08.05.2006

Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der NS-Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945

Grußwort von Generalsekretär Stephan J. Kramer zur Buchpräsentation der erweiterten Neuauflage des Gedenkbuches durch Staatsminister Bernd Neumann

Ich spreche heute anstelle von Paul Spiegel sel. A.. Ich bin kein Ersatz für Paul Spiegel sel. A. und wir dürfen sicher sein, dass sein Geist, ebenso wie jener der unzähligen Opfer, die auch im Gedenkbuch einen Namen bekommen haben, gegenwärtig ist.

Ich bedanke mich im Namen des Zentralrats, aber auch ganz persönlich, für die Übergabe der erweiterten Auflage des Gedenkbuches durch Staatsminister Neumann. Ich freue mich, dass ein so freudiges Ereignis den Auftakt für unsere bisherige und auch zukünftige gute Zusammenarbeit bildet.

Danken möchte ich auch ganz besonders den vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, aber auch den anderen wichtigen und leider oftmals namenlosen Helferinnen und Helfern, die es ermöglicht haben, dass Werk zu vollenden, damit wir es heute hier vorstellen können.

Ich möchte mich den Worten von Hermann Simon ausdrücklich anschließen: Das vorliegende Gedenkbuch ist ein wunderbares Denkmal für die ermordeten deutschen Juden. Vielleicht sogar ein besseres Denkmal, aber auch ein Mahnmal, als es die Stelen jemals sein werden. Ganz bestimmt jedenfalls dann, wenn die Namen im Buch, durch das Sammeln von Photos, Gesichter bekommen. Ich kann mich diesem Wunsch, ja Traum, nur anschließen.

Das vorliegende Gedenkbuch ist, um bei den Worten Hermann Simons zu bleiben, auch eine „optische Konfrontation des Gewesenen mit dem Gegenwärtigen". Und ich bin froh, dass sie sichtbar ist und sichtbar bleiben wird. Die Fürsprache durch den Bundespräsidenten in seinem Grußwort und die Anwesenheit des Staatsminister Neumann stehen dafür.

Eine der größten Sorgen, die Paul Spiegel sel. A. in den letzten Monaten umgetrieben hat, war die Übergabe des „historischen Staffelstabes der Erinnerung" an die nächste Generation, die Generation der nach der Shoa, des nationalsozialistischen Holocaust Geborenen.

Hierbei ging es Paul Spiegel sel. A. nicht um die Erinnerung oder Weitergabe der Schuldfrage. Es ging ihm und geht uns im Zentralrat darum, dass die Nachkriegsgeborenen selbst keine Schuld auf sich geladen haben können, denn Schuld ist etwas Höchstpersönliches und es gibt keine Kollektivschuld! Wichtig ist es aber, für Juden und Nichtjuden, zu wissen, was sich zwischen 1933 und 1945 in Deutschland und über seine Grenzen hinaus in Europa abgespielt hat und wie es dazu kommen konnte. Aus dem Wissen aus der Geschichte, ohne Schuld auf sich geladen zu haben, trägt jeder von uns seine persönliche Verantwortung, dafür einzutreten, dass sich gleiches nicht wiederholt.

Der heutige Tag gibt mir - auch angesichts der Medienpräsenz - die Gelegenheit einige weitere Punkte, auch der Erinnerungsarbeit anzusprechen.

Sehr geehrte Damen und Herren, Gedenkstätten sind wichtiger als Denkmale. In Deutschland brauchen wir kein Holocaust-Museum. Der Holocaust ist von diesem Land ausgegangen, er hat hier stattgefunden. Die authentischen Orte des Erinnerns, des Gedenkens liegen hier. Möglichst Jugendliche sollten die Gedenkstätten in den ehemaligen Konzentrationslagern besuchen, denn das Wissen, um das, was geschehen ist, entsteht zuerst und am intensivsten an den authentischen Orten des Grauens, den authentischen Orten des Trauerns – und hier meine ich nicht nur das abfragbare Faktenwissen und nicht nur die intellektuelle Einsicht, ich meine auch das emotionale Begreifen - soweit das überhaupt möglich ist. Nur so können bei jungen Menschen die Grundlagen für eine Haltung gelegt werden, die mir die einzig mögliche Konsequenz aus dem Geschehenen zu sein scheint: die Haltung, die Unverletzlichkeit der Person des Anderen immer und überall zu respektieren – auch dann, wenn mir dieser Andere zuweilen fremd erscheinen mag, und auch dann, wenn mich das vielleicht Anstrengung, Zivilcourage, ja sogar Mut kosten kann. Nur wenn es gelingt, diese Haltung bei der Jugend zu verankern, haben neue Barbaren, selbst wenn sie in noch so modernem Gewand daherkommen, keine Chance.

