hinweg nichts von ihrem Schrecken verloren und halten im Bewusstsein vieler, so denke ich, die Erinnerung an sie stärker wach als viele Mahnmale." Für die Angehörigen der Ermordeten sind diese Fotos Kostbarkeiten von nicht zu bezifferndem Wert. Für mich auch die wenigen Aufnahmen, die von meiner älteren Schwester Rosa überliefert sind. Sie war eines der weit über 1,5 Millionen Kinder und Jugendlichen, die unter der Herrschaft der Nationalsozialisten und in den von Deutschland eroberten Ländern als Angehörige von unerwünschten Minderheiten Opfer von Ausgrenzung, Deportation, Massenerschießungen und medizinischen Experimenten wurden oder in den Vernichtungslagern ihr Leben lassen mussten. Rosa starb 1942 in den Gaskammern von Auschwitz. Außer für Theresienstadt gibt es keine genauen statistischen Angaben über die Gesamtzahl dieser ermordeten Kinder, über ihr Lebensalter oder ihren prozentualen Anteil im Vergleich zu den Erwachsenen. Zahlenmäßig am stärksten betroffen waren die jüdischen Kinder, zu den Opfern gehörten aber auch die Kinder der Roma und Sinti, in großer Zahl polnische und russische Kinder, aber auch deutsche Kinder und Kinder aus allen anderen europäischen Länder, die von deutschen Truppen überfallen worden waren. In fast jedem Konzentrationslager fanden sich zeitweise große oder kleinere Kindergruppen. Bis heute suchen Historiker, Angehörige und mitfühlende Menschen Antworten darauf, was diese Kinder verschiedener Altersgruppen in den ganz unterschiedlichen Flucht- und Verfolgungssituationen wohl erlebt haben. Welchen Todesgefahren und Krankheiten, welcher Angst waren sie ausgesetzt? Wie viel Schutz und Sicherheit, welche für eine normale Entwicklung notwendigen Voraussetzungen mussten sie entbehren? Welche Bezugspersonen hatten sie vor der Deportation bereits verloren? Was mussten sie zurücklassen, bevor ihre Flucht begann? Aus der Sicht eines Kindes sind die Antworten auf diese Fragen von elementarer Bedeutung. Gerade auch im Blick auf die spätere seelische Verarbeitung des Erlebten. Die Erinnerung wach halten – dieser Appell stand auch im Mittelpunkt der Veranstaltungen anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager im vergangenen Jahr. Allen Rednerinnen und Rednern, die zu diesem Anlass sprachen, lag daran, den Überlebenden und ihren Angehörigen das Gefühl zu vermitteln, dass ihr Schicksal und das der Ermordeten nicht vergessen sind. Unter den Frauen und Männern, die sich zu den Gedenkveranstaltungen auf den Geländen der ehemaligen Lager einfanden, befanden sich viele, die den Holocaust im Kindesalter durchlitten hatten. In den Gesprächen über das Erlebte und konfrontiert mit den Erinnerungen, die an diesen ehemaligen Orten des Schreckens wieder auflebten, wurde eines ganz deutlich: die Erlebnisse, die die Kinder in den Jahren der Verfolgung durchleiden mussten, vor allem aber deren Auswirkungen auf ihr späteres Leben, unterscheiden sich doch in vieler Hinsicht von denen der erwachsenen Opfer. Vielen erwachsenen Überlebenden gelang es, die in höchstem Maße traumatischen Erlebnisse zumindest teilweise zu verdrängen und ein vermeintlich neues Leben zu beginnen. Für Kinder war dies fast unmöglich. Auf grausame Weise wurden sie ihrer Kindheit und damit der Entwicklung eines gefestigten seelischen Fundaments beraubt. Bestimmend war für die Mädchen und Jungen zum einen das Gefühl der Einsamkeit und des Schmerzes über die Trennung von den Eltern und der Familie. Zum anderen – je nach Alter des Kindes - das Empfinden, dieses neue, grausame Leben schlicht nicht begreifen, nicht einordnen zu können. Die Kinder waren damit überfordert, die Gesetze der Ghetto- und Lagerwelt, des Lebens in Verstecken oder auf der Flucht, die sie aus Gründen der Selbsterhaltung so schnell wie möglich erlernen mussten, zu durchschauen. Dazu hätten sie über Maßstäbe aus einer heilen Welt verfügen müssen, die vor allem kleinere Kinder noch gar nicht lange genug erlebt hatten, um sie in sich zu tragen. Das Bewusstsein, sich hilflos und einsam zu fühlen und zugleich die Verantwortung für das eigene Überleben tragen zu müssen, zählt zu den belastenden Ur-Erfahrungen der verfolgten, inhaftierten oder versteckten Kinder. Die eigene Person musste verleugnet werden, ohne schon einen wirklichen Begriff von der eigenen Persönlichkeit zu haben. Diese extreme seelische und körperliche Überforderung über einen langen Zeitraum hinweg überschattete ihr junges Leben und beeinflusste das Heranreifen zum Erwachsenen auf vielfältigste Weise. Im Zusammenhang mit Kindern von einem „Alltag" in den Jahren des Holocaust zu sprechen, erscheint mit Blick auf die besondere kindliche Problematik zumindest heikel. Der Begriff Alltag, wie er im Titel der Ausstellung benutzt wird, ist für mich positiv oder zumindest neutral besetzt. Durch die Verwendung dieses Wortes wird meines Erachtens eine unpassende Assoziation geweckt. Wie sicherlich die Mehrheit der Menschen, verbinde ich mit dem Begriff Alltag eine eher