4. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2004 - 9. Ijar 5764

Wie Rabbinerin Ederberg ihre Gemeinde „führt“

Portrait der nordbayerischen Gemeinde Weiden, in der eine Frau auf der Bima steht

Von Irina Leytus

Kennen Sie Weiden? Sicher nicht und das ist auch kein Wunder! Mit 42.000 Einwohnern gehört die kleine nordbayerische Stadt, dicht an der tschechischen Grenze, nicht zu den bekanntesten in Deutschland. Dennoch gibt es dort eine jüdische Gemeinde: derzeit 290 Mitglieder, davon 250 aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und ihre 178 nicht jüdischen Familienangehörige, die ebenfalls von der Gemeinde betreut werden. Für die Gemeinde Weiden ist die Betreuung dieser Angehörigen - insbesondere bei der Integration - selbstverständlich.

Die ersten beiden Familien, die 1990 nach Weiden kamen, trafen auf eine „Mini-Gemeinde“, die aus 26 Menschen bestand und sich nur mühsam zu den hohen Feiertagen zusammentrommeln ließ. Mehr als die Hälfte (also 13 Mitglieder) war über 60 Jahre alt! Betreut wurden sie von einem reisenden Religionslehrer aus Nürnberg. Was für ein Unterschied zu der Gemeinde heute, die nicht nur größer wurde, sondern auch inhaltlich, substanziell gewachsen ist: Seit zwei Jahren hat die jüdische Gemeinde in Weiden eine eigene Rabbinerin - somit ist Weiden nach Oldenburg die zweite Stadt in Deutschland, wo eine Frau dieses Amt bekleidet.

Aber nicht nur diese Besonderheit bringt die 36-jährige Rabbinerin Gesa Ederberg nach Weiden mit: Sie gehört der „Masorti“ (hebr. Tradition) Bewegung an. Tradition steht für sie im Mittelpunkt des religiösen Lebens, was aber keine liberale oder streng orthodoxe Ausrichtung bedeutet. So gibt es zum Beispiel in der Synagoge Weiden keine Geschlechtertrennung während des Gottesdienstes. Gab es unter den Gemeindemitgliedern welche, die einem egalitären Gottesdienst mit einer Frau auf der Bima den Rücken gekehrt haben? Gesa Ederberg bejaht die Frage: Eine Familie der „Alteingesessenen“ kam nicht mehr, „aus Protest“.

Die Rabbinerin sieht ihre Aufgabe darin, alle Menschen „mitzunehmen“, wo auch immer sie sich in religiöser Hinsicht befinden: Sanft, aber bestimmt führt sie Kinder, Jugendliche und Erwachsene in die Welt der jüdischen Religion und Tradition ein. Anschaulichkeit und Besonnenheit – zwei pädagogische „Instrumente“ von Gesa Ederberg, die wirken: Immer mehr Menschen kommen zu den Gottesdiensten und nehmen an ihnen sogar aktiv teil. „Gesa Ederberg kam zu einem goldrichtigen Zeitpunkt zu uns: Das Konsolidieren, sich mit der inneren Substanz der Gemeinde zu beschäftigen, wollen wir auch, weil wir vor Ort negative Erfahrungen mit der nicht-jüdischen Umgebung gemacht haben. Wir haben festgestellt, dass die Gesellschaft Zeit braucht, sich auf ein Zusammenleben mit uns, mit den ,Fremden’ einzulassen. Juden bleiben in diesem Land, wie es scheint, immer fremd“, sagt Gabriella Brenner vom Gemeindevorstand.

Hintergrund: Als vor zwei Jahren in die Synagoge und in das Geschäft von Familie Brenner Steine flogen, habe Oberbürgermeister Hans Schröpf (CSU) keine Solidarität mit der Gemeinde gezeigt, geschweige den, Maßnahmen gegen die rechte Szene der Stadt, die nachgewiesener Maßen dahinter gesteckt hatte, ergriffen, erregt sich Frau Brenner noch heute. Vielmehr sei Schröpf mit dem Image der Stadt beschäftigt gewesen, das – nach seiner Auffassung – durch den Gemeindevorstand und die kritischen Äußerungen gegenüber der rechtsradikalen Szene in Weiden wesentlich stärker angekratzt worden war, als durch die tatsächlichen Ereignisse.