4. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2004 - 9. Ijar 5764

Die Herausforderung heute heißt Integration

Sprachförderung, attraktive Gottesdienste, Vernetzung der Gemeinden - Eindrücke vom Gemeindetag 2004 in Düsseldorf, bei dem die Nöte und Bedürfnisse der Zuwanderer im Mittelpunkt standen

Von Heide Sobotka

Hat sich der Gemeindetag gelohnt? Ja! Fangen wir bei den messbaren Dingen an. 120 Teilnehmer aus 46 Gemeinden waren Ende März nach Düsseldorf gekommen. In zehn Workshops versuchten sie, Fragen und Probleme unter politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und soziologischen Aspekten rund um die Integration der jüdischen Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion zu behandeln. Nach 24 Stunden konnte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, ein positives Fazit ziehen: Man hat sich kennengelernt, von Nöten und Bedürfnissen anderer Gemeinden erfahren.

Ergebnisse, Anregungen, praktische Beispiele konnten konkret festgehalten werden. A und O der Integration ist die Sprache. Ihr Erwerb wurde als große Aufgabe der Gemeinden klar formuliert. Denn: Sprache ist eine der Voraussetzungen, in Deutschland im gelernten Beruf wieder einsteigen zu können. Sprache als das notwendige Kommunikationsmittel in der deutschen Gesellschaft. Doch was wird an Sprachkursen angeboten? Finanzierte Sprachkurse bedienen vor allem die arbeitsfähige Bevölkerung. Kinder lernen im Kindergarten und in der Schule. Herausfallen die Älteren. Hier sind die Gemeinden gefordert - meist überfordert.

Meinhard Tenné, Vorsitzender der unabhängigen Kommission Integrationsförderung, belegte, dass 2002 etwas mehr als 23 Prozent für die Sprachförderung, 2003 etwas mehr als 28 Prozent für Sprachfödermaßnahmen aus dem Finanztopf für Integrationsmaßnahmen gezahlt worden sind. Dennoch reicht das Angebot an Kursen nicht aus, das Geld auch nicht. Individuelle Ideen sind gefragt. Michael Lewinz aus Darmstadt schlug vor: Die ehrenamtlichen Dienste von pensionierten Deutschlehrern in Anspruch zu nehmen. Die Jüdische Gemeinde Weiden in der Oberpfalz hat das eigene Deutschlehrbuch „Willkommen in der Gemeinde“ entwickelt. Es basiert auf dem Standard-Unterrichtsmaterial „Willkommen in Deutschland“ und ersetzt Alltagssituationen durch religiöse Grundkenntnisse und Erlebnisse in der Gemeinde. Ein Lehrbuch, das Schule machen könnte. Vor allem verbindet es zwei Herausforderungen an die Gemeinden: Spracherwerb und Integration in die jüdische Gemeinde durch Vermittlung von religiösem Basiswissen. Ein Problem, mit dem sich zunehmend auch Rabbiner auseinandersetzen.

Während Rabbiner Julien Soussan aus Düsseldorf gern ein Beispiel aus Israel aufgreifen möchte, die Synagoge zu verlassen und den Gottesdienst in anderen „attraktiven“ Umgebungen zu gestalten. Vom langweiligen Gottesdienst will er hin zu einem individualisierten, auf die Altersgruppen abgestimmten Gottesdienst: Kinder spielen, Jugendliche diskutieren und singen und für die Eltern die traditionelle Form anbieten.

Rabbiner Henry G. Brandt hingegen will die Synagogen selbst attraktiver machen. Judentum ist nicht nur Kultus, sagt er. Praktizieren dürfe nicht mit Ritualisieren verwechselt werden. „Wir müssen alle Sinne ansprechen.“ Und wenn Gottesdienste als langweilig empfunden würden, liege es an den Rabbinern, ihn spannend zu gestalten. Vorschlag: Einen kurzen Text aus der Tora ins Russische übersetzen und von der Bima aus vorlesen lassen. Die Predigt kann dann auf deutsch folgen. So würden die Zuwanderer aktiv in den Gottesdienst eingebunden und wissen, worum es geht. Brandts Devise: Religion häppchenweise.

„Nur, wo sind die Lehrer?“ fragte nicht nur Sara-Ruth Schumann aus Oldenburg. Polina Byelyenkkova aus Brandenburg beklagt „Wir haben keine Tora, wir haben keinen Religionslehrer, erst recht keinen Rabbiner. Was sollen wir machen?“ Rabbiner Joel Berger reagierte spontan: „Sie haben Probleme in Brandenburg, ich komme. Sein Angebot wiederholte der pensionierte Rabbi auch an andere Gemeinden.

