4. Jahrgang Nr. 4 / 30. April 2004 - 9. Ijar 5764

Worte und Gewalt

Eine EU-Studie belegt den Anstieg des Antisemitismus in europäischen Ländern

Zukunft 4. Jahrgang Nr. 4
Zukunft 4. Jahrgang Nr. 4

Von Christian Böhme

Der Antisemitismus ist in mehreren Ländern der Europäischen Union in den vergangenen Jahren beträchtlich angestiegen. Zu diesem Ergebnis kommt ein 300 Seiten starker Bericht der Europäischen Stelle zur Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit (EUMC), der jetzt dem Europaparlament in Straßburg vorgestellt wurde. Besonders dramatisch sei die Entwicklung in Deutschland gewesen. Dort habe die Zahl antisemitischer Handlungen von 1999 bis 2000 um fast 70 Prozent zugenommen. 2002 habe es zwar einen leichten Rückgang gegeben, doch stieg die Zahl der Gewalttaten gegenüber dem Vorjahr von 18 auf 28 an. Die meisten Vergehen in Deutschland seien Delikte im Zusammenhang mit der Aufstachelung zu Rassenhass und Propaganda-Straftaten gewesen.

Die Täter in der EUsind laut Bericht vor allem junge und weiße Rechtsextreme. Immer häufiger hätten Opfer die jeweiligen Peiniger aber auch als „junge Muslime“ oder als „Personen nordafrikanischer Abstammung“ beschrieben. Offiziell wird in dem Bericht auch der Nahost-Konflikt als Grund für die besorgniserregende Entwicklung genannt. Im Herbst war es zu einem heftigen Streit um den Inhalt und die Veröffentlichung einer ersten Studie gekommen, die das Berliner Zentrum für Antisemitismusforschungerstellt hatte. Jüdische Organisationen hatten der EUMCvorgeworfen, sie wolle die Ergebnisse unterdrücken, weil sie politisch nicht willkommen seien. Gemeint war die Verbindung zwischen Antisemitismus und dem Nahostkonflikt.

EU-Parlamentspräsident Pat Cox sagte, das Resultat dieser neuen, europaweiten Studie sei „ein Schlag ins Gesicht der Grundwerte der Union“. In Europa müsse sich jeder - unabhängig von seiner Herkunft oder Religionszugehörigkeit - zu Hause fühlen können. Einen entschiedeneren Kampf gegen Antisemitismus in Europa forderte die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Ihr Vorsitzender Avner Shalev verlangte größere Bemühungen gerade bei der Erziehung. Shalev betonte, der Bericht sei an sich von großer Bedeutung, jedoch schrecke er vor tiefgreifenden Schlußfolgerungen zurück. „Wir hoffen, dass die EU-Mitglieder sich dem Problem des Antisemitismus in ihrer Mitte ernsthaft stellen“, sagte Shalev. Der Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses, Cobi Benatoff, sprach ebenfalls davon, dass die Veröffentlichung der EU-Studie nur ein erster Schritt sein könne.

In Frankreich wurden 2002 mehr als 300 rassistische, fremdenfeindliche oder antisemitische Vorfälle registriert, von denen jeder zweite gegen die jüdische Gemeinschaft gerichtet war – von tätlichen Angriffen auf Juden bis zu Anschlägen gegen jüdische Friedhöfe und Schulen. In Belgien, den Niederlanden und Großbritannien verzeichnete die EUMCebenfalls einen deutlichen Anstieg antisemitisch motivierter Delikte. In Griechenland, Italien, Österreich und Spanien gebe es zwar wenige judenfeindliche Übergriffe, aber in der Bevölkerung seien „antisemitische Aussagen von extremer Gehässigkeit im Alltag recht verbreitet“.