6. Jahrgang Nr. 2 / 24. Februar 2006 - 26. Schwat 5766

Ein „evangelischer Heiliger“

Vor 100 Jahren wurde der Pfarrer und Widerstandskämpfer im Dritten Reich, Dietrich Bonhoeffer, geboren

VonUlf Meyer

Der christlich motivierte Widerstand gegen das Nazi-Regime in Deutschland war schwach. Einer der wenigen prominenten couragierten Christen, die den Nationalsozialismus bekämpft haben, ist Dietrich Bonhoeffer. Die hundertste Wiederkehr seines Geburtstages am 4. Februar 2006 ist mit Gedenkfeiern in Berlin, Breslau und London gefeiert worden.

Bonhoeffers Zivilcourage musste er - wie andere Männer des deutschen Widerstands auch - am 9. April 1945 im Alter von nur 39 Jahren im bayerischen KZ Flossenbürg mit dem Leben bezahlen. Die evangelische Kirche in Deutschland ist davon überzeugt, dass sein „Weitblick, Mut und Glauben“ ihn zu einem „christlichen Märtyrer des 20. Jahrhunderts“ gemacht haben, denn kaum ein evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts hat zu Lebzeiten so tief in Kirche und Gesellschaft hineingewirkt wie er.

Bonhoeffer wurde 1906 als Sohn eines Psychiatrie-Professors in Breslau geboren und wuchs mit sieben Geschwistern im Berliner Villen-Stadtteil Grunewald auf. Der Sohn eines großbürgerlichen liberal-protestantischen Elternhauses kommt an der Berliner Universität schnell voran. Mit 21 Jahren wurde er promoviert, mit 24 habilitiert und war mit 25 Privatdozent.

Vom Theologen zum Christen wurde er aber erst während eines Studienaufenthalts in den USA. Bonhoeffer entdeckte die Bergpredigt „als Maßstab für den Umgang mit Verfolgten, besonders den Juden: Die Kirche ist allen, auch den nichtchristlichen Opfern jeder Gesellschaftsordnung verpflichtet. Eine Verstoßung der Juden aus dem Abendland muss die Verstoßung Christi nach sich ziehen; denn Jesus Christus war Jude".

Aus dieser Motivation heraus wurde Bonhoeffer zum Widerstandskämpfer gegen Hitler und schloss sich der Bekennenden Kirche an, die die Entfernung so genannter Nichtarier aus Kirchenämtern nicht akzeptierte. Weil Bonhoeffer in der "Deutschen Reichskirche" nicht Pfarrer sein wollte, ging er als Auslandspfarrer nach London. 1935 kehrte er zurück, um das Predigerseminar in Finkenwalde in Pommern zu leiten, das zwei Jahre später geschlossen wurde. Bonhoeffer bekam Lehr- und Redeverbot. 1940 schloss er sich dem Widerstandsgruppe gegen Hitler an: Offiziell galt er als Reiseagent der Militärischen Abwehr, tatsächlich weihte er Kirchenmänner im Ausland in die Putschpläne gegen Hitler ein.

Kurz nach seiner Verlobung wurde er 1943 wegen seiner Kontakte zu NS-Gegnern des Hoch- und Landesverrats beschuldigt und zunächst in Berlin-Tegel und dann im berüchtigten Gestapo-Kellergefängnis in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße inhaftiert. Das dort von ihm verfasste Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ wurde später zum Kirchenlied vertont.

Nach dem Stauffenberg-Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 fand die Gestapo Beweise für Bonhoeffers Verwicklung in die Umsturzpläne. Boenhoeffer wurde zunächst ins KZ Buchenwald, dann über Regensburg und Schönberg im Bayerischen Wald nach Flossenbürg gebracht, wo er erhängt wurde. Der letzte von ihm überlieferte Satz lautet: "Dies ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens."

In der St.-Matthäus-Kirche in Berlin, in der Bonhoeffer 1931 zum Pfarrer ordiniert worden war, erinnert eine von dem Künstler Johannes Grützke gestaltete Tafel an einen der wenigen deutschen, christlich motivierten Wiederstandskämpfer gegen die Hitler-Diktatur und eine über alle kirchlichen Lager hinweg bedeutende Integrationsfigur.