6. Jahrgang Nr. 3 / 24. März 2006 - 24. Adar 5766

Die „Barbaren“ schlugen zu

23-jähriger Jude in Frankreich zu Tode gequält – Entsetzen über antisemitisch motiviertes Verbrechen

Die Nachricht schlug vor wenigen Wochen ein wie ein Erbeben: In Frankreich musste der 23-jährige Ilan Halimi sterben – weil er Jude war. Das zumindest vermuteten auch die Ermittelungsbehörden unmittelbar nach der Tat. Die grausame Nachricht vom brutalen Mord an einem unschuldigen jungen Franzosen hat nicht nur die französische Gesellschaft sonder gleichermaßen Europa und die gesamte jüdische Weltgemeinschaft zutiefst erschüttert.

Wochenlang war Halimi in den Händen einer Pariser Vorstadtbande, die den Mann quälte, ehe er am 13. Februar seinen Verletzungen erlag. Der 23 Jahre alte Franzose, ein Verkäufer von Mobiltelefonen im Pariser Osten, wurde zunächst von einer Bande aus der Vorstadt Bagneux, die sich selbst «die Barbaren» nennen, in eine Falle gelockt, drei Wochen lang gefangen gehalten und gequält, bis er drei Wochen später mit Brand und Schnittwunden in Sainte-Geneviève-des-Bois im Süden von Paris sterbend aufgefunden wurde. Er war später seinen Verletzungen noch im Krankenwagen erlegen.

Ilan war entführt worden, um Lösegeld zu erpressen. 450.000 Euro forderte die Bande zunächst von der Familie. So viel könnten sie nicht aufbringen, sagten die Angehörigen in den Verhandlungen mit den Erpressern: "Dann fragt doch in den Synagogen", wurde ihnen entgegengeschleudert. Die Mutter Halimis sagte der israelischen Zeitung Haaretz: "Wenn Ilan nicht Jude gewesen wäre, wäre er nicht getötet worden." Sie berichtete, dass sie auf die Telefonanrufe der Verbrecher nicht antworten durfte, denn die Polizeiermittler wollten die Erpresser mit diesem Vorgehen zu mehr E-Mail-Kontakten zwingen, um sie besser fassen zu können.

15 Tatverdächtige, darunter eine Frau, wurden unmittelbar nach dem Vorfall von der Polizei unter dem Vorwurf des Menschenraubs und des rassistisch motivierten Mordes festgenommen. Der 25-jährige Haupttäter der Bande, Youssouf Fofana, der sich selbst «Mohammed» und «The brain of Barbarians» (Das Gehirn der Barbaren) nannte, konnte in seinem Heimatland Elfenbeinküste gestellt und nach Frankreich ausgeliefert werden.

Die Bande hatte nach Aussagen der Ermittler offenbar nicht zum ersten Mal ihr Opfer im Judenmilieu gesucht, weil sie dort Geld vermutete. Halimi wurde zudem misshandelt, weil er Jude war. Die Täter fotografierten ihr Opfer nach dem Vorbild irakischer Geiselnehmer und folterten ihn mit Teppichmessern und brennenden Flüssigkeiten. Das Hauptmotiv der Täter war anscheinend Bereicherung.

Die Trauerfeier vereinte alle politischen Parteien sowie religiöse Führer islamischer und jüdischer Vereinigungen. Rund 1500 Menschen nahmen an dem Trauergottesdienst in der Pariser Synagoge la Victoire, einer der größten Europas, teil. Großrabbiner Joseph Sitruk sagte nach der eineinhalbstündigen Zeremonie: «Frankreich hat nicht seine Seele verloren. Es muss das Land der Aufklärung bleiben, das es schon immer gewesen war.» Premierminister Dominique Villepin rief zur nationalen Solidarität auf. Fast zeitgleich fand in Bagneux ein Schweigemarsch statt.

Und wenige Tage später gingen Zehntausende auf die Straßen in Paris, um gemeinsam gegen Antisemitismus zu demonstrieren. Der jüdische Dachverband hatte zu der Großdemonstration aufgerufen, an der auch Innenminister Nicolas Sarkozy und Außenminister Philippe Douste-Blazy, sowie Vertreter aller großen Parteien und Religionen teilnahmen. «Diese Demonstration ist wichtig, weil das ganze französische Volk» die antisemitische Gewalt «aufs Schärfste verurteilen muss», so Rabbiner Sitruk. Kardinal Jean-Marie Lustiger sagte: «Bei der Ermordung Halimis ist eine Grenze der Menschlichkeit und Würde überschritten worden.“

Diese jüngste antisemitische Straftat hat in Frankreich Entsetzen und Angst vor einer neuen Eskalation der Gewalt ausgelöst. Erst vor wenigen Monaten waren krawallbereite muslimische Jugendliche aus den Pariser Vorstädten randalierend durch die Straßen gezogen. Auch wenn die Zahl der antisemitischen Übergriffe offiziell im vergangenen Jahr drastisch abgenommen hat, stehen die Verantwortlichen vor der schwierigen Herausforderung, die Spannungen zwischen den 600.000 Juden und fast fünf Millionen Muslime in den Griff zu bekommen, damit nie wieder ein Mensch sterben muss, weil er Jude ist.

zu/dpa