Holt und hält man die Menschen auf diese Weise in den Gemeinden? „Sind wir nur ein Servicecenter zur Integration in die deutsche Gesellschaft?“, fragen sich vor allem Gemeindevorsitzende. „Werden wir missbraucht und spielen anschließend keine Rolle mehr, wenn die Wohnung gefunden, die Fortbildungsmaßnahme bewilligt und eine Bewerbung Erfolg hatte? Wie halten wir die Menschen in unseren Reihen, angesichts der Tatsache, dass 60 Prozent der erwachsenen Kinder von Gemeindemitgliedern dieser nicht mehr angehören?“ Durch Herzlichkeit, durch Zedaka, durch das, was die Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion als jüdisch kennen, betonte Thomas Dahmen aus München. Herz bieten, Wärme geben. „Nicht mit der geballten Religiosität zuschlagen, sondern sie mit einem Hauch vermitteln“, schlägt der Münchener vor.

Viele Zuwanderer über 25 Jahre haben einfach andere Probleme als die Religion. „Wenn sie durch uns einen Job finden, werden sie sich immer daran erinnern“, sagt beispielsweise Michael Piewski aus Dortmund. Sein Vorschlag: eine vernetzte jüdische Jobbörse. Abrufbar im Internet. Generalsekretär Stephan Kramer nahm die Idee gern auf.

Wichtig bei der Arbeitssuche sei jedoch die Motivation, weiß Alexandre Lourie. „Die Menschen in der Sowjetunion haben nicht gelernt, selbst Initiative zu ergreifen“, so der 40-jährige Programmierer aus Chemnitz. Seit zehn Jahren ist er in Deutschland, seit neun Jahren fest im Beruf. „Es geht“, sagt er fast fordernd. Netzwerke, globaler denken - Forderungen, die beim Gemeindetag immer wieder laut wurden. „Wir müssen mehr miteinander sprechen“, fordert Gabi Brenner aus Weiden. Zu sehr kapsele man sich immer noch von anderen ab.

„Wir müssen umdenken“, fordert Generalsekretär Kramer und griff einen Gedanken von Zentralratspräsident Paul Spiegel auf: Der politische Hintergrund für die geregelte Zuwanderung war ursprünglich, die jüdischen Gemeinden zu stärken. „Stärken wir sie und sprechen nicht von den Problemen der Zuwanderung, sondern von der Herausforderung, ja der Chance durch sie“, mahnte Kramer ein Umdenken auch in den Köpfen der Funktionsträger an. Sein Fazit: Die Rabbiner müssen sich über die Grenzen von liberalem und orthodoxem Denken an einen Tisch setzen. Der Zentralrat lädt sie zum 12. Mai ein.

Jüdische Netzwerke müssen entweder aufgebaut oder erweitert werden. Existenzgründunghilfen geschaffen, Begabte gefördert werden. Der Zentralrat sei sich vollkommen bewusst, dass die Hauptlast der Integration bei den Gemeinden liegt.

Das wird sie auch weiterhin. Viele der beim Gemeindetag angesprochenen Ideen hatte Heinrich Olmer in seiner Bamberger Gemeinde auch schon ausprobiert. Dennoch hat sich für ihn der Weg nach Düsseldorf gelohnt: „Es tröstet, dass es woanders ähnlich aussieht wie in seiner Gemeinde.“ Wolfgang Nossen, Vorsitzender der Landesgemeinde Thüringen aus Erfurt gibt unumwunden zu, „ich lerne jeden Tag hinzu, auch beim Gemeindetag“. Ursula Amitai aus Freiburg hat gelernt, dass kleine Gemeinden mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen haben als die großen mit einer intakten Infrastruktur vom Kindergarten bis zur Chewra Kadischa, der Beerdigungsbruderschaft.

Marieluise Beck und der Erfurter Soziologe Doron Kiesel aus Erfurt diskutierten über das Thema Integration unter einem politischen beziehungsweise soziologischen Aspekt. Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration räumte mit einem in Zuwandererkreisen kursierenden Gespenst auf, die Zuwanderungsmöglichkeit würde möglicherweise irgendwann einmal gestoppt. Im künftigen Zuwanderungsgesetz werde die jüdische Einwanderung aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion in Paragraph 23 Absatz 2, das das dauerhafte Niederlassungsrecht regelt, als humanitär begründete Zuwanderung geregelt.

Auch wenn man dieses Mal nichts protokolliert hatte: Die Teilnehmer haben sehr viele Anstöße und Ideen bekommen.

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 12/25.3.2004