4. Jahrgang Nr. 3 / 19. März 2004 - 26. Adar 5764

Jesus Horror Picture Show

Nicht antijüdisch, nur grauenhaft: Mel Gibsons „The Passion of the Christ“

Von Christian Böhme

Entwarnung. Dieser Film ist kein übles antisemitisches Machwerk. Trotzdem muss vor ihm gewarnt werden. Mel Gibsons „The Passion of the Christ“ ist ein Martyrium, eine seelische und körperliche Qual, selbst für hartgesottene Kinogänger. Zum Beispiel die Folterszenen. Da wird Jesus von römischen Legionären an einen Holzblock gekettet und minutenlang ausgepeitscht, erst mit Rohrstöcken, dann mit der „neunschwänzigen Katze“. Immer wieder schlagen die Männer auf das Häufchen Elend ein. Sie haben glänzende Augen, es macht ihnen Spaß. Das Blut spritzt den Peinigern ins Gesicht. Ihre Füße sind rot gefärbt. Der Leib Jesu nur noch ein rohes Stück Fleisch. Alles in Nahaufnahme. Ein Alptraum – für das Opfer und die Zuschauer. Spätestens jetzt hat die Gewaltorgie die Zumutbarkeitsgrenze überschritten. Da sind aber erst 70 der 127 Minuten von Mel Gibsons Film überstanden. Und eine Stunde Bilderhöllenfahrt steht noch an.

Mel Gibson hat wahr gemacht, was er mehrfach angekündigt hatte: „The Passion“ sei „extrem, schockierend, gewalttätig“. Der Hollywood-Star hat Wort gehalten - leider. Davon konnten sich Kinobesucher in den USA seit Februar, bei uns seit wenigen Tagen überzeugen. In Amerika lief das Marterwerk über die letzten zwölf Stunden im Leben Christi mit viertausend Kopien an. Es war der größte Filmstart aller Zeiten. Die Produktionskosten (30 Mio. Dollar aus Gibsons Privatvermögen) wird das Werk wohl bereits wieder eingespielt haben.

Ob hierzulande Gibsons Version der Passion Christi einen Besucheransturm wie im tiefreligiösen Amerika auslösen wird, darf bezweifelt werden. Die Zuschauer bekommen für ihr Geld eine mit Hilfe der Maskenbildner in Szene gesetzte, oft abstoßende cineastische Predigt eines Eiferers zu sehen. Und ein solcher ist Gibson als Erzkatholik und Mitglied der Sekte „Catholic Church“ mit Sicherheit. Ist das der Grund dafür, dass bei ihm der Leidensweg Christi – Verrat, Prozess, Folter, Kreuzigung – zu einem orgiastischen Schmutz-Spektakel im religiösen Gewande verkommt?

Gibson lässt die Zuschauer visuell und akustisch am Leiden Jesu Christi (gespielt von James Caviezel) teilhaben, versucht mit den (Original-)Sprachen Aramäisch und Latein Authentizität zu schaffen. Echtes Mitgefühl jedoch kommt nicht auf. Der Film appelliert vielmehr an eine besonders obszöne Art des Voyeurismus. Dafür nutzt der Regisseur alles, was die moderne Filmtechnik so zu bieten hat. Am liebsten aber setzt Gibson auf Nähe und Langsamkeit. Immer wieder fährt die Kamera ganz nah an das blutüberströmte und schmerzverzerrte Gesicht Christi heran, schaut dem Elend tief in die Augen. Ein anderes Mittel, die Qualen zu verlängern, ist die Zeitlupe. Ein Ohr wird abgeschlagen, Peitschen reißen Fleisch in Stücke, Hammer treiben Nägel durch Jesus Hände, Maria (Maia Morgenstern) weint um den Sohn – alles in Zeitlupe. Dazwischen kurze Rückblenden in die idyllische Zeit vor dem Martyrium, akustisch untermalt mit Panflötenmusik. Mini-Erholungspausen, die wie ein Alibi wirken, um sofort wieder zum Horror zurückzukehren.

Die Diskussion über die epische Breite und Tiefe der Gewalt im Film hat eine Debatte, die zuvor die Gemüter erregte, in den Hintergrund treten lassen: die Frage, ob Gibsons Passionsgeschichte antisemitisch ist. Nun, sie ist genauso judenfeindlich wie es das Neue Testament an dieser und anderen Stellen eben ist. Und an Markus, Lukas und Matthäus hat sich der 48-Jährige gehalten. Der jüdische Pöbel, angefeuert vom Hohepriester Kaiphas, fordert von Pontius Pilatus (der sich später theatralisch die Hände in Unschuld waschen wird) den Tod für Jesus. Aber diese Meute ist genau so klischeehaft geifernd dargestellt wie die römische Soldateska sadistisch. Vorurteile, Stereotypen à la Hollywood? Der Film ist voll davon. Liebe, Hoffnung, Vergebung? Fehlanzeige. Nach der Premiere hatte Gibson in einem Interview gesagt, er denke über weitere Bibelverfilmungen nach. „In diesem Buch gibt es gute Storys.“ Wenn das keine Drohung ist.

Aus Jüdische Allgemeine Nr. 9/4. März 2004