6. Jahrgang Nr. 4 / 28. April 2006 - 30. Nissan 5766

„Ich bin voll integriert“

Beispiel für gelungene Integration: Jewgenij Wassermann war 13 Jahre und konnte kein Wort Deutsch als er mit seinen Eltern nach Deutschland kam, heute ist er Polizeikommissar in Frankfurt am Main.

Von Johannes Boie

Jewgenij Wassermann ist klein, aber bärenstark. Er hat dicke Oberarme, die sieht man sogar durch die Winterjacke. An seinem Arm glänzt eine schwere, silberne Armbanduhr. Früher, als er noch in Dessau zu Hause war, hat er professionell geboxt. Inzwischen wohnt Jewgenij nicht mehr in Dessau, er lebt heute in Frankfurt am Main und arbeitet dort bei der hessischen Polizei.

Ab und zu besucht der junge Mann seine Familie in Sachsen-Anhalt. Vor allem die jüngere Schwester Tamara freut sich über jeden Besuch des älteren Bruders. „Meine Schwester, die ist für mich das Wichtigste. Wir gehören zusammen", erklärt Jewgenij.

Die 18-jährige und ihr 23-jähriger Bruder haben beide bereits eine außergewöhnliche Geschichte hinter sich – ein Beispiel dafür, wie der große Lauf der Welt die einzelnen, kleinen Menschen mit Leichtigkeit von hier nach dort bewegen kann - und umgekehrt, wie ein Einzelner mit einer gehörigen Portion Mut und Willen das große Ganze ein kleines bisschen mitgestalten kann.

Die Wurzeln der Familie Wassermann liegen teilweise in England, teilweise aber auch in Deutschland. In der Hauptstadt des heutigen Usbekistan, Taschkent, kommt im Jahr 1954 der Vater von Jewgenij Wassermann zur Welt. Wie viele Wassermanns vor und nach ihm, studiert er Medizin und wird Arzt. Während des Studiums lernt er seine spätere Frau kennen. Sie studiert ebenfalls Medizin. 1979 geht das Paar für vier Jahre nach Moskau, dort kommt 1983 Jewgenij zur Welt, der dort ebenfalls die ersten Wochen seines Lebensbei der Tante seines Vaters verbringt.

Zurück in Taschkent genießt die Familie ein ruhiges, angenehmes Dasein – bis sich Anfang der 90er Jahre die Perestroika ihren Weg nach Taschkent bahnt. Die Unabhängigkeit Usbekistans als direkte Folge der Perestroika kommt 1991. Im Nachbarland Afghanistan tobt zu jener Zeit ein Bürgerkrieg, tausende Usbeken strömen vom Land in die Städte, russisch sprechende Menschen sind nur ungern gesehen, die Stimmung ist aggressiv. Und, ach ja, Juden sollen bitte nach Israel gehen…„Meine Eltern hatten Angst vor Pogromen. Dass es bis heute in Taschkent keine gab, liegt vielleicht einfach daran, dass die meisten Juden damals sofort gegangen sind."

Vielleicht ist es die Erinnerung an diese unruhige Zeit, die Jewgenij Jahre später bei der deutschen Bereitschaftspolizei anheuern lässt, wo er heute, in Reih' und Glied steht mit Hundertschaften anderer Polizisten.

Erinnert sich der starke Polizist noch daran, wie es ist, wenn man in der eigenen Heimatstadt Angst haben muss? Jewgenij antwortet eher ausweichend. Er will kein „armer Flüchtling" sein, er will auch keiner sein, dessen Heimat eigentlich Taschkent heißt - er will aus Dessau kommen. „Was Taschkent für mich ist? Da liegen meine Großeltern begraben. Sonst nichts." Der junge Mann hat seinen Platz im Leben gefunden – und er duldet keine Zweifel an seiner Identität. „Ich bin deutscher Polizist, so ist es."

Auch wenn Jewgenij sich heute nicht mehr richtig daran erinnern kann, so war es am 25. Mai 1995, als er seine späteren Polizei-Kollegen auf dem Frankfurter Flughafen das erste Mal gesehen hat: Männer und Frauen in grünen Jacken, Abzeichen auf Schultern und Brust, die Dienstwaffen am Gürtel befestigt. Wie war das damals? Die Wassermanns sind eben gelandet, sie sind müde und erschöpft. Die Polizisten kümmern sich nicht um den kleinen Jungen, die Formalitäten klären Jewgenijs Eltern. Und der kleine Jewgenij steht still da und fühlt sich wie erschlagen. Sein Kopf platzt fast vor lauter Fragen. Und alles, was sich in seinen Augen spiegelt, wirft neue Fragen auf: „Finde ich Freunde hier? Was ist das für eine Sprache? Wo wird meine Schule sein? Was werde ich lernen?" Alles läuft auf die zentrale Sorge und Angst heraus: „Wie geht es weiter?" Jewgenij ist verschreckt, nervös und nachdenklich. Aber dann spürt er plötzlich seine Energie, seine Kraft. Er ist nicht von Taschkent nach Frankfurt geflogen, um am Ende die Nerven zu verlieren.

Heute ist alles besser als in den schweren Anfangstagen: Noch während der Schule hat sich Jewgenij bei der Polizei beworben und schließlich in Frankfurt am Main seinen Traumjob gefunden: „Als Polizist bist du Seelsorger, Psychologe, Gesetzeshüter. In dem Job steckt einiges drin."

Wenn alles glatt geht, wird Jewgenij in vier Jahren Beamter auf Lebenszeit: „Ich bin zufrieden, bin hier für immer zuhause. Ich bin hierher gekommen und ich habe mich voll integriert."

Ganz selten, höchstens einmal im Jahr, steigt Jewgenij Wassermann in ein Flugzeug. Und dann besucht er die betagte Tante seines Vaters, in deren Wohnung er die ersten Tage seines Lebens verbracht hat. Wer sich seiner Identität bewusst ist, weiß eben auch, wo seine Wurzeln liegen.

Im Fall des weit gereisten Jewgenij liegen die Wurzeln vielleicht noch viel tiefer als nur bis Moskau: 70 Jahre bevor Jewgenij geboren wird, verpasst sein Ur-Großvater in England eine Fähre nach Amerika. Der Name des Schiffes: Titanic. Das Reiseglück der Wassermanns hat Ur-Enkel Jewgenij wohl geerbt.