Die Konfrontation mit dem Gewesenen und mit dem Gegenwärtigen, meine Damen und Herren, das ist auch am heutigen Tage und im Angesicht des Gedenkbuches wichtig. Die Ereignisse des 16. April 2006 in Potsdam sind uns noch gegenwärtig. Die Zahl der rechtsextremistischen Gewalttaten ist von 776 im Jahr 2004 auf 959 im Jahr 2005 gestiegen. Potsdam oder Storkow sind keine Einzelfälle. Übergriffe auf nicht rechts aussehende Jugendliche, Hetzjagden auf Migrantinnen und Migranten finden tagtäglich statt und immer öfter schauen die Strafverfolgungsbehörden weg oder erkennen die Zusammenhänge nicht.

Die rechtsextremen Parteien DVU und NPD haben zwar bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt nicht die befürchteten Ergebnisse erreichen können. Die Neonazis haben hier wie anderswo aber längst den vorpolitischen Raum erobert. Sie sind erfolgreich in Dörfern, in denen es keine Arbeit, keine Geschäfte und keine Vereine mehr gibt. Sie planen den Umsturz - und viele „normale" Bürger beobachten das Engagement der Rechten mit wachsendem Verständnis, Akzeptanz und Anerkennung.

Einfache Patentrezepte gegen „Rechts" kann niemand benennen. Wer schnelle Lösungen verkündet, verschweigt meist deren Begrenztheit. Nur vielfältige Gegenstrategien, die innerhalb der Gesellschaft verankert sind, können eine politische Auseinandersetzung mit Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Neonazismus vorantreiben, wenn sie deren gesellschaftliche Bedingungen nicht ausblenden.

Es ist heute notwendiger denn je, klare Grenzen nach Rechts aufzuzeigen. Aber Verbote einzelner Kameradschaften allein verhindern nicht deren Bestreben, weiterhin Anhänger für ihre Gesinnung zu suchen und auch zunehmend, sogar unter jungen Frauen, zu finden. Der wachsende Rechtsextremismus und Neonazismus in Deutschland ist nicht allein ein juristischer Konflikt. Deutschland hat hier vor allem ein politisches Problem. Frankreich, England, Italien und andere europäische Länder haben die gleichen Probleme, aber dieser Befund entbindet uns nicht davon, ernsthaft nach eigenen Lösungen zu suchen.

Um tolerant zu sein, muss man die Grenzen, was nicht tolerierbar ist, festlegen. Dies meinte Umberto Eco schon 1993 zum Thema. Diese Grenze sollte nicht erst beim militanten Neonazismus liegen, sondern bei den rechten Ressentiments, dem Abwerten und Ausgrenzen von Flüchtlingen, Behinderten, Homosexuellen, Obdachlosen, Muslimen und Juden beginnen. Einhergehend mit der wachsenden Anerkennung der Rechten als den „wahren Volksvertretern" ist eine steigende gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in der Mitte der Gesellschaft immer deutlicher zu erkennen. Ressentiments werden immer mehr salonfähig und einige Politiker aus Bund und Ländern glänzen durch eine wissentliche Verharmlosung militanter rechter Kräfte in unserer Gesellschaft.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir schreiben heute den 8. Mai 2006 ein historisches Datum. Heute ist der 61. Jahrestag der Befreiung oder der Niederlage? Dies ist keine rhetorische Frage, sondern eine Frage, die die Gesellschaft bis heute spaltet. Für die einen, wie zum Beispiel Ignatz Bubis sel. A. war der 8. Mai 1945 der Tag als befreiter KZ-Häftling als er erleichtert war, dass der Krieg und die Verfolgung endlich zu Ende waren. Für Andere war der 8. Mai 1945 der Tag der Teilung Deutschlands und der Beginn des sog. „Vertreibungsterrors" für 14 Millionen Deutsche.

