6. Jahrgang Nr. 3 / 24. März 2006 - 24. Adar 5766

Aus für umstrittene Kunstaktion

Zentralrat empört über Synagogen-Projekt des Spaniers Santiago Sierra

Die umstrittene Aktion des spanischen Künstlers Santiago Sierra, die am 12. März in der ehemaligen Synagoge von Pulheim bei Köln stattgefunden hat und bis Ende April fortgesetzt werden sollte, ist aufgrund von heftiger Kritik beendet worden. Der Zentralrat der Juden in Deutschland reagierte unmittelbar nach dem Bekanntwerden des Projekts und bezeichnete es als eine "niveaulose Provokation" auf Kosten der Opfer des Holocaust. „Wer meint, es sei Kunst, eine ‚Gaskammer’ durch hochgiftige Autoabgase, noch dazu in einer ehemaligen Synagoge, zu simulieren, um damit vermeintliche Authentizität zu vermitteln, missbraucht schamlos die Kunstfreiheit. Das fiktive und geschmacklose Kunstspektakel verletzt nicht nur die Würde der Opfer des Holocausts sondern der jüdischen Gemeinschaft. Dies hat absolut nichts mit Erinnerungs- oder Gedenkkultur zu tun“, so der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan J. Kramer.

ourier new" >Sierra hatte giftige Abgase mehrerer Autos in das frühere Bethaus in Pulheim-Stommeln geleitet. Anschließend konnte das Publikum das Gebäude mit Gasmasken betreten. Der 39-jährige Künstler wollte nach eigenen Angaben mit der Aktion unter dem Titel "245 Kubikmeter" die Banalisierung des Gedenkens an den Holocaust anprangern.

Kramer machte am Beispiel der Sierra-Verfehlung erneut klar, dass eine intensive Diskussion über neue und angemessene Formen der Erinnerungskultur längst überfällig sei. Eine Forderung, die der Zentralrat der Juden nicht erst bei der Auseinandersetzung um das Holocaust-Mahnmal in Berlin ins Gespräch gebracht hatte. „Auch hier wurde schnell klar, dass das Eisenman-Denkmal ohne den Ort der Information, niemals die tief greifende und nachhaltige Erfahrungsbildung erreichen kann, wie dies die authentischen Orte der Verfolgung tun können. In einer Zeit, in der immer weniger authentische Zeitzeugen über die Grauen des Nazi-Terrors berichten können, müssen wir seriöse und angemessene Wege finden, um gerade bei jungen Menschen, ohne Schuldzuweisungen, ein Verantwortungsgefühl für die Gegenwart und
Zukunft zu erreichen. Das Werk Sierras degradiert Geschichte zu einem fiktiven Spektakel und ist dabei nur schädlich.“

ourier new" >zu