6. Jahrgang Nr. 4 / 28. April 2006 - 30. Nissan 5766

Bahnhöfe sind für Holocaust-Ausstellung tabu

Vorwürfe gegen Bundesbahnchef Mehdorn erhoben: Er weigere sich, eine Fotoschau über den Transport jüdischer Kinder durch die ehemalige Reichsbahn auf Bahnhöfen zu zeigen.

Von Uta von Schrenk

Edith Erbrich kann sich sehr gut an ihre erste Bahnfahrt erinnern. An das Klappern der Schuhe auf dem Pflaster. „Es war wie ein Trauerzug, keiner war laut, manche weinten leise vor sich hin." An die rotbraun beplankten Waggons mit Holzbohlen anstatt Sitzen, mit Luftschlitzen anstatt Fenstern. „Heute käme der Tierschutzverband – für uns war das gut genug." An den SS-Mann, der befahl, Edith und ihre Schwester vor der Ladeluke hochzuheben, die Mutter wolle sie noch einmal sehen. „Mein Vater hatte uns gesagt, die Mutti dürfe nicht mit, sie müsse auf die Wohnung aufpassen."

Edith Erbrich war sieben Jahre alt, als mit ihrer vier Jahre älteren Schwester und ihrem Vater nach Theresienstadt deportiert wurde. Die ehemalige kaufmännische Angestellte, heute 68 Jahre, setzt sich seit Monaten für eine Ausstellung über deportierte jüdische Kinder in deutschen Bahnhöfen ein – aber nicht allein. Ihrem Engagement haben sich zahlreiche Prominente angeschlossen, dazu zählen: derGeneralsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer, der Schriftsteller, Holocaust-Überlebender, Mitbegründer der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main und Gastprofessor am Fritz-Bauer-Institut, Arno Lustiger, Serge Klarsfeld, Rechtsanwalt und Vorsitzender der Organisation „Söhne und Töchter der deportierten Juden Frankreichs" und der Gewerkschafter Stefan Körzell. Im vergangenen Sommer baten sie den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn AG um ein persönliches Gespräch. Doch Hartmut Mehdorn ließ absagen.

Edith Erbrich würde den Bahn-Chef gern „fragen, ob er es nicht einmal für nötig gefunden habe, selbst zu antworten." Immerhin gehe es um einen nicht geringen Teil der mindestens 1,5 Millionen jüdischen Kinder, die von den Nationalsozialisten ermordet und zum großen Teil mit dem Vorläuferunternehmen der Deutschen Bahn in den Tod gefahren wurden. Es geht um elftausend jüdische Kinder, die zwischen 1942 und 1944 von den nationalsozialistischen Besatzern aus Frankreich deportiert wurden. Kinder, die nicht wie Edith Erbrich das Glück hatten, zu überleben.

Zum Gedenken an diese elftausend Kinder, unter ihnen etwa 500 deutsche und österreichische Kinder, die zusammen mit ihren Eltern in Frankreich Exil gesucht hatten, konzipierten Beate und Serge Klarsfeld eine Ausstellung. Diese wurde bereits in 18 französischen Reisebahnhöfen, den einstigen Abfahrtsorten der Deportationszüge, gezeigt. Stellwände mit den Fotos, Daten und Briefen der ermordeten Kinder. „Wenn man diese Fotos in Frankreich zeigen kann, obwohl die französische Bahn sich viel weniger zu Schulden hat kommen lassen als die deutsche, warum sollte das nicht erst recht in Deutschland gehen?", fragte sich Beate Klarsfeld und wandte sich an die Deutsche Bahn AG.

Doch das Unternehmen lehnte ab, sah „Sicherheitsprobleme". Dabei hatte es in Frankreich keinerlei Zwischenfälle gegeben. Schließlich bot die Bahn das DB Museum Nürnberg für die Ausstellung an. Beate Klarsfeld aber will die Kinder nicht in einem Spezialmuseum „verschwinden" sehen, sondern deren Schicksale einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

Inzwischen hat sich ein bundesweites Netzwerk für die Ausstellung gegründet, die Initiative „Elftausend Kinder". „Die Bahn ist kein normales privates Unternehmen", sagt Arno Lustiger. „Es ist ein Skandal, dass sie sich so schäbig benimmt, während alle anderen privaten Unternehmen ihre Firmengeschichte nach und nach öffentlich aufarbeiten." Weil die Öffentlichkeit wissen wollte, warum das Verkehrsministerium die Hartleibigkeit der DB AG nicht als Politikum betrachte, hat Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sich der Sache angenommen. Ende März bat er Hartmut Mehdorn in einem persönlichen Brief, seine Haltung nochmals zu überdenken. Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden appellierte in einem Schreiben an alle Parlamentarier, „mitzuhelfen, dass die Deutsche Bahn AG ihrer Verantwortung für die Erinnerung an den nationalsozialistischen Massenmord, über die Teilnahme an der Zwangsarbeiterstiftung hinaus, gerecht wird."

Und die Bahn? Die bietet mittlerweile an, die Ausstellung in der Nähe von Bahnhöfen zu zeigen – und natürlich im Eisenbahnmuseum. Edith Erbrich wartet also immer noch auf ein Gespräch mit Mehdorn. Dass sie erneut abserviert werden könnte? Egal. „Ich mach das für die, die es nicht mehr können."

Einigung in Sicht

Unmittelbar vor Drucklegung dieser Ausgabe der Zukunft haben sich Vertreter der Deutschen Bundesbahn und des Zentralrats der Juden in Deutschland zu konstruktiven Gesprächen getroffen. Dabei waren sich alle Beteiligten einig, bis Ende Mai ein detailliertes Konzept zu erarbeiten, das konkret festlegt, wie und wo die Ausstellung für die Öffentlichkeit zu sehen sein wird. Wir werden unsere Leser in der nächsten Ausgabe darüber informieren.
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