4. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2004 - 9. Ijar 5764

Thorarollen als Packmaterial

Die fein beschriebenen Pergament-Fetzen sind vergilbt, zerrissen, entweiht – Das Berliner Kommunikationsmuseum konnte jüngst die spärlichen Überreste einer polnischen Thorarolle in seinen Bestand aufnehmen. Wie und wann aber sind diese ursprünglich nach Deutschland gelangt? Die Spurensuche führt tief hinein ins dunkelste Kapitel Deutscher Geschichte: Es ist anzunehmen, dass sie im Zweiten Weltkrieg von deutschen Besatzern nach der Plünderung polnischer Synagogen achtlos als Paketpapier für Päckchen in die Heimat missbraucht worden waren.

Juden werden „Volk des Buches“ genannt. Der Begriff „Buch“ bezieht sich auf das Buch der Bücher – die Thora. Der Inhalt der Thora ist für Gläubige heilig, ist zugleich faszinierend und lehrreich für jeden Leser. Die jüdischen Weisen behaupten, die Thora bestehe aus unterschiedlichen Namen G-ttes, Mystiker und Forscher haben nachgewiesen, dass den einzelne Wörtern und Buchstaben der Thora ein komplexes aber klar strukturiertes System zu Grunde liegt. Deshalb existiert das ungeschriebene Gesetz, dass beim Kopieren der Thorarolle kein Buchstabe - auch wenn er angeblich falsch, zu klein oder zu groß geschrieben ist - verändert werden darf. Ein besonders ehrenvoller Beruf in der orthodoxen jüdischen Gesellschaft ist der des Sofer – ein Sofer fertigt von Hand neue Kopien der Thora an oder restauriert alte, zerschlissene Exemplare. Vor jeder Schreibsitzung bittet er G-tt um genügend physische und mentale Kraft; macht er auch nur einen einzigen Fehler, muss er von Vorne anfangen.