4. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2004 - 9. Ijar 5764

"Emun" heißt Vertrauen

Mitglieder der Gemeinde Frankfurt/Main gründen Jüdischen Verein zur gesetzlichen Betreuung alter, dementer und kranker Menschen

Von Eva Goldmann

Kol Israel arewim se l'se - das gesamte Volk Israel ist füreinander verantwortlich. 22 Frauen und Männer aus der Jüdischen Gemeinde Frankfurt haben sich dieses Credo zu eigen gemacht, um alten, kranken oder dementen jüdischen Menschen beizustehen. Emun, „Vertrauen“, haben sie ihren Verein genannt, der sich zur Aufgabe macht, jüdische Betreuer für jüdische Betreute auf ehrenamtlicher Basis zu gewinnen. „Eine gesetzliche Betreuung kommt dann in Betracht, wenn mündige volljährige Menschen aufgrund einer psychischen Erkrankung oder einer körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderung, nicht in der Lage sind, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln“, erklärt Aviva Goldschmidt, Gründungsmitglied von Emun.

Initialzündung für Emun war die eigene Erfahrung. Was tun wenn ein Familienmitglied von heute auf morgen eine gesetzliche Betreuung übernehmen muss. Wer kommt dafür in Frage? Wie kann sich der Betreuer mit seinem Betreuten absprechen, wenn er seine Sorgen nicht versteht, seine Traumata als jüdischer Mensch? „Was lag da näher, als einen jüdischen Verein zu gründen?“, sagt Aviva Goldschmidt, die ehemalige Leiterin der Sozialabteilung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. „Insbesondere die Schoaüberlebenden, mit ihren traumatischen Erlebnissen, deren krankhafte Folgen im fortgeschrittenen Alter verstärkt werden, brauchen Menschen um sich, die Empathie empfinden und denen man nicht erklären muss, was ein KZ- oder Ghettoaufenthalt bedeutet und was der Verlust der Familie einem Menschen angetan hat.“ Und es herrscht viel Bedarf an Hilfe, denn die Betreuten sind in der Regel völlig vereinsamt.

Die ehrenamtlichen Emun-Mitglieder kennen die Ängste, haben oft selbst erlebt oder aus ihren Familien erfahren, wie Krieg, Flucht, Evakuierung, Ghettoaufenthalt, Verlust von Verwandten und Freunden und die Repressionen durch das Regime in den Ostblockländer, in denen Juden immer wieder als Sündenböcke herhalten mussten, schmerzlich erlebt wurden. Denn die Emun-Mitglieder setzen sich aus den unterschiedlichsten Alters- und Gesellschaftskreisen zusammen, sie sind berufstätig oder Verrentet, Männer und Frauen, Alteingesessene oder Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie sprechen Deutsch, Russisch, Polnisch, Slowakisch, Ungarisch, Rumänisch, Jiddisch oder Hebräisch. Ihre Sprachkenntnis schafft Vertrauen gerade bei dementen Menschen. Die Möglichkeit, in ihrer Muttersprache sprechen zu können, vermittelt den Betreuten Selbstbewusstsein. Am liebsten hätten es die Mitglieder von Emun, wenn in vielen Jüdischen Gemeinden ähnliche Initiativen entstünden. „Es macht Freude, anderen helfen zu können“, sagt Aviva Goldschmidt.

Informationen gibt es bei Jürgen Jechiel Goldschmidt,
Telefon: 06101/875 51,
Email: JGoldi@aol.com
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Jüdische Allgemeine 20/ 25. September 2003