4. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2004 - 9. Ijar 5764

Wochenabschnitt ACHARE MOT- KEDOSCHIM zum 1. Mai

Von Rabbiner Dr. Joel Berger, Stuttgart

„Hasse deinen Bruder nicht in deinem Herzen, ermahne deinen Nächsten, damit du seinetwegen keine Verfehlung auf dich ladest.“ (Wajikra 19:17) lesen wir in der Tora. Viele von unseren Gelehrten sahen in diesem Vers eine wesentliche Einstellung der Tora. Es wird auch darauf hingewiesen, dass die Schrift hier nicht von dem fast allgegenwärtigen, gewaltantreibenden Hass unter den Menschen spricht, sondern vom verborgenen Hass im Herzen. Es scheint, dass die Tora uns vor der menschlichen Eigenschaft warnen möchte, die jene verkörpern, welche tief im Herzen hassen und bei denen dieses Herz unter Umständen zur Mördergrube werden kann. Andere „Hasser“ sind vielleicht solche aufbrausenden Menschen, deren Zorn leichter wieder verraucht. Die heimlichen Hasser nähren ihren Hass ständig und lassen ihn gegenüber anderen völlig unerwartet aufflammen und wüten. Dieser kann dann nicht mehr so leicht entschwinden.

Maimonides, der große jüdische Rechtsgelehrte des Mittelalters, führte aus: Es ist eigenartig, „dass die Tora nur wegen des Hasses im Herzen eine Warnung ausspricht“. Wenn jedoch jemand seinen Nächsten gewalttätig mißhandelt, schlägt oder schmäht, so hat er - im Sinne der Tora, die diese Eigenschaften selbstredend auch verbietet - das Gebot des „du sollst nicht hassen“ nicht übertreten. Die Tora will generell Akzente setzen: Sie will nicht bloß gegen die offenen Feindschaften, die in Gewalt ausarten ankämpfen, sondern insbesondere gegen die heimtückischen Latenten. Sie lauern im Dunklen und haben eine verheerende Wirkung. Dieser Hass im Herzen, der meistens grundlos ist, ist der schlimmste Feind des menschlichen Zusammenlebens.

Wenn die jüdische, ethische Auffassung einen Tatbestand als besonders schwerwiegend beurteilt oder verurteilt, so wird dieser kausal mit dem Verlust der Unabhängigkeit des altertümlichen jüdischen Staates, des Tempels in Jerusalem, und mit der Vertreibung unserer Ahnen aus dem Heiligen Land in Zusammenhang gebracht: So lehrten die Weisen im Talmud: Weshalb wurde der erste ( der salomonische) Tempel zerstört? Wegen des Götzendienstes, der Unzucht und des Blutvergießens. Und weshalb der zweite (herodianische) Tempel? Wegen des grundlosen Hasses! Gemäß der Lehrmethoden des Talmuds wiegt also der grundlose Hass genauso schwer, wie jener Götzendienst, die Unzucht und das Blutvergießen aus der Zeit des ersten Tempels. Gerne wird nach diesen Talmudstellen eine Zusätzliche, aus der exegetischen Literatur hinzugefügt: „Der größte aller Helden ist jener, der seinen Feind zu seinem Freund umwandeln kann.“