6. Jahrgang Nr. 3 / 24. März 2006 - 24. Adar 5766

"Historische" Begegnung

Erstes Spitzentreffen von Rabbinern und Kirchenvertretern in der Katholischen Akademie Berlin

Begegnung auf Augenhöhe: Bischof Wolfgang Huber, Landesrabbiner Henry Brandt, Walter Kardinal Kasper und Kardinal Karl Lehmann. Foto: KNA

„Das größte Problem des Dialogs“, sagte Henry G. Brandt, „ist das Ungleichgewicht.“ Was das heißt, veranschaulichte der Vorsitzende der Deutschen Rabbinerkonferenz beim ersten Spitzentreffen mit führenden Vertretern des Vatikans und der katholischen und evangelischen Kirche in Deutschland Anfang des Monats in Berlin: Um alle katholischen und evangelischen Theologen Deutschlands zu versammeln, benötigte man ein Haus wie die Berliner Philharmonie. Für alle Pfarrerinnen und Pfarrer müsste es ein Stadion sein. Für die 25 Rabbinerinnen und Rabbiner in Deutschland - Brandt zeigt nach links neben das Podium in der Katholischen Akademie - genügten ein paar Stuhlreihen.

ourier new&quot >Wenn es nach dem Willen aller Beteiligten geht, war diese Begegnung der Beginn einer regelmäßigen Kooperation. Alle Beteiligten – der Präsident der Vatikanischen Kommission für religiöse Beziehungen zum Judentum, Kardinal Walter Kasper, der emeritierte Landesrabbiner Brandt und weiterer Repräsentanten aus Kirchen und Judentum - würdigten die Fortschritte in den Beziehungen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

ourier new&quot >Neu an dem als historisch bewerteten Treffen war vor allem, dass die jüdische Seite erstmals durch Rabbiner und nicht durch den Zentralrat der Juden als politisches Gremium vertreten war. Brandt bezeichnete es als "Wunder", dass die jüdischen Gemeinden in Deutschland, die vor 20 Jahren aus demografischen Gründen vor dem Aus gestanden hätten, durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion zu neuem Leben erwacht seien. Die meisten Rabbiner, die in der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) und der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) vereint sind, kamen in den vergangenen Jahren aus dem Ausland. Im Blick auf den christlich-jüdischen Dialog sprach Brandt von einer "Asymmetrie". Auf Grund des Zahlenverhältnisses müssten die christlichen Partner die meiste Arbeit beim Brückenbau zwischen den beiden Religionen leisten.

ourier new&quot >Der zweite Grund, aus dem das Treffen einen besonderen Charakter habe, sei die schlichte Tatsache, dass es auf deutschem Boden, in Berlin, unweit des Holocaust-Mahnmals stattfand. "Wo die Wunden am tiefsten klafften und immer noch klaffen", wie es Brandt formulierte.

Kasper hob hervor, dass nach der Schoah ein Umdenken in den Kirchen begonnen habe und diese ihre jüdischen Wurzeln neu entdeckt hätten. Diese Neuorientierung gehe weit über politisch-ethische Fragen hinaus und betreffe die christliche Identität in ihrem Kern, sagte der Kurienkardinal. Die vor 40 Jahren vom Zweiten Vatikanischen Konzil formulierten Einsichten müssten aber immer wieder neu in den Gemeinden vermittelt und praktisch verwirklicht werden. Der Dialog zwischen Kirche und Judentum habe gezeigt, dass ein neuer Anfang möglich ist, und damit auch einen Beitrag zum Frieden in der Welt geleistet, so der Kardinal: "Wir brauchen einander, und die Welt braucht uns." Neben der Arbeit an historischen und systematisch-theologischen Fragen bedürfe es dabei auch der praktischen Zusammenarbeit etwa im Kampf gegen den Antisemitismus.

ourier new&quot >Bei allem Wandel, dem nicht zuletzt die Päpste Johannes XXIII., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Ausdruck verliehen hätten, "stehen wir noch immer am Anfang", betont Kasper. So gebe es bisher weder eine umfassende christliche Theologie des Judentums noch umgekehrt eine jüdische Theologie des Christentums. Kasper wurde noch konkreter: An einer deutschen Universität könnte nach US-Vorbildern ein Institut für christlich-jüdische Studien geschaffen und dafür renommierte Wissenschaftler für Gastprofessuren gewonnen werden.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, nannte in seinem Grußwort die Konzilserklärung "Nostra aetate" über das Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen mit seinen Aussagen über das Judentum einen "tief greifenden Wendepunkt". An die Stelle eines Blicks gewissermaßen von oben auf die Juden durch Theologie und Kirche sei ein Wechsel der Perspektive auf die "Wurzel", die die Christen trage, getreten.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, sagte, in den vergangenen Jahren seien Vertrauen und Wertschätzung zwischen Christen und Juden gewachsen und die früheren Vorurteile aufgearbeitet worden. Gerade in einer Zeit, in der von einer "Rückkehr der Religion" gesprochen werde, sei das Verstehen der je eigenen Herkunftstradition wichtig. Der jüdisch-christliche Dialog könne so als beispielhaft für die anstehenden Aufgaben gesehen werden.
zu/kna/dpa

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