6. Jahrgang Nr. 2 / 24. Februar 2006 - 26. Schwat 5766

Durch und durch liberal

Die „Liberale Jüdische Gemeinde Hannover“ setzt auf Gleichberechtigung und Integration – ein Gemeindeportrait

Von Irina Leytus

Die Geschichte der „Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover“ begann bereits im September 1995. Die engagierten Gründungsmitglieder gaben ihrer Religionsgemeinschaft den Namen „Neue Jüdische Gemeinde“. Aus dem Namen wurden rasch Programm: Nach einer ernsten Auseinandersetzung innerhalb der etablierten Jüdischen Gemeinde Hannover suchten 79 „Abtrünnige“ nach einer „institutionellen“ Alternative. Dann allerdings sollte es noch drei Jahre dauern, bis die junge Gemeinde ihre genaue religiöse Ausrichtung fand, sich ihren endgültigen Namen gab und zunächst der Union progressiver Juden beitrat bis sie schließlich im November 2005 als Mitglied des liberalen Landesverbandes in den Zentralrat der Juden in Deutschland aufgenommen wurde. Für Ingrid Wettberg, die seit 1999 Gemeindevorsitzende ist, steht „liberal“ in erster Linie für die Gleichberechtigung von Männer und Frauen: So sind von den sieben Vorstandsmitgliedern fünf Frauen, im Gottesdienst werden Frauen zur Tora aufgerufen, manche Tragen Kippa oder Talit und Männer und Frauen sitzen beim Beten selbstverständlich gemeinsam.

Allerdings wird die liberale hannoversche Gemeinde von Männern betreut. Gabor Lengyel, der aus einer orthodoxen ungarisch-jüdischen Familie stammt, leitet die meisten Gottesdienste der liberalen Gemeinde gemeinsam mit anderen – auch weiblichen – Mitgliedern. Nach seiner Pensionierung hat der studierte Ingenieur beschlossen, sich seinen Lebenstraum zu erfüllen und Rabbiner zu werden. Am Rabbiner Seminar in Budapest will er noch in diesem Jahr promovieren und in Potsdam schon sehr bald seine Smicha machen. Außerdem ist der ehemalige Landesrabbiner von Niedersachsen und jetzige Gemeinderabbiner von Schwaben-Augsburg, Henry Brandt, weiterhin ein treuer Berater und Mentor für die hannoversche Gemeinde. Vor allem für besondere Fälle – zum Beispiel Hochzeiten – steht er immer gerne zur Verfügung. Frau Wettberg freut sich besonders darüber, dass sich alle bisherigen Hochzeitpaare unter der Gemeinde-Chuppa – die sie eigenhändig genäht hat - das Jawort gaben. Mehr noch: Die Namen des Brutpaares werden in die Chuppa gestickt und sind somit für immer dokumentiert. „Inzwischen sind wir bereits einmal rum um den Baldachin“, freut sich die Gemeindvorsitzende. „Mein größter Wunsch ist, dass künftige Brautleute unter der Chuppa die Namen ihrer Großeltern entdecken.“

Eigentlich hat Ingrid Wettberg wenig Zeit für solche Träume, denn der gesamte Vorstand hat alle Hände voll zu tun: Die Kleinkinder-, Schulkinder-, Bat- und Barmizwa Gruppen, die Jugendgruppe, der Frauentreff, die Sprachkurse, Yoga-Gruppe, Theater- und Musikgruppen, die auf einer Etage in einem Bürokomplex untergebracht sind, müssen aufwendig koordiniert und organisiert werden. Alle vierzehn Tage finden ein Kabbalat Schabbat, einmal monatlich der Schabbat-Gottesdienst statt. Hierfür hat die Gemeinde inzwischen ihre eigenen Gebetshefte auf Hebräisch, Deutsch und Russisch zusammengestellt. „Das ist wichtig, denn nur so können beispielsweise unsere russischsprachigen Mitglieder dem Gottesdienst folgen oder sich aktiv daran beiteleigen.“

Die Integration russischsprachiger Zuwanderer, die gut zwei Drittel der 500 Gemeindemitglieder ausmachen, ist für die „Liberalen“ die zentrale Herausforderung. Zwei der sieben Vorstandsmitglieder stammen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, zwei Sozialberaterin kümmern sich um Integrationsprobleme und eine Selbsthilfe-Gruppe, moderiert von einer speziell ausgebildeten russischsprachigen Psychologin, trifft sich wöchentlich. Aber am besten läuft die „beiläufige“ Integration von jungen, russisch-jüdischen Mitgliedern im Rahmen von „Jung und Jüdisch“ – einem Gemeindeangebot, das von Kindern der Gemeindemitglieder ins Leben gerufen wurde. Die 18 bis 30 jährige beten, philosophieren und feiern gemeinsam. „Sie sind unsere ‚Nachwuchs-Gemeinde’ und sie sorgen dafür, dass wir immer wieder neue Namen auf unsere Chuppa sticken können“, freut sich Ingrid Wettberg.