12.03.2006

Eine skandalöse Kunstaktion

„Das Kunstprojekt von Santiago Sierra ist ein Skandal. Dies ist eine niveaulose Provokation auf Kosten der Opfer des Holocaust“, so der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer, in einer ersten Reaktion auf die Aktion des spanischen Künstlers in dem jüdischen Bethaus von Pulheim-Stommeln.

„Wer meint, es sei Kunst, eine ‚Gaskammer’ durch hochgiftige Autoabgase, noch dazu in einer ehemaligen Synagoge, zu simulieren, um damit vermeintliche Authentizität zu vermitteln, missbraucht schamlos die Kunstfreiheit. Das fiktive und geschmacklose Kunstspektakel verletzt nicht nur die Würde der Opfer des Holocausts sondern der jüdischen Gemeinschaft. Dies hat absolut nichts mit Erinnerungs- oder Gedenkkultur zu tun“, so Kramer weiter.

„Die Sierra-Verfehlung und die Reaktion der kommunalen Verantwortlichen macht erneut deutlich, dass eine intensive Diskussion über neue und angemessene Formen der Erinnerungskultur längst überfällig ist. Eine Forderung, die der Zentralrat der Juden nicht erst bei der Auseinandersetzung um das Holocaust-Mahnmal in Berlin ins Gespräch gebracht hat. „Auch hier wurde schnell klar, dass das Eisenman-Denkmal ohne den Ort der Information, niemals die tiefgreifende und nachhaltige Erfahrungsbildung erreichen kann, wie dies die authentischen Orte der Verfolgung tun können“, so Kramer.

„In einer Zeit, in der immer weniger authentische Zeitzeugen über die Grauen des Nazi-Terrors berichten können, müssen wir seriöse und angemessene Wege finden, um gerade bei jungen Menschen, ohne Schuldzuweisungen, ein Verantwortungsgefühl für die Gegenwart und
Zukunft zu erreichen. Das Werk Sierras degradiert Geschichte zu einem fiktiven Spektakel und ist dabei nur schädlich“, so Kramer enttäuscht.

Berlin, den 12. März 2006