6. Jahrgang Nr. 4 / 28. April 2006 - 30. Nissan 5766

Juden und Muslime ziehen an einem Strang

Europaweites Forschungszentrum will Daten über Antisemitismus und Islamophobie sammeln, analysieren und Strategien zu ihrer Bekämpfung erarbeiten

Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat sich für eine stärkere Zusammenarbeit von Juden und Muslimen bei der Bekämpfung von Extremismus ausgesprochen. Generalsekretär Stephan J. Kramer: " Die Ursachen von Antisemitismus und Islamophobie sind weitgehend die gleichen, deshalb soll das geplante Forschungszentrum die grundsätzlichen Mechanismen erforschen, um aus den Ergebnissen konkrete Handlungsschlüsse zu ziehen und Konzepte zu entwickeln,, wie wir diese vor Ort wirksam bekämpfen können.“ Das Projekt, das vom European Jewish Congress Ende März beschlossen worden ist, sei auf europäischer Ebene auf viel Unterstützung gestoßen.

Der Zentralrat arbeite schon seit längerem mit muslimischen Partnern zusammen, was jetzt noch intensiviert werden soll, erläuterte Kramer, der von seinen europäischen Partner viel Annerkennung für diese Zusammenarbeit erhielt.

Mit der bisherigen Form der Datensammlung über Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus sei man unzufrieden gewesen, betonte der Generalsekretär. Es gebe viele Organisationen, die Daten sammelten, doch gehe das Ergebnis oft «an dem vorbei, was in der Realität passiert». Auch die Ergebnisse des EU-Zentrums zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Wien deckten sich nicht immer mit den Erfahrungen aus dem täglichen Leben.

"Wir wollen seriöses und aktuelles Material haben", erläuterte Kramer die Idee, die Datenerfassung stärker zu professionalisieren. „Wir, die wir leider zumeist die Hauptleidtragenden sind, wollen dazu beitragen, dass möglichst viel wichtiges Material professionell zusammengetragen und dann entsprechend aufbereitet auch in der Öffentlichkeit präsentiert werden kann. Gleichzeitig müssen wir intensiv darüber nachdenken, wie wir mit den Ergebnissen umgehen sollen. Das Grundkonzept sieht vor, dass wir seriöse Ergebnisse von beiden Seiten – Juden, Muslime – zusammenführen wollen.“

Die Integration von Minderheiten in bestehende Gesellschaftsformen ist eine der zentralen Herausforderungen im 21. Jahrhundert vor allem in Europa. „Integration kann nur funktionieren, wenn die Zuwanderer ein klares Bild ihrer eigenen Kultur und Religion haben, wenn ihr eigenes Wertesystem ein stabiles Fundament hat“, so Kramer weiter. Entscheidend sei weiterhin der gegenseitige Respekt, mit dem die bestehende Gesellschaft und die Einwanderer sich begegnen. „Wir müssen moderne Definitionen für unsere Werte entwickeln. Begriffe wie Patriotismus oder Nationalismus dürfen nicht tabuisiert werden. Die Gefahr, dass sie von Radikalen und Extremisten missbraucht werden, ist zu groß.“ Hier müsse noch viel getan werden – und dazu sollen die Ergebnisse des Forschungszentrums beitragen.

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