Dass der 8. Mai 1945 weder für einen Deutschen noch für einen Holocaustüberlebenden ein Tag der Freude war, beschrieb Ignatz Bubis sel. A. so: „Als ich am 16. Januar 1945 befreit worden war, musste ich feststellen, dass weder mein Vater noch meine Schwester noch mein Bruder mit seiner Frau und Tochter überlebt hatten, um nur von den nahen Verwandten zu sprechen. Sollte dieser Tag etwa für mich ein Tag der Freude sein?"

Der 8. Mai 1945 war der Tag, an dem die Niederlage des Nationalsozialismus schriftlich besiegelt wurde. Eindeutig war dieser Tag der Tag der Befreiung der Welt vom Nationalsozialismus.

Wer diesen Tag als den Tag der Niederlage Deutschlands sieht, der sollte sich bewusst machen, was aus Deutschland geworden wäre, wenn der Nationalsozialismus gesiegt hätte. Eine Verfolgung von Minderheiten hätte es kaum noch geben können, denn es gab keine Minderheiten mehr. Die Vernichtung von „minderwertigem Leben" wäre weitergeführt worden. Die Kirchen hätten weiter an Einfluss verloren und wären vielleicht eines Tages ganz verboten worden. Der Nationalsozialismus hätte keinen anderen Glauben neben seiner Ideologie geduldet. Diejenigen, die immer noch glauben, es sei keine Befreiung gewesen, sollten sich einmal ihr Leben heute vorstellen, wenn die Nazis weiterregiert hätten. Ein Leben in Freiheit konnte nur möglich werden, nachdem der Nationalsozialismus vernichtet worden war.

Unbestritten ist, dass es einen Vertreibungsterror nach 1945 gegeben hat, und unbestritten ist auch, dass die Teilung Deutschlands nach dem 8. Mai 1945 besiegelt wurde. Doch nicht dieser 8. Mai war der Beginn des Vertreibungsterrors, sondern bereits der 30. Januar 1933. Damals wurden Deutsche wegen ihrer Glaubenszugehörigkeit oder weil sie politisch anders dachten aus Deutschland mit Terrormethoden vertrieben. Ignatz Bubis sel. A. und Paul Spiegel sel. A. gehörten auch dazu. Das gleiche gilt auch für die Teilung Deutschlands: Die Teilung war das Ergebnis des 30. Januar 1933, auch des 1. Septembers 1939 – dem Tag des Überfalls auf Polen und nicht zu letzt des 22. Juni 1941, dem Tag des Überfalls auf die Sowjetunion.

Meine Damen und Herren, zum Abschluss noch eine Konfrontation mit der Gegenwart im Angesicht der Vergangenheit:

Der Holocaust hat jede Normalität im Zusammenleben von Juden und Deutschen zerstört. Und die von Klemperer und anderen in den Jahren zuvor empfundene Normalität hat sich als gefährlicher Traum entpuppt. Trotzdem möchte ich an der Hoffnung festhalten, dass in den folgenden Generationen jüdisches Leben in Deutschland selbstverständlich akzeptiert und normal sein wird.

Ich bin kein Träumer. Zur Normalität, ich sagte es bereits, gehört auch der Antisemitismus einer Minderheit. Zur Normalität gehört, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung anerkennt: Ein jüdischer Deutscher ist ein Bürger der Bundesrepublik Deutschland mit den selben Rechten und Pflichten wie ein christlicher Deutscher. Zur Normalität gehört, dass die Verletzungen unter denen die wenigen noch lebenden Überlebenden des Holocaust und Ihre Kinder und Kindeskinder leiden, von den Nachgeborenen der Täter wahrgenommen und in der Kommunikation berücksichtigt werden. Zur Normalität gehört aber auch, dass Jüdisch-Sein nicht auf den Holocaust begrenzt, dass jüdische Kultur wahrgenommen wird in ihrer historischen Dimension und wie sie heute – mit allen positiven und negativen Aspekten – wieder existiert. Zur Normalität gehört, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung bereit ist, geradezustehen für die Existenz dieses Lebens und einzuschreiten, wenn es bedroht und verletzt wird.

Lassen Sie mich mit einem Zitat von Ignatz Bubis sel. A. schließen:

Ich würde mir wünschen, dass der Satz: Ich bin ein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens einmal für viele in Deutschland lebende Juden selbstverständlich wird. Und ich wünsche mir, dass die nichtjüdischen Deutschen ihn zunehmend akzeptieren. Aber ich weiß, dass es noch einige Generationen dauern kann, bis das gelingt. Bis dahin leben meine Familie und ich als Juden in Deutschland."

Vielen Dank!