6. Jahrgang Nr. 3 / 24. März 2006 - 24. Adar 5766

Durchbruch auf allen Ebenen

Ausschnitte aus der Rede von Rabbiner Brandt vom 9. März 2006

[...] Dass wir heute hier so zusammensitzen, ist ein Erlebnis, von dem ich nie geglaubt habe, es erleben zu dürfen und ich danke allen Beteiligten, dass es dennoch zustande gekommen ist! [...] Zum ersten Mal, vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte, kommt der nach dem Papst ranghöchste Vertreter des Vatikans in Sachen religiöser Beziehung zum Judentum nach Deutschland, um die Rabbiner Deutschlands zu treffen. Hier, an jenem bedeutungsvollen Ort, in Berlin, wo der ganze Horror, der einmalige Holocaust ihren Ausgang nahmen, hier, wo noch heute die Folgen am meisten zu spüren sind. [...]

Bisher war das Gespräch, wenn es überhaupt stattfand, ein Gespräch zwischen den verschiedenen geistlichen Würdenträgern und den säkularen Vertretern des Judentum, Mitgliedern des Zentralrates der Juden in Deutschland. Dass es heute die Rabbiner sind, die ihren rechtmäßigen Platz in religiösen und theologischen Fragen einnehmen und dies – wie ich hoffe – auch in Zukunft tun werden, auch das ist ein Durchbruch, den wir heute feiern können.

Diese Begegnung kann man, so glaube ich, in unserem Kontext als historisch bezeichnen. [...] Ich rufe in Erinnerung, dass nur sehr wenige Juden in diesem Land überlebt haben und die jüdischen Gemeinden, die sich nach dem Krieg wieder formierten, meistens aus Menschen bestanden, deren Wurzeln nicht in Deutschland lagen. Leo Baeck hat dem Todesurteil über das deutsche Judentum bereits 1933 Ausdruck gegeben, indem er sagte, dass die tausendjährige Geschichte der Juden in Deutschland an ihr Ende gekommen sei. [...] Das war kein erfundenes Horror-Szenario, das war die raue Wirklichkeit. Und dann geschah ein Wunder, dass durch die Zuwanderung von Brüdern und Schwestern aus der ehemaligen Sowjetunion unsere Gemeinden neues Leben erhalten haben. Heute, keine zwanzig Jahre später, gibt es keine jüdische Gemeinde mehr in Deutschland, die an Torschluss denken, sondern sie beschäftigen sich mit Neubau, Erweiterung, Verbesserung der Infrastruktur und wie die vielfältigen neuen Aufgaben bewältigt werden können.

[...] Als nun unsere neuen Gemeindemitglieder die Säle füllten, gab es fast keine Rabbiner, die sie betreuen konnten. Und auch heute noch gibt es kein Ausbildungsinstitut für Rabbiner, sieht man von dem in den letzten Jahren gegründeten Abraham-Geiger-Kolleg ab, dessen Früchte wir noch erwarten. Viele meiner geschätzten Kollegen kamen aus dem Ausland. Nicht wenige hatten Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache und insgesamt mit dem kulturellen Hintergrund hierzulande, insbesondere den Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten, die mit dem Erbe der Schoa verbunden sind. Und alle zusammen sind wir konfrontiert mit jener minimalen Infrastruktur. [...]

Die Integration und Aufnahme der Zuwanderer und deren jüdische Bildung waren und sind für uns momentan im Judentum die ersten Prioritäten. Sie werden deshalb verstehen, warum der christlich-jüdische Dialog, das interreligiöse Gespräch bei den meisten Rabbinern nicht jene hervorragende Stellung einnehmen kann, die es vielleicht verdient hätte.

Herr Prof. Ernst-Ludwig Ehrlich, hat einmal gesagt, „unsere Geschichte trennt uns mehr als unser Glaube“. Wenn dem so ist, dann wird die Aussöhnung, die Annäherung, wahrscheinlich zum Modell für die Lösung aller Konflikte zu werden. Denn wenn wir Juden und Christen gemeinsam das hier schaffen, dann gibt es wohl keinen Konflikt, der nicht bereinigt werden kann. [...] Der neue Antijudaismus samt den Resten des alten wird zusätzlich geschürt von einem virulenten Judenhass seitens islamistischer Extremisten. Wir haben dessen Auswüchse erst jüngst in Frankreich erlebt. Es handelt sich hier um keinen Konflikt der Religionen. Nein, hier handelt es sich vielmehr um einen handfesten politischen und soziologisch begründeten Konflikt, gespeist durch die Konfrontationen zwischen Israel und Palästina, aber auch von all den anderen Konflikten im Nahen und Mittleren Osten. [...] Wenn wir allerdings schon über Palästina und Israel sprechen, dann möchte ich in Erinnerung rufen, dass die Verbundenheit mit dem Land Israel für unser jüdisches Selbstbild konstitutiv ist. [...] Wir nehmen uns das Recht und wir haben auch das Recht unsere Kritik rückhaltlos anzubringen. Aber was die Existenz und die Sicherheit Israels angeht, sind diese für uns unverhandelbar. Und deshalb haben wir mit Genugtuung und Freude registriert, wie der Vatikan seinerzeit die diplomatischen Beziehungen mit Israel aufgenommen hat. [...]

[...] Es ist an der Zeit, dass wir Juden mehr über das Christentum lernen und es uns zum Anliegen machen, herauszufinden, worin das Wesen und das Selbstverständnis des Christentums liegen. Nur so kann ein Dialog geführt werden. [...] Wer den Anderen nicht kennt, fürchtet ihn. Und aus Furcht erwächst mitunter Ablehnung und Hass. [...] Wir müssen genug Selbstvertrauen in unseren eigenen Glauben und genug Verantwortung in unsere eigene Praxis haben, um ohne Furcht auch die Inhalte anderer Religionsgemeinschaften kennen lernen zu können. Wenn wir das nicht tun, können wir nicht beanspruchen als gleichwertige Gesprächspartner akzeptiert zu werden. Und deshalb ist dies eine Voraussetzung für die gemeinsame Zukunft. [...]