6. Jahrgang Nr. 4 / 28. April 2006 - 30. Nissan 5766

Mut zur Leere

Wettbewerb für Umbau der Alten Synagoge in Essen entschieden: Stuttgarter Büro plant Rekonstruktion


Ulf Meyer

Die Alte Synagoge in Essen, 1913 von Edmund Körner im Auftrag der jüdischen Gemeinde gebaut, ist eine der größten und beeindruckendsten Synagogen in Deutschland. Nach einer langen Geschichte von Zerstörung und Umbau beschloss man 1988, die Synagoge als städtisches Kulturinstitut zu nutzen und sie in ihrer ursprünglichen Kontur zu rekonstruieren. Der Bau ist eines der bedeutendsten Zeugnisse jüdischer Architektur in Deutschland und wird seit 2001 als „Haus jüdischer Kultur" - mit der Synagoge als zentralem Ausstellungsort - genutzt. Die Alte Synagoge mitten in der Essener Innenstadt ist zugleich Gedenkstätte und politisch-historisches Dokumentationsforum, kulturelles Begegnungszentrum und Ort der Erinnerung.

Jetzt gibt es neue Pläne, ein Umbau steht bevor: Ende März wurden die Ergebnisse eines entsprechenden Architekturwettbewerbes zum Umbau der Alten Synagoge in Essen bekannt gegeben. Den ersten Preis erhielt die Arbeitsgemeinschaft space4/Luna.Lichtarchitektur aus Stuttgart.

Im Wettbewerb unter zwölf Teams aus Architekten, Licht- und Ausstellungsgestaltern sollten in erster Linie innenarchitektonische Veränderungen und neue Ideen für Licht- und Klangkonzepte, die Präsentation von Vorhalle, Hauptraum und Empore, sowie ein stimmiges Raumkonzept für die Dauerausstellungen entwickelt werden. Der Entwurf von „space4" überzeugte die Jury durch seine konsequente Wiederbelebung der ursprünglichen architektonischen Grundkonzeption, „ohne den Raum zu sakralisieren". Die historischen Raumqualitäten sollen wiederhergestellt werden „als denkmalgerechte Neuinterpretation der ursprünglichen Entwurfsidee". Der leere Hauptraum ist das Herz der Ausstellungsfläche: Um diesen zentralen Ort herum sind auf verschiedenen Ebenen Ausstellungen zu Geschichte, jüdischem Leben und Religion zu erleben.
Die ehemalige Frauenempore wird wiederhergestellt und bietet Platz für Wechselausstellungen. Auch die an die Empore anschließenden Flächen und die darüber befindliche Sängerempore werden in den Ausstellungsrundgang einbezogen.
Das innovative Lichtkonzept soll „die neue Raumdramaturgie in einer differenzierten Tag- und Nachtatmosphäre zur Geltung" bringen. Die ehemals farbigen Hauptfenster werden durch Bildmotive fragmentarisch wiederhergestellt. Farbige Glasmosaiken in den Fensternischen und im Gewölbe sollen dezent an die ursprüngliche Farbigkeit und Ornamente erinnern. Die Kuppel wird durch bewegte abstrakte Muster zu einem „artifiziellen Himmel".

Die Synagoge soll ein „Ort der Begegnung und Besinnung sein und Raum für Informationen und Veranstaltungen bieten", wünschen sich die Preisträger.

Der Grundgedanke, die vormalige Gestalt nachvollziehbar zu machen, ohne Verluste zu kaschieren, wird konsequent verfolgt. Ziel ist nicht eine historisierende Rekonstruktion, sondern das Erlebbarwerden der ursprünglichen architektonischen Ideen. Hier wurde und wird künftig ein Ort für Begegnungen, Diskussionen und kulturelle Veranstaltungen sein, der bei den Besuchern die Neugier für jüdische Geschichte und Kultur weckt.