6. Jahrgang Nr. 3 / 24. März 2006 - 24. Adar 5766

Plädoyer für jüdisch-islamischen Dialog

Interview mit Vize-Präsidentin Charlotte Knobloch aus Anlass der Woche der Brüderlichkeit

Frage: Welchen Stellenwert hat diese Woche der Brüderlichkeit eigentlich noch?
Charlotte Knobloch: Der jüdisch-christliche Dialog darf sich nicht nur auf die Woche der Brüderlichkeit beschränken. Aber doch ist es sinnvoll, jedes Jahr im Rahmen einer solchen bundesweiten Aktion mit zahlreichen Veranstaltungen darauf aufmerksam zu machen, dass der interreligiöse Dialog eigentlich existiert. Und da gehe ich jetzt etwas über die Wortwahl der Brüderlichkeit im Zusammenhang mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit hinaus. Da ja alle drei großen Weltreligionen auf denselben Stammvater zurückgehen, auf Abraham, würde ich mich sehr freuen, wenn wir mit Blick auf das gemeinsame Erbe auch in Zukunft mit dem Islam eine Woche der Brüderlichkeit veranstalten könnten.

Das heißt, man sollte diesen Dialog auch jetzt im Zusammenhang mit der Woche der Brüderlichkeit ausweiten. Und Sie denken dabei vielleicht auch an die jüngsten Debatten, wie zum Beispiel den Karikaturenstreit?
Knobloch: Ich denke an diese Debatten, die sehr viel mit dem Islam zu tun haben. Und wenn wir uns die politische Großwetterlage anschauen, dann sehen wir ja ganz klar, was wir in den letzten Wochen erleben mussten. Und das ist nicht sehr erfreulich. Es ist sogar sehr besorgniserregend. Das habe ich gerade auch auf meiner Reise nach Israel gesehen: Der Sieg der Terrorgruppe Hamas, der grauenvolle Mord an einem jungen Juden in Frankreich, der Griff Teherans nach der Atombombe, das alles sind Beispiele, die der gesamten Welt große Sorgen bereiten. Und gerade eben Teheran ist nicht nur eine Bedrohung für den Staat Israel und seine Menschen, sondern für alle westlichen Gesellschaften.
Und da hoffe ich natürlich sehr, dass die Bundesregierung in diesen Punkten ihrer Linie treu bleibt. Leider hat man das Gefühl, dass die EU-Politiker inzwischen schon wieder eine etwas gelockerte Meinung vertreten. Und ich meine, dass die Bundesrepublik ihrer Linie mit Blick auf den iranischen Machthaber treu bleiben sollte. Einerseits drohen Holocaustleugnern in Deutschland hohe Strafen, andererseits darf es nicht sein, dass mit einem solchen Land diplomatische Beziehungen unterhalten werden. Mit einem Land, dessen Präsident eine Konferenz zur Entlarvung des Märchens vom Holocaust vorbereiten lässt. Also das sind Dinge, die sich heutzutage schon anders darstellen wie vor einem Jahr. Und deswegen sollte man auch versuchen, den Dialog in Zusammenhang mit der Woche der Brüderlichkeit aufzunehmen. Aber man muss auch wissen, mit wem man den Dialog eigentlich will.

Sagenschneider: Aber mit wem will man ihn denn? Man sieht es ja tatsächlich, dass Antisemitismus in der muslimischen Welt sehr verbreitet ist.
Knobloch: Ja, das sieht man ja auch an dem Film „Tal der Wölfe“. Die Zuschauer, das überwiegend türkische und muslimische Publikum sind begeistert und applaudieren, wenn antisemitische Szene gezeigt werden. Das sind natürlich Richtungen, die wir im Blick haben müssen. Ich bin nicht immer ein Freund des Dialogs, weil ich meine, Dialoge haben auch in vielen Fällen schon zu nichts geführt. Aber man sollte ihn hier zuerst einmal sicherlich anfangen.

Noch einmal zur Woche der Brüderlichkeit. Für Sie hat diese Woche immer noch einen sehr großen Stellenwert. Kann man sagen, er ist vielleicht sogar wichtiger denn je, weil das Wissen über den Holocaust ja abnimmt, wie Studien doch immer wieder zeigen?
Knobloch: Ja. Politische Bildung und Erziehung sind ein lebendiger Prozess. Und wir werden nie an den Punkt kommen, an dem solche Aktionen überflüssig sein werden. Im Gegenteil, wir müssen uns unbedingt bewusst machen, dass das Gedenken an die Opfer der Nazidiktatur weiter an Bedeutung gewinnen wird. Denn in einigen Jahren wird es keine Zeitzeugen und keine Überlebenden der Shoah mehr geben, die von ihrem Leid den Nachgeborenen berichten könnten. Dann wird es die Aufgabe der jungen Menschen sein, die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass ein solches Verbrechen nie wieder geschieht.
Und dazu brauchen die jungen Menschen unsere Hilfe, sie müssen auch auf unsere Erfahrungen und Erlebnisse zurückgreifen können. Und das kann durch solche Aktionen geschehen. Aber die jungen Menschen natürlich brauchen auch die Hilfe der Politik. Und ich hätte mir auf der Eröffnungsveranstaltung zur Woche der Brüderlichkeit in Berlin mehr jüngeres Publikum in Hinblick auf die Zukunft gewünscht. Und ich hätte mir auch gewünscht, dass Spitzenpolitiker unseres Landes anwesend gewesen wären. Denn gerade diejenigen, die mit Worten von der Verantwortung sprechen, hätten diese durch ihre Anwesenheit bezeugen müssen. Vorbilder sind entscheidend und wichtig. Aber dass unter den Ausführenden viele Jugendliche präsent waren, war wirklich ein sehr positives Zeichen.


Das Interview wurde 6. März 2006 im Deutschlandradio/Kultur gesendet