angenehme Wiederkehr des Immergleichen; eine Routine, einen gewohnten, verlässlichen Ablauf, der auch Halt und Orientierung gibt. In diesem überschaubaren, durchaus positiven Sinne gab es für Kinder während des Holocaust jedoch keinen Alltag. Angst und Grauen waren die bestimmenden Gefühle. Kein Erwachsener, aber ganz besonders kein Kind, kann sich an Empfindungen wie Bedrohung und Einsamkeit, wenn sie unvermindert andauern, wirklich gewöhnen. Die Zeit der Flucht und Verfolgung war eine Aneinanderreihung von angsterfüllten Tagen. Tage, an denen sich kein Alltagsgefühl einstellen konnte, weil stündlich eine Gefahr für Leib und Leben hereinbrechen konnte. Einzige Ausflucht und Rückzugsmöglichkeit aus dieser Anspannung bot die Welt des Spiels. Ob in Gedanken oder nur mit Worten, mit erdachten Spielsachen oder irgendwelchen umfunktionierten Habseligkeiten – spielen half zu verdrängen. Vorherrschend und bestimmend blieb jedoch die verzweifelte Hoffnung, aus dem Albtraum erwachen und sich im geborgenen Kreis der Familie wieder finden zu dürfen. Die Verwendung des Begriffs „Alltag" im Zusammenhang mit den Jahren der Verfolgung mag – aus meiner sehr persönlichen Sicht – problematisch sein, dies ändert jedoch nichts an meiner hohen Wertschätzung für diese Ausstellung. Mit großer Sorgfalt und bemüht, diese sehr intimen Dokumente historisch korrekt und quellenkritisch einzuordnen, haben die Historiker der nationalen Gedenkstätte Yad Vaschem in Israel diese Ausstellung zusammengestellt. Den Ausstellungsmachern, aber auch allen engagierten Menschen, die hier in Leverkusen wie an anderen Orten die Präsentation dieser Ausstellung erst möglich gemacht haben, ist es zu verdanken, dass das Gedenken an die Kinder, die das Inferno des Holocaust durchlebten, durchlitten oder mit ihrem jungen Leben bezahlen mussten, auf unvergleichlich eindringliche Weise der Nachwelt überliefert wird. Schließlich sind es besonders die Kinder, die mangels der Fähigkeit zu schreiben oder aufgrund der unmenschlichen Lebensumstände noch weniger als die Erwachsenen, ihr Leiden dokumentieren konnten. Nicht zuletzt deshalb ist beispielsweise auch das erschütternde Tagebuch der Anne Frank ein so einzigartiges Dokument. Millionen von zumeist namenlosen Kindern, die an Typhus, Hunger, Kälte, durch Gewehrschüsse oder in Gaskammern zu Tode gekommenen sind, wird durch diese Ausstellung ebenso ein Denkmal gesetzt wie den überlebenden Waisen, den Einsamen und Traumatisierten. Die besondere Situation der Kinder während des Holocaust zu problematisieren und ins Gedächtnis zu rufen, ist das Anliegen dieser wichtigen Ausstellung. Die von den Ausstellungsmachern in den Blick genommene Zielgruppe sind insbesondere junge Menschen, die für die Ereignisse vor über siebzig Jahren sensibilisiert werden sollen. Denn: Je mehr Jahre vergehen, desto mehr verblasst die Erinnerung an das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Das belegen die alarmierenden jüngsten Zahlen der deutschen Sicherheitsbehörden, nach denen im vergangenen Jahr bei den rechten Gewalttaten ein Anstieg um 30% zu verzeichnen ist. „Sie schmieren noch mehr, sie drohen härter, sie prügeln ohne Ende", so der schonungslose Kommentar im Berliner „Tagesspiegel" zu dieser besorgniserregenden Entwicklung, die umgehend ein entschiedenes Vorgehen aller demokratischen Kräfte erzwingt. Natürlich gibt es hervorragende Bücher zu fast allen Aspekten der Judenverfolgung. Und doch bieten Gespräche mit Zeitzeugen und die Auseinandersetzung mit originalem Bild-, Film- oder Tonmaterial die beste, weil authentische Möglichkeit, sich mit dem Holocaust auseinander zu setzen. Niemand wird die damaligen Empfindungen der verfolgten Kinder besser nachvollziehen können als gleichaltrige Kinder und Jugendliche – das ist meine Hoffnung. Schön wäre es, wenn über dieser Beschäftigung mit der Vergangenheit hinaus auch die Kontakte zwischen jungen Juden und Nichtjuden gefördert würden. So notwendig der Blick zurück ist, so wichtig ist für die Gesellschaft als Ganzes das gegenseitige Kennenlernen. Schließlich sind es die jungen Männer und Frauen von heute, die den Gedanken der Versöhnung weiter tragen müssen. Aufgabe der Elterngeneration ist es, Vorbild zu sein. Den Jugendlichen muss klar gemacht werden, dass Menschen, die in einem anderen religiösen oder kulturellen Umfeld leben als sie selbst, keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung darstellen. Jede Begegnung, jedes Gespräch mit Menschen, die anders leben als wir selbst, trägt dazu bei, Vorurteile abzubauen. Nur mit diesem Bewusstsein wird es gelingen, in unserer Gesellschaft Weltoffenheit und Toleranz fest zu verankern, die Demokratie nachhaltig zu stärken und damit allen Bürgerinnen und Bürgern ein Leben in Freiheit und Sicherheit zu garantieren. In diesem Sinne wünsche ich der Ausstellung viele interessierte Besucherinnen und Besucher, die sich von dem Gesehenen berühren lassen, es in Erinnerung behalten und weiter tragen.